Heft 11 vom 29.05.1992 4/11 scan 2026-06-06

Fachtagung „Jugend und Gewalt“ „Skinheads sind eine Modebewegung“



Fachtagung „Jugend und Gewalt“ „Skinheads sind eine Modebewegung“

Am 22. Mai fand im Konstanzer Ratssaal eine von der städtischen Jugendpflege organisierte Tagung mit dem Titel „Jugend und Gewalt. Mobile Jugendarbeit — ein möglicher Ansatz“ statt. Sie stieß auf relativ großes Interesse über 80 Interessierte (Eltern, Sozialarbeiterinnen, Polizisten... waren gekommen. Von Seiten des Gemeinderates war die Beteiligung sehr gering. Hintergrund der Tagung sind die Angriffe von Faschisten, unter anderem aus dem Umfeld der .Nationalen Offensive1, auf Punks und andere Jugendliche, oder wie die Stadtjugendpflege es sieht: die zunehmende Gewalt unter Jugendlichen, die oft in Gruppen ausgeübt wird. Die Stadtjugendpflege plant im neuen Jugendzentrum, das im Sommer 1993 eröffnet werden soll, ein Angebot für die breite Masse der immerhin 17000 Konstanzer Jugendlichen zu bieten und auf die genannten „Problemgruppen“ mit mobiler Jugendarbeit zu reagieren.

Zur Tagung waren zwei Referenten geladen: Kriminalhauptkommissar Willi Pietsch, Dezernatsleiter „Jugendspezifische Gruppengewalt“ der Kriminalpolizei Stuttgart und Walter Specht, Direktor des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche und Experte für mobile Jugendarbeit. Pietsch referierte über die verschiedenen Jugendgruppen Punks, Skinheads, Hooligans, (ausländische) Streetgangs, Rocker und Gruftis. Diese Gruppen seien meist nach dem selben Schema aufgebaut: Anführer, Aktivisten und Mitläufer. Zumindest in Stuttgart sei eine Trennung zwischen Hooligans und Skinheads möglich, auch seien letztere nicht neonazistisch orientiert und eher eine Jugend- und Modebewegung.

Specht bezeichnete Langeweile, die allgemein steigende Brutalisierung der Gesellschaft, fehlende sinnvolle Freizeitmöglichkeiten, Alkohol und die Möglichkeit zur Identitätsfindung in Gruppen als Ursachen für die Teilnahme an (gewalttätigen) Jugendgruppen. Gewalt in der Familie so z.B. sexueller Gewalt seien nicht unwesentliche Ursachen. Als tiefer liegende Ursachen führte er steigendes Lebensrisiko, Sinndefizit als Resultat von Verrechtlichung des Alltags sowie Orientierungslosigkeit als Folge des hyperkomplexen Lebens in einer hochmodernen Industriegesellschaft an. Die Forderungen der gewalttätigen Jugendlichen nach Sicherheit und Geborgenheit seien gerechtfertigt und müssten in Lernfeldern in denen eine positive Identitätsbildung stattfinden und territoriale Identität gefunden werden könne, statt in Jugendgruppen befriedigt werden. Mobile Jugendarbeit müsse diese Lernfelder anbieten und die Sehnsucht nach Action und Geborgenheit ernst nehmen. Sie sei dezentral orientiert und versuche Nachbarinnen und Eltern miteinzubeziehen. Eine Änderung von aktiven Gewalttäterinnen sei fast unmöglich, es könne aber präventiv der Nachwuchs zu gewalttätigen Gruppen reduziert werden. So zumindest die Erfahrung aus einem Projekt mit Skinheads, an dem Specht in Esslingen beteiligt war.

Die Ursachenforschung für steigende Gewalt bei Jugendlichen blendete bei dieser Tagung die politische Dimension vollständig aus. So werden Skinheads zum wiederholten Mal als „unpolitisch“ bezeichnet, was nicht nur für Konstanz falsch ist. Der Landesverfassungsschutzbericht 1991 konstatiert „eine in diesen Kreisen weit verbreitete rassistische Grundeinstellung“ und stellt fest „daß zwischenzeitlich Verbindungen zwischen Teilen der Skinheadbewegung und dem (...) neonationalsozialistischen Lager“ bestünden. Er nennt Konstanz als eine der sechs „Hochburgen“ von „rechtsextremistisch orientierten Skinheads“ in Baden-Württemberg. Was nicht ungerechtfertigt ist, besteht doch die Konstanzer Ortsgruppe der „Nationalen Offensive“ zu dreiviertel aus Skinheads. Der Rassismus und dementsprechende Überfälle von Skinheads (und Hooligans) wurden als „ziellose Gewalt“ verharmlost. Folgerichtig wird die Desintegration von Skinheads überbetont und nicht gefragt wo ihre Vorstellungen von Sauberkeit, Leistung und Ordnung mit Regierungspolitik übereinstimmen oder wie sie nach der sogenannten Wiedervereinigung Auftrieb erhielten. Die polizeiliche Verfolgung oder sozialtechnische Behandlung von Skinheads gibt es nur deswegen, weil diese das staatliche Gewaltmonopol nicht akzeptieren und damit den Staat in Frage stellen. Sie „übertreiben“ gesellschaftlich weit verbreitete Normen nur etwas.

Mensch hatte bei der Tagung öfters den Eindruck es werde über die Ängste von Nichtdeutschen vor Rassismus, Abschiebung und Überfällen geredet, als die „Verunsicherung“ und „Zukunftsängste“ deutscher Faschisten und anderer Jugendlicher beschrieben wurden. Aber um eine Kritik von „Jugendgewalt aus antifaschistischer Perspektive geht es der Stadtjugendpflege auch nicht. Es soll weiter Ruhe in der Stadt herrschen und gewalttätige Jugendliche durch ihre Anwesenheit nicht den Konsumrausch und den Profit des Einzelhandels stören (was Pietsch für Stuttgart auch so bestätigte). Mit zweierlei Maß wird gemessen, wenn für gewalttätige, hauptsächlich rechte Jugendliche ein sozialarbeiterisches Programm aufgelegt wird und sich gleichzeitig Sozialbürgermeister Wilhelm Hansen im März weigerte, einen vom AK Asyl Rechtsratgeber für Flüchtlinge, der diese über ihre Rechte aufklärt, auf Stadtkosten verteilen zu lassen. Begründung: „wegen Arbeitsüberlastung nicht möglich“.

Wegen Arbeitsüberlastung war es der Stadtjugendpflege in der Vergangenheit wahrscheinlich auch nicht möglich Jugendarbeit speziell für nichtdeutsche Jungen und Mädchen oder Kinder von Flüchtlingen zu machen — könnte mensch zynisch hinzufügen. - (be/red)

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