Heft 13 vom 28.06.1992 4/13 scan 2026-06-06

Deutsch-kurdisches Menschenrechtskomitee bereitet Städtepartnerschaft vor



Deutsch-kurdisches Menschenrechtskomitee bereitet Städtepartnerschaft vor

Die Bemühungen des Deutsch-Kurdischen Menschenrechtskomitees, mit konkreten sozialen und humanitären Projekten den Wiederaufbau im zerstörten Kurdistan zu unterstützen und damit einen Beitrag zur Festigung der noch jungen, jedoch extrem bedrohten kurdischen Demokratie zu leisten, sind mittlerweile in ein sehr konkretes Stadium l getreten: Seit Anfang Mai gibt es eine direkte Verbindung mit dem Stadtparlament von Amedie, einer kurdischen Stadt im Norden des Irak (Südkurdistan). Auf einer Versammlung des Stadtparlaments von Amedie am 29. April wurde der Konstanzer Vorschlag einer direkten Projekthilfe vorgestellt und mit großem Enthusiasmus aufgenommen. Das Stadtparlament von Amedie hat dem Komitee verschiedene Berichte über die aktuelle politische, wirtschaftliche und soziale Situation in Stadt und Region Amedie zukommen lassen und verschieden vordringlich zu verwirklichende Projekte benannt.

Vordringlichste Aufgabe einer Projektzusammenarbeit sind die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Sicherung der Existenz- und Ernährungsgrundlagen der Bevölkerung. Auf Wunsch des Stadtparlaments von Amedie sollen die In Konstanz und Umgebung gesammelten Spendengelder daher zunächst zum Ankauf von Ziegen und Milchschafen für jene Familien verwendet werden, deren Ernährer als „Peshmerge“ im Kampf gegen die Truppen Saddam Husseins gefallen oder die aus anderen Gründen ohne jedes Einkommen sind. Diese Starthilfe beim Aufbau von Viehzüchter hat den Vorteil, daß unmittelbar der akute Bedarf gerade der Kleinkinder an Milch und Milchprodukten gestillt, längerfristig aber auch Einkommensmöglichkeiten geschaffen werden können.

Amedie ist eine kleine Stadt mit etwa 7500 Einwohnern und liegt im Regierungsbezirk Dohuk, ca 25 Kilometer südlich der irakisch-türkischen Grenze, auf einem Hochplateau inmitten einer gebirgigen Landschaft. Etwa 1000 Bewohner der Stadt sind Christen, die friedlich mit den muslimischen Einwohnern Zusammenleben. Vor der sogenannten „Anfal-Offensive“ , in deren Verlauf die Truppen Saddam Husseins in der zweiten Hälfte der 80er Jahre über 4000 kurdische Dörfer im Norden des Irak planmässig zerstörten, war die Umgebung von Amedie bekannt für Obstanbau und Honigproduktion. Trauben, Äpfel, Pfirsiche, Mais und Gemüse wurden von dort in viele Teile des Landes geliefert. Zum Bezirk Amedie gehörten 418 Dörfer, die alle zerstört wurden. Von den etwa 18000 Dorfbewohnern wurde eine großer Teil deportiert, die Kinder wurden zum Teil in arabische Länder verkauft. Die Überlebenden flohen in den Iran und die Türkei. Mit dieser Offensive wurde auch die Stadtbevölkerung, die zum großen Teil über Grundbesitz verfügte, von ihren Einkommensquellen abgeschnitten. Beschäftigung im Dienstleistungsbereich als staatliche Angestellte war die einzige Alternative. So wollte die im Irak herrschende Baath-Partei die Abhängigkeit der Bevölkerung zementieren. Mit dem Verwaltungsembargo, das Bagdad im Oktober vergangenen Jahres gegen die befreiten Gebiete des kurdischen Nordens verhängte, hatte die Stadt dann so gut wie gar kein Einkommen mehr. Wie viele andere Städte in Südkurdistan war auch Amedie im April 1991 den mit stiller Duldung der „alliierten“ Streitmacht erfolgten Napalmangriffen der irakischen Armee ausgesetzt. Mehr als drei Viertel der städtischen Bevölkerung floh in die Türkei. die Menschen in Amedie gehörten zu den ersten, die aus den dortigen Flüchtlingslagern wieder zurückkehrten, um die Verwaltung ihrer Stadt selbst in die Hand zu nehmen. Vermittelt wurde der Kontakt nach Amedie über eine in irakisch-Kurdistan lebende lebende Deutsche, die das Menschenrechtskomitee unterstützt und als langjährige Mitarbeiterin einer medizinischen Hilfsorganisation selbst über große Projekterfahrung und über direkte Kontakte in die Region verfugt.

Das Deutsch-Kurdische Menschenrechtskomitee hat sich zum Ziel gesetzt im Laufe des Sommers insgesamt 25000—40000 DM als Spenden zu sammeln, „um so auch ein wirklich deutliches Zeichen unserer Hilfsbereitschaft setzen zu können.“ 10000 davon sind bereits bei einer ersten Spendenaktion aus der Zeit der Jahreswende zusammengekommen.

Wer das Projekt schon jetzt durch eine Spende unterstützen will, kann dies auf durch Überweisung von Spendengeldern auf das Konto 1051666601 bei der Bank für Gemeinwirtschaft Konstanz unter dem Stichwort „Hilfe für Amedie“ tun. Die Spenden sind steuerlich abzugsfähig. — (woi)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.