Jugendzentrum Schlupfwinkel: Stadt plant schnelleren Umbau — für wen?
Jugendzentrum Schlupfwinkel: Stadt plant schnelleren Umbau — für wen?
Der Jugendhilfeausschuß (JHA) des Konstanzer Gemeinderats beschloß am 12. Februar 1992 die Verwaltung zu beauftragen, übergangsweise Ersatzräume für das leerstehende Jugendzentrum Schlupfwinkel zu suchen. In Frage kommen verschiedene Gebäude auf dem Gelände Klein Venedig sowie das im städtischen Besitz befindlichen und derzeit leerstehende Gebäude der Metzgerei Sulger in der Wessenbergstraße. Gewichtiger ist die beschlossene Empfehlung des JHA an den Gemeinderat über eine Umstellung der Finanzierung die Möglichkeit zu geben, das Juze früher als geplant, nämlich zum Mai/Juni 1993 zu eröffnen.
Hintergrund der Beschlüsse ist das sogenannte Problem der „Jugendgewalt“ und „radikaler Jugendlicher“. Mit dem schnelleren Umbau soll nach Ansicht von Stadtverwaltung und Polizei den „radikalen Gruppen“ das Umfeld abgegraben werden. Die anwesenden „Fachleute“ Schumann von der Psychologischen Beratungsstelle des Landkreises sowie Dieter Blum und Wolfgang Büche von der Konstanzer Kriminalpolizei stellten das Problem so dar: Es gibt eine besorgniserregende Tendenz unter 13-bis 17-Jährigen, sich radikalen Gruppen anzuschließen. Die allermeisten von ihnen sind aber Mitläufer und werden von Älteren für deren extremen Ziele instrumentalisiert. Ihre Anzahl betrage circa 120. Auch ist es öfters zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den radikalen Gruppen gekommen.
Im Zuge der dann gestarteten Gespräche ist dann von beiden Seiten der Mangel an Treffpunkten konstantiert worden. Dem sei Abhilfe zu schaffen, außerdem bräuchten diese Jugendlichen spezielle sozialarbeiterische Betreuung. Mit dem Beschluß meint der JHA nun, das Problem vorerst gelöst zu haben. Daß es im Ausschuß gegenteilige Äußerungen gab, widerspricht dem nicht. Mit den beiden Beschlüßen erreicht der Umgang mit faschistischen Jugendlichen in Konstanz — und nichts anderes steckt hinter den „radikalen Jugendlichen“ — einen neuen Höhepunkt. Die Faschistinnen werden als Gesprächspartnerinnen ernst genommen, als Teil von Jugendkultur verharmlost und im neuen Jugendzentrum soll auch für sie Platz sein. Gunnar Senger, Kreisvorsitzender der faschistischen .Nationalen Offensive' und deren Ersatzbewerber für die Landtagswahl, hatte schon in einem Leserbrief an den .Südkurier' am 21. Oktober 1991 gefordert, daß auch Skinheads städtische Räume zur Verfügung gestellt werden sollten. Dem kommt die Stadt nun nach.
Die städtische Jugendarbeit ist in weiten Teilen konzeptlos. So sagte die Sozialarbeiterin Beate Schmidt in der vorletzten JHA-Sitzung, es müsse erst eine Umfrage unter Jugendlichen gemacht werden, um ihre Bedürfnisse zu erfragen. Gleichzeitig wird für eine Million Mark der Umbau ohne genauere inhaltliche Vorstellungen vorangetrieben. In einem Punkt hat die Stadtverwaltung ein Konzept: sic hat in der Vergangenheit die Arbeit des Vereins Juze statt Plastic e.V., der im Juze über ein Jahr aktiv war und darin drei Monate selbstverwaltet gearbeitet hatte, systematisch sabotiert und dessen Forderung nach Ersatzräumen ignoriert.
Zum Ausgleich sollen nun Faschistinnen ausdrücklich im neuen Juze Platz haben. Faschistinnen werden als Teil des demokratischen Spektrums akzeptiert anstatt — wie es vielleicht die Solidarität mit den Opfern faschistischer Gewalt gebieten würde — ausgegrenzt. Wer meint, die Faschistinnen und ihre Mitläuferinnen im neuen Jugendzentrum reintegrieren zu können — vorausgesetzt Punks und Antifaschistinnen vertreiben sie nicht aus diesem — irrt. Der Beschluß ermutigt die Faschistinnen eher, haben sie doch eine ihrer Forderungen durchgesetzt. Wer Faschistinnen in ein Jugendzentrum einlädt. meint, diese würden von ihren rassistischen, sexistischen und nationalistischen Gedanken und Taten ablassen, wenn ihnen nur genügend Tischtennisplatten zur Verfügung gestellt werden.
Aber das ist deutsche Tradition: das Verständnis aller Demokratinnen für die rassistischen Täterinnen — die Opfer sind selbst schuld: sie bräuchten sich nur anzupassen oder nicht nach Großdeutschland zu flüchten. - (be)