Heft 11 vom 29.05.1992 4/11 scan 2026-06-06

Noam Chomsky: Der Feind ist immer noch derselbe



Noam Chomsky: Der Feind ist immer noch derselbe

Der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky hielt am 4. Mai in Zürich eine Rede, in der er sich kritisch mit der USamerikanischen Außenpolitik auseinandersetzte. Der Vortrag fand im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der linken Zürcher WochenZeitung (WoZ) zur ,,Schönen neuen Weltordnung“statt. Der folgende Text, den wir mit freundlicher Genehmigung der WoZ veröffentlichen, ist eine von der Redaktion leicht gekürzte Zusammenfassung von Chomskys Referat. Eine ausführliche Version und seine Debattenbeiträge werden in einem WoZ-Buch zu dieser Reihe (im rotpunkt Verlag) abgedruckt. — (red)

Was eigentlich ist nun neu an dieser „neuen Weltordnung“? Der kalte Krieg ist vorbei — aber war er nicht nur ein besonderer Ausdruck des Nord-Süd-Konflikts, der immer noch und jetzt noch viel gewalttätiger anhält? Der Norden hat ohne die Sowjetunion freie Bahn, braucht aber nicht jedesmal zur militärischen Gewalt zu greifen: Die ökonomischen Waffen sind effizienter. Und doch können die Herrschenden der Welt nicht einfach tun, was sie wollen. Die Diskussion einer „neuen Weltordnung“ setzt voraus, daß es eine alte Weltordnung gab, die durch eine neue ersetzt wird. Im vorliegenden Fall unterscheidet sich die neue nicht sehr von der alten Weltordnung, sie ist nicht mehr als die den neuen Gegebenheiten angepasste alte Ordnung. Das grundlegende Prinzip der alten Weltordnung ist so bekannt, daß es schon fast trivial klingt: Auf der Welt gibt es zwei Klassen von Menschen — die Herrschenden und die Lasttiere, die ihnen zu dienen haben. Immer wieder erheben sich die Packesel und verlangen Menschenrechte; manchmal erringen sie kleine Erfolge, oft werden sie niedergeschlagen. Und so ist es überall, in jeder Gesellschaft.

Die Vereinigten Staaten sind in diesem Zusammenhang höchst interessant. Der jahrhundertelange Kampf der Bevölkerung hat eine Gesellschaft entstehen lassen, die ungewöhnlich frei ist: Der Staat verfügt über vergleichsweise wenig Macht, die Menschen zu kontrollieren und zu zwingen — zumindest dann nicht, wenn diese zur privilegierten Schicht gehören und die richtige Hautfarbe haben. „Diejenigen, die das Land besitzen, sollten es auch regieren“, sagten die Gründerväter der USA, und seither widmen sich die Besitzenden dieser Aufgabe mit großer Hingabe und einem hohen Maß an Klassenbewußtsein.

Die Herrschenden sind oft erstaunlich offen. Höchst respektable Intellektuelle erklären beispielsweise trocken, daß es zwei Klassen von Menschen gebe — die „Verantwortlichen“, welche die öffentlichen Angelegenheiten kontrollieren, und die Bevölkerung, deren „Funktion“ darin besteht, „Zuschauer zu sein“ , aber nicht „Teilnehmer“. — „Die Öffentlichkeit muß auf ihren Platz verwiesen werden“, schrieb Walter Lippmann, damit die Verantwortlichen „unbeschwert von der Stampede und dem Gebrüll der verwirrten Herde leben können“. Wenn die Herde mit Gewalt nicht unter Kontrolle gebracht werden kann, haben wir immer noch die „politische Demokratie“, ein System, das es den Zuschauern erlaubt, je nach Gusto dem einen oder dem anderen der „verantwortlichen Männer“ ihre Stimme zu geben und zu sagen: „Wir wollen dich als unseren Führer oder nicht“, das nennt man eine „Wahl“. Aber dann müssen sie zurück ins Privatleben und alles andere den Höhergestellten überlassen. Walter Lippmann war nicht irgendwer, sondern einer der renommiertesten amerikanischen Journalisten im letzten Jahrhundert und hochangesehener progressiver demokratischer Theoretiker. Sein Denken ist längst zur Regel geworden unter führenden Industriellen, bei den westlichen Demokraten wie auch bei den leninistischen Gegenspielern. (...)

Bomben auf die Hungrigen

So funktioniert die Macht auch auf globaler Ebene, und auch hier sind die Herrschenden bewundernswert offenherzig. Als der zweite Weltkrieg zu Ende war, erklärte Winston Churchill, daß „die Regierung der Welt den satten Nationen anvertraut werden muß“, den „reichen Menschen, die friedlich in ihren Häusern leben“. Diese Aufgabe dürfe nicht den „hungrigen Nationen“ überlassen werden, die „mehr wollen“ und damit die Stabilität gefährden. Diese Nationen sollen besser von regionalen Managern geführt werden im Auftrag der Reichen. Churchills Partner Lord Curzon und Lloyd George nannten diese regionalen Manager eine „Fassade“, eine „Fiktion“ zur Verschleierung der Herrschaft der imperialen Mächte, die „das Recht behalten müssen, die Neger zu bombardieren“, falls deren Disziplin nachlassen sollte. Churchill selber bevorzugte Giftgas gegen „unzivilisierte Stämme“, besonders gegen die Kurden.

In der alten Weltordnung spielte der Süden eine dienende Rolle; er stellte Ressourcen, Märkte, Investitionsgelegenheiten und seit neuestem auch seine Umwelt für den Dreck der reichen Länder zur Verfügung. Es gibt keine Zweifel daran, daß die Dritte Welt solche Funktion zu erfüllen hat. Auf dem liberalen Pol finden wir Leute wie Robert Pastor, der für Lateinamerika zuständige Beamte in der Carter-Regierung. Er erklärte das Verhältnis einmal so: „Die USA wollen nicht Nicaragua und die anderen Nationen in dieser region kontrollieren, aber sie wollen auch nicht die Entwicklung außer Kontrolle geraten lassen. Sie wollen, daß Nicaragua solange unabhängig handelt, wie es den US-Interessen nicht zuwiderläuft“. Kurzum: Wir wollen, daß Nicaragua und die anderen frei sind — frei, um das zu tun, was wir von ihnen erwarten. wenn sie das nicht verstehen, müssen wir ihnen eine Lektion in Gehorsam erteilen — als warmherzige Liberale tun wir das mit schwerem Herzen, als harte „Konservative“ freut uns das Spektakel.

Wie offen die Herrschenden und ihre Ideologen sind, zeigte Ende April ein Artikel in der Londoner Financial Times. Im Vorspann des Textes von James Morgan, Wirtschaftskorrespondent des BBC World Service, heißt es: „Nach dem Fall des sowjetischen Blocks bleibt es dem IWF und der G7 überlassen, die Welt zu beherrschen und ein neues imperiales Zeitalter zu schaffen.“ Die Zeitung und ihr Autor applaudieren natürlich diesen Schritten hin zur Erfüllung Churchills Vision. Morgan schreibt: „Die Konstruktion eines neuen Weltsystems wird von der Gruppe der Sieben, dem IWF, der Weltbank und GATT geleitet. Aber es funktioniert durch ein System der indirekten Herrschaft, das die Führer der Entwicklungsländer in das Netz der neuen herrschenden Klasse integriert.“ Einer neuen herrschenden Klasse, die zufällig auch die „alte herrschende Klasse“ ist. Als fairer Mensch erwähnt Morgan aber auch „die Scheinheiligkeit der reichen Nationen, wenn sie von der Dritten Welt offene Märkte verlangen, ihre eigenen jedoch zumachen.“ Er hätte noch hinzufügen können, daß jede erfolgreich Industriegesellschaft ihren Wohlstand durch rabiate Verletzung genau der neoliberalen Grundsätze erreicht hat und beibehält, die stets so großartig proklamiert werden. Unter der Hand wird ja auch zugegeben, daß diese Grundsätze nur für die Lasttiere im In- und Ausland bestimmt sind, damit diese wirkungsvoller ausgebeutet werden können. In den satten Nationen hingegen bieten die Regierungen den Wohlhabenden üppigen Reichtum, und noch mehr als alle anderen bieten die Konservativen von der Sorte Reagan-Bush-Thatcher. Morgan hätte auch noch die Analyse der Weltbank erwähnen können, nach der die protektionistischen Maßnahmen der Industrieländer (diese Maßnahmen nehmen mit der gleichen Geschwindigkeit zu wie das schwülstige Gerede vom freien Markt) das nationale Einkommen der entwicklungsländer doppelt so stark belasten, wie sie an offizieller Entwicklungshilfe erhalten. Der Begriff Entwicklungsland ist der gängige Euphemismus für diejenigen, die sich gerade nicht entwickeln — with a little help from their friends.

Die alte Weltordnung wurde auch in Lehrbüchern oft recht freimütig beschrieben. Ein kürzlich erschienenes Buch des CIA-Historikers Gerald Haines beginnt: „Nach dem zweiten Weltkrieg übernahmen die Vereinigten Staaten aus eigenem Interesse die Verantwortung für das Wohlergehen des globalen kapitalistischen Systems.“ Haines hätte aus einem der frühen CIA-Dokumente von 1947 zitieren können. Darin wird die Notwendigkeit zur „Aufrechterhaltung der kolonialen Wirtschaftsinteressen“ des Westens geschildert. „Die amerikanischen Führer versuchten, die Welt nach den Bedürfnissen der USA zu formen“,schreibt Haines weiter. Es sollte eine „offene Welt“ sein — offen für die Ausbeutung durch die Reichen, aber nicht mal für alle Reichen. Die USA wünschten einen „abgeschlossenen Raum“, erklärt Haines; deshalb nahmen sie die Mühe auf sich, die französischen und britischen Rivalen aus der westlichen Hemisphäre zu vertreiben. Das gleiche galt für den Nahen Osten, auf den die USA nach dem zweiten Weltkrieg die Monroe-Doktrin anwandten, mit gewaltigen Konsequenzen für Südeuropa, Nordafrika und die Region selber.

Die Erfolge des Kapitalismus

Haines beschäftigt sich hauptsächlich mit Brasilien, dem reichsten und wichtigsten Land in der US-kontrollierten Hemisphäre, aber seine Schlußfolgerungen haben allgemeinen Charakter. In Brasilien soll eine „exzessive industrielle Entwicklung“ verhindert werden (so nannten das die Truman- und Eisenhower-Regierungen), weil diese eine Konkurrenz für die US-Konzerne hätte darstellen können — Konkurrenz mit europäischem und japanischem Kapital war jedoch erlaubt. Also versuchten die USA „die industrielle Entwicklung Brasiliens zum Vorteil der USKonzerne zu lenken und zu kontrollieren und Brasilien in die US-Regionalplanung einzubinden“; „die Bedürfnisse Brasiliens waren dabei zweitrangig“, schreibt Haines. Die USA hätten Brasilien als „Testgelände für moderne wissenschaftliche Methoden der industriellen Entwicklung" benutzt, und heraus gekommen sei „eine amerikanische Erfolgs-Story“ mit „beeindruckendem Wirtschaftswachstum auf der soliden Grundlage des Kapitalismus“. Dieser Triumph des Kapitalismus steht im krassen Gegensatz zu den Niederlagen des Kommunismus, obwohl der Vergleich zugegebenermaßen unfair ist. Die Kommunisten hatten nie auch nur annähernd so günstige Bedingungen wie Kapitalismus auf diesem „Testgelände“. Es kannte keine äußeren Feinde, hatte riesige Ressourcen, freien Zugang zum internationalen Kapital und zu internationaler Hilfe, und dann noch ein halbes Jahrhundert lang eine gütige Führung durch die USA. Eine wirkliche Erfolgsstory — für fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung, während etwa 75 Prozent der Bevölkerung in unbeschreiblicher Armut leben. Hungersnöte und Seuchen wuchern, das Land ist führend bei solch großartigen Triumphen wie Kindersklaverei und Kindermorde durch die Sicherheitskräfte. Wirklich, ein grandioser Sieg und eine Huldigung an unsere Herrlichkeit. (...)

Die Grundzüge der Nachkriegs-Weltordnung wurden festgelegt lange bevor Churchill seine Visionen mit der ihm eigenen Klarheit formulierte. Während der Kriegsjahre wußten die US-Eliten bereits, daß die USA mit historisch beispielloser ökonomischer und militärischer Macht den Krieg beenden würde. Und so entwickelten sie detaillierte Pläne, um die „Bedürfnisse der Vereinigten Staaten in einer Welt, in der sie eine unumschränkte Macht haben“, zu befriedigen. Pax Americana lautete ein Stichwort, von „Weltkontrolle“ war die Rede und von der „notwendigen Beschränkung der nationalen Souveränität“ alle, die den US-Interessen in die Quere kommen könnten. Ein Resultat dieser Pläne war die weltweite Kampagne zur Niederschlagung des antifaschistischen Widerstands und der Wiederherstellung traditioneller konservativer Herrschaft (oft mit Hilfe von faschistischen und Nazi-Kollaborateuren) und die Spaltung und Schwächung der Arbeiter- und Bürger-Bewegungen. Eine andere Form war die Konfrontation mit dem Nationalismus der Dritten Welt, der — wie sofort erkannt wurde — die großen Pläne stören könnte.

(Fortsetzung in der nächsten Ausgabe)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.