Heft 11 vom 29.05.1992 4/11 scan 2026-06-06

Metallabschluß: Tarifwende abgewehrt? Eben nicht!



Metallabschluß: Tarifwende abgewehrt? Eben nicht!

„Die vielzitierte Wende ist abgewehrt!“, behauptet die Bezirksleitung der IG Metall Baden-Württemberg in ihren metall-nachrichten vom 19. Mai 1992. Für Bezirksleiter Walter Riester ist das Ergebnis ein Erfolg und ein Sieg der Vernunft. Berichte aus verschiedenen betrieblichen Vertrauensleuteversammlungen und örtlichen Funktionärskonferenzen widerlegen diese Einschätzung. Durchweg wurde das Verhandlungsergebnis kritisiert, allerdings mit unterschiedlicher Heftigkeit.

So bewertete die Vertreterversammlung der IG Metall Stuttgart am 23. Mai das Verhandlungsergebnis sehr kritisch. Ein Vertreter von Mercedes-Benz Untertürkheim berichtete, daß die überwältigende Mehrheit der Versammlung der Mercedes-Benz-Vertrauensleute das Verhandlungsergebnis zuerst stürmisch kritisiert habe. Erst nachdem der Bevollmächtigte der Ortsverwaltung mit Nachdruck die Argumente für den Abschluß noch einmal vertreten habe, sei der ausgehandelte Kompromiß akzeptiert worden. Ein Vertreter von Bosch Leinfelden übte massive Kritik an dem Verhandlungsergebnis, da vor allem die dortigen Beschäftigten in den unteren Lohngruppen die Verlierer seien. Zuletzt billigte die Stuttgarter Vertreterversammlung mit schwachem Beifall den Karlsruher Abschluß.

Auf der Heidelberger Funktionärskonferenz ergab die Diskussion ein eindeutiges Bild für Ablehnung des Abschlusses. Der Abschluß für 1992 sei zu niedrig und besonders die vereinbarte Tariferhöhung für 1993 sei völlig ungenügend. Die Laufzeit von 21 Monaten lasse Kapitalisten und Regierung genügend Zeit, die Umverteilung voranzutreiben. Mit diesem Abschluß habe die IG Metall an Bedeutung für die unteren Lohngruppen verloren. Der Karlsruher Abschluß setze ein schlechtes Zeichen für die anderen Gewerkschaften.

1992: Ein streikintensives Jahr

Verschiedene Gründe sind für die IG Metall maßgebend, das Karlsruher Ergebnis als Erfolg zu bezeichnen. Einmal sei damit endgültig für 1993 die Arbeitszeitverkürzung auf wöchentlich 36 Stunden festgeschrieben. Dann sei ein Streik mit all seinen Folgen, zum Beispiel kalter Aussperrung, verhindert worden. Und mit der Laufzeit bis Ende 1993 habe die IG Metall im Jahr 1994 (dem Jahr der Bundestagswahl) endlich wieder die Tarifführerschaft.

Aber was alles hat sich die IG Metall damit aufgebürdet? Siehe dazu auch das nebenstehende Schreiben der Vertrauensleute KAH/ARB (ARB Kraftanlagen) aus Heidelberg an Ortsverwaltung und Große Tarifkommission.

Dabei hätten Bezirksleitung und Vorstand der IG Metall kaum Sorge wegen mangelnder Streikunterstützung haben müssen. Dieses Jahr 1992 ist eines der streikintensivsten seit 1945. Der Streik der rund 50000 Beschäftigten der Holz- und Kunststoffbranche in Baden-Württemberg hatte mit einem eindeutigen gewerkschaftlichen Erfolg geendet. Der Streik im öffentlichen Dienst fand in der Bevölkerung unerwartet breite Unterstützung. Die Warnstreiks in der Metallindustrie erreichten eine gewaltige Breite. Die Gewerkschaft NGG konnte mit dem Streik bei Milupa nach langen Jahren erstmals wieder einen Arbeitskampf erfolgreich abschließen. Die Chancen, die Wende zu verhindern, standen gut. Aber mit dem Tarifabschluß von Karlsruhe wurde der Wende der Weg geebnet. - (ros)

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