Heft 11 vom 29.05.1992 4/11 scan 2026-06-06

Dringender Aufruf der FMLN



Dringender Aufruf der FMLN

Im Friedensvertrag von Chapultepec vom 16. Januar 1992 wurde zwischen der Nationalen Befreiungsfront Farabundo Marti (FMLN) und der Regierung El Salvadors für die zweite Phase der Truppentrennung festgelegt, daß bis 15. März die über 8000 FMLN-Kämpferlnnen in 15 Sammellagern zusammengezogen werden sollten. Die Regierung verzögert die Einhaltung des Friedensabkommens in entscheidenden Punkten: in der vereinbarten Auflösung der Sicherheitskräfte, in der Bildung einer neuen Zivilen Nationalpolizei und in der Landfrage. Zudem wird die Verwirklichung des Abkommens durch die katastrophale Versorgungslage in den Sammellagern blockiert; eines der Lager mußte die FMLN bereits wieder aufgeben, da die sanitären Bedingungen völlig unzureichend waren. Besucherinnen aus El Salvador wie auch Teilnehmerinnen an Delegationsreisen nach El Salvador im April berichten übereinstimmend von der miserablen Situation in diesen Lagern: Die Nahrungsmittel bestehen meist nur aus Mais, Reis, Bohnen und Öl. Die Zuteilung einer Monatsration reicht allenfalls für 14 Tage und beträgt pro Tag und Person 2.15 Colones (ca. -.50 DM) — dies entspricht einer Nahrungsmittelration im Gefängnis Mariona.

Die FMLN-Kämpferlnnen sind gezwungen, in mehr als provisorischen Unterkünften zu hausen; oft haben sie nur ein Stück Plastik, um sich gegen die Regenfalle der inzwischen einsetzenden Regenzeit notdürftig zu schützen. Die Trinkwasserversorgung reicht nicht für die mehreren hundert Personen und ebensowenig ist eine medizinische Versorgung geregelt. Beschäftigung gibt es keine, für Alphabetisierung und Schulausbildung fehlt es an Material, Räumen und Finanzierung von Lehrkräften, die freiwillig von der National- und der Katholischen Universität kommen. Die bürokratische Abwicklung bei den multilateralen Geberorganisationen wie dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft führen zu weiteren Verzögerungen. Der Hauptgrund für die Zuspitzung der Lage ist aber die Hinhaltepolitik der salvadorianischen Regierung und deren Absicht, die Sammellager der FMLN direkt unter Regierungskontrolle zu bringen und die FMLN-KämpferInnen durch die menschenunwürdigen Verhältnisse zu zermürben.

Als die FMLN Anfang März diese Verstöße gegen die Friedensverträge international bekannt machte, wurden seitens der EG und kanadischen Regierung erste Zusagen für Nothilfen gemacht. Im salvadorianischen Fernsehen beschwerte sich darüber ein Vertreter der faschistischen Regierungspartei ARENA: „Zwölf Jahre lang war keine Institution für ihre Versorgung zuständig und verantwortlich.“ (Ernesto Altschul: TV 2,5.3.92)

In den vergangenen zwölf Jahren wurden Oligarchie und Militär von den USA und ihren westlichen Verbündeten finanziert und versorgt, damit sie den Krieg gegen die salvadorianische Bevölkerung führen konnten. Die FMLN-KämpferInnen operierten in diesem Bürgerkrieg fast im ganzen Land in kleinen Gruppen, versorgt von Familienangehörigen und der Zivilbevölkerung. Davon unterscheidet sich die heutige Situation, in der hunderte, zum Teil tausende FMLN-KämpferInnen an einem Ort konzentriert sind. Das Welternährungsprogramm und die EG haben bereits Anfang März Soforthilfe in Höhe von 2,5 Millionen US$ bewilligt und auf die Konten des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen über wiesen. Damit soll die salvadorianische Caritas die Nahrungsmittelversorgung für die FMLN-Sammelplätze sicherstellen. Die kanadische Regierung hat der französischen ÄrztInnenorganisation MSF 200.000 US$ zur Verfügung gestellt für Wasser- und medizinische Versorgung. Die UNESCO hat 164.000 US$ für Schulmaterial bereitgestellt. Die norwegische Regierung hat insgesamt 2 Millionen US$ bewilligt, darunter auch Soforthilfe für die FMLN-Sammellager. Japan hat speziell für die Soforthilfe 300.000 US$ zugesagt. Nach Berechnungen der FMLN und auf der Grundlage ihrer Gespräche mit Regierungsvertretern stehen insgesamt 4,5 Millionen US$ für die integrale Versorgung der vorgesehen 15 FMLN-Sammellager zur Verfügung. Hilfsgüter sind also vorhanden. Hieran liegt die mangelnde Versorgung der Sammellager nicht. Die Regierung blockiert die Auslieferung von zugesagten und finanzierten Hilfsgütern. So wurde z.B. der Beginn der Lebensmittelversorgung durch die salvadorianische Caritas durch Intervention der Regierung zunächst auf den 10. März und schließlich bis in den April hinein verzögert. Noch Ende April ist die Lebensmittelversorgung nicht gewährleistet.

Wir rufen Euch dazu auf, Druck auf die politischen Instanzen (Bundesregierung, EG, Vereinten Nationen) auszuüben, damit sie die salvadorianische Regierung zur Einhaltung der Friedensverträge drängen gegenüber der salvadorianischen Regierung zu protestieren und für die Sammellager der FMLN zu spenden. Dafür steht das Konto des Aktionskreis „Dritte Welt“ eV, Inselgasse 20, 7750 Konstanz zur Verfügung: Kto.-Nr.: 644 95-750, BLZ: 66010075 PGA Karlsruhe, Stichwort: El Salvador— (Weltladen)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.