„Studi-Ticket“ — Will der AStA die Studierenden jetzt auch noch schröpfen?
„Studi-Ticket“ — Will der AStA die Studierenden jetzt auch noch schröpfen?
Der AStA an der Universität — der unabhängige, auf einer VV gewählte, versteht sich, nicht der von der Landesregierung aufoktroyierte — hat die Aufgabe, sich für die politischen, sozialen und kulturellen Interessen der Studierenden einzusetzen. Dafür wird er jährlich auf einer Vollversammlung gewählt. So jedenfalls der Konsens und auch die (zugegeben teilweise mühsame) Praxis aller ASten, die seit der Abschaffung der Verfassten Studentenschaft durch die baden-württembergische Landesregierung gewählt wurden. Wer sich jedoch die Aktivitäten der derzeit amtierenden Studierenden-Vertreter betrachtet, muß sich fragen, ob die gegenwärtig nicht von allen guten Geistern verlassen sind, scheinen sie sich doch offenbar hauptsächlich damit zu beschäftigen, wie die meist schmalen Geldbeutel der Studierenden noch weiter erleichtert werden könnten. Die Rede ist von der Debatte um das sogenannte Studi-Ticket, die sich das Kollektiv aus Jusos und Grünen offenkundig zum Hauptfeld ihrer Tätigkeit auserkoren hat.
Für Nichtstudierende: Auf Anregung einer universitären Ökologie-Arbeitsgruppe hat sich der AStA den Vorschlag zu eigen gemacht, daß Studierende künftig mit dem Studentenausweis als Ticket Busse und Fähren der Stadt Konstanz benutzen können. Ein später Erfolg der verschiedensten Kampagnen für Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr, einer Forderung die (nicht nur) von Studierenden in der Vergangenheit immer wieder erhoben wurde? Weit gefehlt! Der AStA, und inzwischen auch eine Vollversammlung, an der sich am 3. Juni mehr als 500 Leute beteiligt haben, schlägt vor, die jedes Semester zu entrichtenden Sozialbeiträge zu erhöhen, um dieses „Studi-Ticket“ zu finanzieren. Wie hoch dieser zusätzliche Betrag liegen müßte, um den Stadtwerken die Sache zu bezahlen, ist Gegenstand heißester Diskussionen; Beträge um die 25 DM scheinen jedenfalls eher die untere Grenze zu markieren. Dazu soll dann noch eine Bewirtschaftung der Parkplätze an der Uni kommen.
Nun genügt ja ein Besuch an der Uni um festzustellen, wie verheerend die Verkehrssituation ist. Niemand wird außerdem so beknackt sein, abzustreiten, daß der Individualverkehr eingeschränkt werden muß, weil Mensch und Natur immer stärker unter seinen Folgen zu leiden haben. Geradezu öde ist es jedoch, auf die mit dem Verkehr verbundenen Fragen mit Vorschlägen antworten zu wollen, die die CDU nicht besser eingefädelt haben könnte. Zum ersten: Warum ist denn eigentlich so viel los in Sachen Verkehr an der Uni? Doch wohl nicht, weil hier einige tausend Autonarren Ralleys um den Gießberg veranstalten. In ihrer jetzigen Ausbaustufe ist die Universität Konstanz auf die Präsenz von höchstens 3500 Studierenden ausgelegt; tatsächlich drängeln sich inzwischen dort aber fast 10000 Leute, mit allen negativen Folgen für dieselben, nicht nur was den Verkehr betrifft. Tatsächlich fährt heute schon die Mehrheit Rad oder mit dem Bus.
Zweitens: Wer jemals sagen wir mal um 10 Uhr morgens den Bus an die Uni benutzt hat, weiß, welcher Hinriß in dem Vorschlag steckt, erstmal die Studis zahlen zu lassen und dann alle zu den Bushaltestellen zu schicken, außer er will die Überlastprobleme auf diese Weise durch Mord und Totschlag lösen. Allein im engeren Stadtgebiet wäre nach vorsichtigen Schätzungen der Einsatz von mindestens 15 bis 20 Bussen zusätzlich nötig. Wer die Finanzlage der Stadt und der Stadtwerke kennt, weiß, daß die nötige Erweiterung des Fuhrparks und die Einstellung des dafür benötigten Personals nicht zu bezahlen sein wird, auch nicht wenn jeder Studi 50 DM im Semester zahlt. Und daß das Land bei der gegenwärtigen Lage zahlt, darf doch wohl im Ernst niemand behaupten. Dazu kämen jedoch noch die Kosten für die zahlreichen Studierenden, die gezwungen sind, außerhalb (Singen, Radolfzell, überm See, Kreuzungen) zu hausen, weil sie hier keinen Wohnraum gefunden haben.
Und zum Dritten: Selbst wenn das alles zu Finanzieren wäre, ist es nicht einzusehen, daß ausgerechnet die Studierenden dafür aufkommen sollen. Dem AStA müßte die miese soziale Lage der Studierenden doch eigentlich bekannt sein. Ein in den letzten Jahren ständig sinkendes Einkommen verbunden mit dem Zwang, neben dem Studium zu arbeiten. Gebühren-, Mietpreis und auch sonstige Preiserhöhungen nicht zu knapp, der ständige Zwang zur Mobilität, für die, die auswärts wohnen — all das (und anderes mehr) sind mehr als schlüssige Argumente gegen ein weiteres Abkassieren. Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs — jawohl. Zahlen müssen diejenigen, die für den Schlamassel verantwortlich sind, der sich (nicht nur) rund um den Gießberg abspielt. Und das sind nicht die Leute, die mit dem Auto an die Uni fahren, um in die Vorlesung zu kommen. Die sitzen in verschiedenen Konzern- und Regierungszentralen. — (jüg)