PKK-Generalsekretär Öcalan über Föderation und Befreiungskampf
PKK-Generalsekretär Öcalan über Föderation und Befreiungskampf
... In der Außenpolitik sollte meiner Ansicht nach eine Perspektive entwickelt werden, die ihre Grundlage in einer Föderation der Völker des Mittleren Ostens hat. Manche sprechen von einer „islamischen Wirtschaftsgemeinschaft“, andere wiederum von einer „türkischen Föderation“ oder einer „türkischen Wirtschaftsgemeinschaft“. Bei keiner dieser Perspektiven kann die kurdische Realität beiseite geschoben werden. Auch möchte ich nicht noch einmal auf die Existenz von 10 Millionen werktätigen Kurden im Westen (der Türkei) hinweisen. Ihre Bedeutung, ihr Einfluß sind hinreichend bekannt. Ich glaube, eine Politik, die nicht auf der kurdischen Realität basiert, die kein Zusammenleben in Freiheit und Gleichheit anstrebt, wird keine Entwicklungschancen haben ... Wenn (die türkische Regierung) weiterhin auf ihrer Politik besteht, wird das Türkentum, für das sie so brennend kämpft, eine Niederlage erleiden. Sogar eine sehr üble Niederlage wird das werden. Ich sage das, damit die besonneneren in der türkischen Bevölkerung etwas realistischer denken ... Wenn wir diese Tatsache zur Grundlage nehmen, können wir mit dem türkischen Volk und seinen Vertretern — egal ob Sozialisten, Demokraten, ehrlichen Patrioten oder auch Nationalisten — auf allen Ebenen gemeinsame Bemühungen unternehmen. Die Rede ist von einem Parlament, es können Schritte hin zu einem föderativen Parlament unternommen werden. Es wird ein Parlament von Kurdistan gebildet werden und ebenso kann ein Parlament für die Türkei gebildet werden. Für die Zusammenarbeit der beiden Parlamente kann eine Verhältnis gefunden werden. Es können regionale Räte gebildet werden...
Es gibt ohnehin die Meinung, daß die Türkei nicht nur von Ankara aus regiert werden sollte. Deshalb sind regionale Räte möglich. Dazu werden auch kurdische Räte gehören, die als legitime Vertretung anerkannt werden müssen. Weitere Schritte sollten in diese Richtung unternommen werden. Auch für die Türkei ist so etwas erforderlich. Eine föderale Regierung sollte, auch für Kurdistan, gebildet werden. Wie das genau aussehen wird, darüber muß noch etwas nachgedacht werden. Warum brauchen wir das Volk der Türkei für die Entwicklung in Kurdistan? Warum sollen wir bei einer Kundgebung nicht nur die Forderungen der Kurden hervorheben? In diesem Rahmen müssen ebenfalls die demokratischen Forderungen der Türken, ihre Forderung nach Einheit und Freundschaft berücksichtigt werden. Warum sollen die türkischen Werktätigen lediglich in der Rolle der Unterstützer aktiv werden ? Sie sollten vielmehr als eine starke Kraft in der Regierung auftreten und für dieses Ziel sollten sie sich organisieren ... Wenn sie wollen, können wir sie darin auch unterstützen. So ist unsere grundlegende Denkweise. Wenn diese Gedanken gut verstanden worden sind, können wir dazu übergehen. gemeinsame Organisationen zu bilden. Davon kann es viele verschiedene geben. Aber auch getrennte Organisationen sind möglich ...
Wir können jetzt schon anfangen, einige solcher föderativen Organisationen zu entwickeln. Wir müssen das erstmal ausprobieren, um bewerten zu können, wie es gehen kann. Diesbezüglich sollten wir offen sein. Wir selbst sind hierfür äußerst offen ... Es ist unbedingt nötig, für die lebenswichtigen Interessen der Völker eine demokratische Alternative zu finden. Wir glauben, daß wir durch unseren Kampf gezeigt haben, daß wir ein guter Partner für diese Sache sind. Nach unserer Meinung soll jede Gruppe ihre ideologische-politische Linie haben, doch sollten die gemeinsamen Ziele als grundlegende Sache angesehen werden ... Um sich vor der „neuen Weltordnung“ des Imperialismus schützen zu können — dazu kommt noch ein starkes Rußland im Norden — müssen die türkischen Gesellschaften, die iranischen Gesellschaften und die arabischen Völker in anbetracht der historischen Realitäten — es gibt eine islamische Realität, man muß sich über ihre Bedeutung unter den heutigen Bedingungen klar werden — sich um eine Lösung bemühen ...“
Quelle: Auszüge aus einem Interview mit der Zeitschrift 2000c Dogru, 22. März 1992. Übersetzung: Kurdistan-Komitee Köln