Jugendzentrum Konstanz: Nur ein kurzer Sommer der Autonomie?
Jugendzentrum Konstanz: Nur ein kurzer Sommer der Autonomie?
Der folgende Text ist ein Beitrag für eine Dokumentation zu Autonomen Zentren und AZ-Initiativen in Baden-Württemberg, der uns von den Autoren leicht abgeändert überlassen wurde.— (red)
Aufstieg und Zerfall des AJZ: Der kurze Sommer der Autonomie Ende 1989 taucht in Konstanzer autonomen Zusammenhängen die Vorstellung auf, im städtischen Jugendzentrum „Schlupfwinkel“ einen Kneipenbetrieb zu organisieren, der dann ab Anfang 1990 stattfindet.
Gleichzeitig werden von Seiten der Stadtverwaltung erste Umbaupläne bekannt: Die derzeitigen Besucherinnen sollen aus dem Juze verdrängt werden und die bauliche Sanierung einen Glaspalast-Luxusschuppen zum Ergebnis haben. Dahinter steht die „Überlegung“, daß Eigeninitiative von Jugendlichen nicht mehr so vorhanden sei und daher von Seiten der städtischen Jugendarbeit auf die Konsumhaltung der erst noch ins Juze zu lockenden neuen Besucherinnen Rücksicht genommen werden müsse. Kurz: Kulturarbeit statt „offene Jugendarbeit“. Der Jugendrat lehnt in einer Stellungnahme zu einer Sitzung des Jugendwohlfahrtsausschußes am 23.2.90 die Sanierungspläne ab und verteidigt das Konzept der „offenen Jugendarbeit“. Er fordert: Anhörung der Wünsche und Vorschläge des Jugendrats; Mitarbeit und Mitspracherecht des Jugendrats an der Konzeptdiskussion und -erstellung.
Ab 1.3. 1990 ist das Jugendzentrum offiziell geschlossen, die Sozialarbeiter ziehen sich zur „Konzeptdiskussion" zurück. Die von einigen Autonomen organisierte Mittwochskneipe findet weiterhin statt und wird auch als die Stadt das Juze für die Sommerpause ganz schliessen will, durchgesetzt. Auch der Jugendrat trifft sich weiterhin. Im Sommer wird der Verein „Juze statt Plastic“ gegründet, um sich selber besser zu organisieren und um gegenüber Stadtjugendpflege etc. eine stärkere Verhandlungsposition zu haben. Der Verein beantragt die Anerkennung als gemeinnützig.
Vom 28.—30. September 1990 finden die „Juze statt Plastic-Aktionstage“ mit Film, zwei Konzerten und einer Demo statt. Die Demo und die Konzerte sind gut besucht und mensch bemerkt, wie groß das Interesse und die Unterstützung für ein Jugendzentrum in Konstanz ist.
Ein autonomes Haus muß her!
Nach den Aktionstagen wird klar: Der Verein hat die Schnauze voll von den Verhandlungen mit der Stadt und den Hinhaltetaktiken der verbliebenen zwei Sozialarbeiter. Das Haus, das von städtischer Seite leersteht, soll mit Leben gefüllt werden — ohne städtische Kontrolle. Die Stadtjugendpflege hingegen stellt am 11. Oktober 1990 ihr Umstrukturierungskonzept vor. Es beinhaltet im Prinzip dasselbe wie das Konzept vorher.
Ab 1. März 1991 hat Konstanz ein Autonomes Jugendzentrum, das vom Verein Juze statt Plastic organisiert wird. Das Haus steht an drei Tagen pro Woche dem Verein zur Verfügung. Von April bis Juni gibt ein regelmäßiges Programm mit Konzerten usw. Es gibt drei geöffnete Abende — die Heavy-Metal-Kneipe — von eher jungen Leuten gemacht — ist am Montag noch dazugekommen.
Am 21. Juni wird dem Verein mitgeteilt, daß das Haus bis Montag, 24. Juni 7.30 Uhr geräumt sein müsse. Alle bisherigen Zusagen seien hinfällig. An diesem Tag würden Umbauarbeiten beginnen, da ab 1. Juli im Juze Flüchtlinge untergebracht werden müssten. Dies sei notwendig, da die Stadt keine anderen Räume habe. Treibende Kraft bei diesem Vorschlag war wohl der Konstanzer Sozialbürgermeister Wilhelm Hansen, der auch Kreisvorsitzender der CDU ist. Die Stadt hatte es in den vergangenen Jahren systematisch versäumt, geeigneten Wohnraum für Flüchtlinge zu beschaffen und war jetzt durch die Erhöhung der Zuweisungsquote in einer „Zwangslage“. Ganz abgesehen davon, daß es in Konstanz mindestens ein Dutzend leerstehender Häuser gibt.
Der Verein hat einen schriftlichen Nutzungsvertrag bis zum 29. Juni und eine mündliche Zusage, das Juze noch bis Beginn der Umbauarbeiten irgendwann im Herbst 91 nutzen zu können. Der Verein beschloß erstmal auf die Einhaltung des Nutzungsvertrages zu pochen, organisierte ein Frühstück und schickt die am Montag anrückenden Bauarbeiter wieder weg. Ab diesem Tag ist das AJZ faktisch besetzt. In den ersten beiden Tagen lassen sich auch verschiedene Stadtgrößen sehen und belabern die Anwesenden.
Der miese Versuch Flüchtlinge gegen den Verein auszuspielen, findet in der Öffentlichkeit breite Kritik: so verurteilen DGB-Jugend, die Gemeinderatsfraktionen von SPD und Grünen, die Jungsozialistlnnen und der AStA der Uni in unterschiedlicher Schärfe die städtische Politik. Der Verein entwickelt unter dem Motto „Ausländerinnen bleiben — Hansen vertreiben“ seinen Widerstand. Seine Interessen richten sich in keinster Weise gegen die Flüchtlinge (Forderung: Flüchtlinge in die Villen — Juze bleibt). Ab dem 29. Juni ist die Besetzung nicht mehr durch den Vertrag „gesichert“. Die Stadtverwaltung richtet an die Konstanzer Polizei einen „Überwachungsauftrag“, so daß fast den ganzen Tag Polizeiautos auf dem Gelände zu sehen sind. Am 2. Juli wird die Beschlagnahmung der vom Verein genutzten Räume angeordnet. Dies ist auch die .Rechtsgrundlage' für die am 4. Juli erfolgte polizeiliche Räumung. Die Beschlagnahmung hätte rein rechtlich auch gegenüber jedem anderen auch nur teilweise leerstehenden Gebäude in Konstanz angewandt werden können.
AJZ im Exil
Juze statt Plastic steht nun auf der Straße — die auch gleich als neues Betätigungsfeld genützt wird. So gibt es mehrere Demos, andere Aktionen und jeden Montag die Kneipe am Lenk-Brunnen. Anläßlich der Eröffnung des städtischen „Sommerprogramms der Stadtjugendpflege" am 6. Juli wird Sozialbürgermeister Hansen derart von AJZ-Leuten beklatscht, daß er seinem Redekonzept nicht folgen kann. Am 10. Juli findet ein Verhandlungsgespräch zwischen Verein und Stadtverwaltung statt, bei dem aber außer „man werde sich bemühen“, „es gibt keine Räume“ und „viele Probleme seien gemeinsam zu lösen" nichts herauskommt. Im August wird noch ein teilweise schlecht besuchtes Sommerprogramm des AJZ im Exil durchgezogen. Danach findet noch bis Herbsteinbruch die Lenkbrunnenkneipe statt.
Das Verhalten der Stadt
Daß die Stadtverwaltung dem Verein und seinen Inhalten nicht freundlich gegenüberstand dürfte nicht verwundern. Ebensowenig, daß sie sich das Juze als schwächsten Gegner bei der Unterbringung der Flüchtlinge aussuchte. Die Sozialarbeiterinnen gaben zwar öfters Lippenbekenntnisse für den Verein ab, gaben auch in internen Gesprächen mit dem Verein Differenzen mit ihren Vorgesetzten zu — pochten aber im Zweifelsfall auf die kleinliche Einhaltung der (Knebel-)Verträge und vertraten öffentlich die Positionen ihrer Vorgesetzten. Der Höhepunkt ihres Wirkens war als sie im Mai 91 die Disco ,Attic' eigenhändig zerstörten.
Zweimal wurde versucht, Veranstaltungen im Juze zu verbieten. Im Mai 1990 sollte im Rahmen der 1. Konstanzer Woche der Erwerbslosen im Juze ein Film zum Thema „Nulltarif für Erwerbslose“ des Hamburger Jobberinnenladens gezeigt werden. Die Aufführung wurde nach Kontakten mit den Bullen verboten und fand dann im Kulturladen statt. Im November 90 wurde im Rahmen einer Aktionswoche „Widerstand gegen das IV. Reich“ ein AntifaVideo trotz Verbot gezeigt.
Der Stand der Dinge
Ob der Verein nochmals aktiv wird, ist fast ausgeschlossen. Viele der Besucherinnen sind wieder in ihrer Stammkneipe „Mauerblümchen", wo sie sich vor und während der AJZ-Zeiten auch schon aufhielten. Andere Aktivistinnen engagieren sich etwas im Kulturladen. Die Flüchtlinge waren bis Dezember 91 im Jugendzentrum untergebracht, obwohl dort schon am 1. Oktober 91 der Umbau beginnen sollte. Zur Zeit (Februar 92) beginnen wohl die Umbauarbeiten — das Juze gleicht einer Baustelle. Die städtischen Vorstellungen gehen im Moment davon aus, daß das „neue" Jugendzentrum frühestens in Sommer 1993 eröffnet werden soll. Das bauliche Konzept ist eine abgespeckte Version des Glaspalast-Planes. Ein inhaltliches Konzept gibt es wie in den vergangenen zwei Jahren immer noch nicht.
Einschätzung
Da keine Ersatzräume erkämpft wurden und da der Verein zur Zeit nicht aktiv ist, ja fast nicht mehr existiert, und wenn mensch bedenkt, wie klein das Interesse an einem AJZ zur Zeit noch ist, ist die AJZ-Geschichte eine Niederlage. Ursachen dafür sind unter anderem, daß es nicht gelang, innerhalb des Vereins solche Strukturen aufzubauen, die ein solidarisches Diskutieren und ein kollektiveres Handeln ermöglicht hätten. Es gab einen Mangel an Einsicht, daß mensch für seine/ihre Interessen kämpfen muß und kann. Weiter blieb zum Beispiel der Informationsvorsprung zwischen Rodlern, die über Verträge verhandelten usw. und anderen immer vorhanden, diese sich auch auf andere Bereiche erstreckende Kluft konnte von Seiten der Rödler nicht aufgehoben werden. Gleichzeitig war oft eine ziemliche Konsumhaltung unter den Besucherinnen und Vereinsmitgliedern zu beobachten — ein Punkt, der ebenfalls nicht geändert werden konnte. Auch verfolgten viele innerhalb des Vereins nur (ihre) Teilinteressen, d.h. die Motorradfreaks interessieren sich nur für ihre Werkstatt, Bands waren an wenig mehr interessiert als an Auftrittsmöglichkeiten, manche wollten ein AJZ als politische Zentrum, andere als Freiraum zum Absaufen usw usw. Wie weit hier die Interessen und Standpunkte auseinandergehen zeigt das Beispiel der sog. „Deeskalationsgespräche“. Im September 1991 überfielen Faschos ein Fest von Leuten aus dem AJZ-Spektrum. Kriminalpolizei und andere organisierten eine Deeskalationsrunde an der „Punks“ und die sich mittlerweile in einem Kreisverband der „Nationalen Offensive“ organisierenden Faschos teilnehmen sollten und auch teilnahmen. Es war bei den Punks nicht verankert, daß es keinen Sinn macht und schädlich für uns ist, mit Faschos zu diskutieren. Weiter gab es unter den aktiveren Leuten Ermüdungserscheinungen, die vom täglichen Organisationskram und nervigen Vereinsplena überfordert waren. Eine weitere Rolle spielten zeitliche Faktoren, so fiel z. B. die Räumung kurz vor die Sommerpause.
Als großes Problem hat sich der Umgang mit gewalttätigen Männern und mit sexistischem Verhalten erwiesen. So konnten Leute, die aggressiv wurden, nicht hinausgeworfen werden und waren auch Hausverbote innerhalb der Aktivistinnen nicht Konsens. Die Überforderung durch sinnlose oder auch gegen das AJZ gerichteter Gewalt hat sicher zur Resignation vieler sehr wesentlich beigetragen.
Wegen dieser Gewalt und den damit oft einhergehenden Sexismus lehnten viele Frauen, die das AJZ besucht hatten, dieses ab und kamen dementsprechend weniger oder gar nicht mehr. Eine Tatsache, die an den meisten autonomen Männern spurlos vorbeiging. Zwar waren viele der Vereinsmitglieder oder der Besucherinnen Frauen, die prägenden Positionen innerhalb des Vereins wurden aber fast durchgehend von Männern eingenommen. Juze bleibt — ein Lehrbeispiel autonomer (Kampagnen-) Politik?
Der Verein und das AJZ wurden in unterschiedlichen Phasen unterschiedlich stark von Menschen aus der autonomen Linken (mit-)geprägt. So war die Krise der autonomen Zusammenhänge, aus der heraus erst die Idee entstand, in die Auseinandersetzung um das Juze einzugreifen, vielen gar nicht bewusst und wurde dementsprechend nicht thematisiert. Weitere Probleme waren nicht geführte inhaltlich/theoretische Diskussionen innerhalb des Vereins, was bedeutet Juze oder AJZ für uns, was ist „Kultur von unten". Die Unterschiede innerhalb des Vereins und der AJZ-NutzerInnen bezüglich Alter, sozialer und finanzieller Lage, Arbeitssituation, unterschiedlichem Alltag und Ansprüchen und Bedürfnissen an ein AJZ konnten nicht genug aufgelöst werden, sofern das überhaupt möglich oder wünschenswert ist.
Die Unverbindlichkeit autonomer Strukturen ist ja hinreichend bekannt, so daß wir uns dazu weitere Ausführungen hierzu sparen. Überrascht hat uns aber doch, daß die Räumung und die nachfolgenden Kämpfe für Ersatzräume gerade sieben Monate her sind, und wie wenig uns und andere noch damit verbindet. Einige Autonome prägten gar die Parole „Nie wieder ,Kein Tag ohne autonomes Zentrum'“.
Ein Manko war sicher auch, daß der Verein zu wenig eigene Öffentlichkeits- und Bündnisarbeit betrieb. Dadurch wäre es vielleicht möglich gewesen, eine breitere Basis für ein AJZ zu schaffen. So gab es nach dem oben schon erwähnten Fascho-Überfall eine Initiative betroffener Eltern — etwas was auch zu AJZ-Zeiten möglich gewesen wäre.
Auch der Zusammenhang in dem die Umstrukturierung des Juze steht — Verdrängung armer Leute aus der Stadt an die Ränder, Luxussanierungen, Konstanz als Tourismus-, Einkaufs- und Kongreßstadt, gemachter Mangel an billigem Wohnraum — hätte vielleicht mehr thematisiert werden sollen.