Heft 14 vom 09.07.1992 4/14 scan 2026-06-06

Jahrestag der Juze-Räumung Hansen soll zurücktreten



Jahrestag der Juze-Räumung Hansen soll zurücktreten

Vor einem Jahr, genau am 4. Juli, wurde das Autonome Jugendzentrum (AJZ) in der Jägerkaserne von der Polizei geräumt. Zu diesem Anlaß haben sich einige Vereinsmitglieder von Juze statt Plastik e.V. zusammengeschlossen um Aktionen zu organisieren. Sie sammeln Unterschriften für Ersatzräume an den Verein und für den Rücktritt von Bürgermeister Hansen. Sie bereiten für den Samstag, 11. Juli eine Demonstration (11 Uhr Obermarkt) und für den Abend dieses Tages ein Konzert auf dem Gelände des ehemaligen AJZ vor.

Schon in den vergangenen Wochen haben einige Leute, die sich im AJZ engagiert hatten, die „Montagskneipe am Lenkbrunnen“ wieder aufleben lassen, die nach der Räumung im letzten Sommer als Protestaktion mehrfach stattgefunden hat. Ob es weitere Aktionen geben wird ist unklar. In erster Linie wollen die jungen Leute den Jahrestag nicht so einfach verstreichen lassen. Das Transparent „Juze lebt“ unter dem sie sich Montags am Lenkbrunnen treffen, wirkt etwas nostalgisch. Dennoch: Auch diesen Aktionen kann auch eine neue Struktur und Perspektive für den praktisch nicht mehr existenten Verein „Juze statt Plastik“ entstehen und dies wäre allemal wünschenswert. Im folgenden dokumentieren wir das Aufrufflugblatt für die Demonstration. — (jüw)

„Zur Erinnerung: Nachdem die Stadt Konstanz bereits im März 1990 ihre Jugendarbeit im Jugendzentrum „Schlupfwinkel“ mit der Begründung, sie wollte ein neues Konzept erarbeiten und einen Umbau abwarten, einstellte, machten Jugendliche aus dem offenen Betrieb im Juze ohne Sozialarbeiterinnen weiter. Im Herbst 1990 gründeten die Jugendlichen den Verein „Juze statt Plastik e.V.“ und arbeiteten ohne finanzielle Unterstützung der Stadt in einem selbstverwalteten Jugendzentrum weiter. Aus dem städtischen “Schlupfwinkel“ wurde das AJZ. Mit Konzerten, offenem Betrieb, Discos und Filmnächten erfreute sich der Verein einem großen Zulauf vorallem von Jugendlichen unter 18 Jahren. Der Verein arbeitete kostendeckend, es gab allerdings auch keine Personalkosten, weil die Jugendlichen aus Spaß an der Freude arbeiteten. Die Stadt konnte innerhalb eines Jahres kein neues inhaltliches und bauliches Konzept vorlegen. Der Zulauf, den ein selbstverwaltetes Jugendhaus hatte, war Bürgermeister Hansen und seinen politischen und bürokratischen Bütteln zunehmend ein Dorn im Auge. Mit der Begründung, das Haus wäre für die Unterbringung von Asylbewerberinnen für die Stadt unverzichtbar, wurde die Stadt mit dem Verein vertragsbrüchig, beschlagnahmte kurzerhand das AJZ und ließ es am 4. Juli 1991 von der Polizei räumen. Was ist inzwischen passiert?

Die Jugendlichen, die nun ihres Treffpunktes beraubt waren, verloren sich zunehmend aus den Augen, der Verein wurde handlungsunfähig. Ein Versprechen von Bürgermeister Hansen, er würde sich um Ersatzräume bemühen, blieb hohle Phrase und eine eingereichte Klage des Vereins gegen die Stadt wegen der Räumung mußte zurückgenommen werden, weil das Verwaltungsgericht einen so hohen Streitwert ansetzte, daß die Anwalts- und Gerichtskosten für den Verein nicht aufzubringen gewesen wären. Die Stadt hat inzwischen mit den Umbauarbeiten im Juze begonnen, kann bis heute jedoch kein detailliertes inhaltliches Konzept für ein „millionenschweres“ neues Haus vorlegen (nach über zwei Jahren Verwaltungs„arbeit“)

Die Stadt äußert lediglich, daß sie ein Jugendzentrum für „alle“ will. Das heißt für sie: Es sollen die Jugendlichen der faschistischen „Nationalen Offensive“ (NO) einbezogen werden und Räume erhalten. Diese rechtsradikal organisierten Jugendlichen sind verantwortlich für den Überfall auf den Dettinger Bolzplatz bei dem im Sommer letzten Jahres zahlreiche Jugendliche verletzt wurden. Die NO ist bekannt für ihr besonders brutales Auftreten gegenüber Ausländerinnen und trat zuletzt für den Freispruch des in Stuttgart verurteilten NS-Massenmörders Schwammberger ein.

Wir sind der Auffassung, daß die Stadt von der Zielsetzung abweichen muß, dieser faschistischen Organisation ein Forum in einem luxussanierten Jugendzentrum zu bieten.

Wir fordern den sofortigen Rücktritt von Bürgermeister Hansen und konkrete Angebote für Ersatzräume an den Verein Juze statt Plastik.

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.