Krisenmomente des gegliederten Schulwesens — Teil I
Krisenmomente des gegliederten Schulwesens — Teil I
I. Kritikpunkte der GEW Baden-Württemberg am gegliederten Schulwesen
— Das gegliederte Schulwesen fordert viel zu früh — für Kinder im Alter von zehn bis elf Jahren — Entscheidungen über die Schulartwahl, mit denen gleichzeitig die Weichen für spätere Berufs- und Lebensmöglichkeiten gestellt werden.
— Es verschärft durch diese frühe Selektion die gesellschaftliche Diskriminierung bestimmter sozialer Gruppen.
— Es verhindert das gemeinsame (soziale) Lernen von Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft.
— Es verweigert den Haupt- und Sonderschülerinnen und -Schülern ein 10. allgemeinbildendes Schuljahr. Die Jugendlichen mit den schwierigsten Lern- und meist auch Lebensbedingungen müssen mit der kürzesten Schulzeit auskommen.
— Es grenzt die lernschwächeren Schülerinnen und Schüler in Haupt- und Sonderschulen aus. Dadurch spitzen sich die sozialen und pädagogischen Probleme insbesondere an den Hauptschulen zu, was auch zu teilweise untragbaren Arbeits- und Unterrichtsbedingungen für die betroffenen Lehrerinnen und Lehrer führt. Kinder und Jugendliche werden durch diese frühe Ausgrenzung als Versager und Verlierer stigmatisiert.
— Es verhindert die Garantie einer schulischen Infrastruktur, die auch in ländlichen Regionen in Wohnortnähe wenigstens den mittleren Bildungsabschluß einschließlich der Zugangsberechtigung zur Sekundarstufe II, also zum Gymnasium und den beruflichen Schulen, anbietet.
II. Daten zum Schulangebot und zur Schulversorgung
Tino Bargel und Manfred Kuthe von der Projektgruppe »Bildung und Region Konstanz« haben sich in einer jüngst abgeschlossenen Studie mit diesem Thema beschäftigt. Untersucht wird der Schulbestand von 6748 Schulen in BadenWürttemberg, die schulstufenbezogen gezählt werden. Primarstufe'. 1.-4. Schuljahr, Grund-/Sonderschulen; Sekundarstufe E 5,-max. 10. Schuljahr, v.a. Haupt-, Realschulen, Gymnasien Unter-/Mittelstufe; Sekundarstufe IE ll.-max. 13. Schuljahr, va. Gymnasien, berufliche Oberschulen (IG, TO). Von den oben genannten Schulen gehören 2752 der Sekundarstufe I an, die meisten davon sind Hauptschulen, nämlich 1269. Es gibt 448 Realschulen und 416 Gymnasien. Wie ist dieses Schulangebot der Sekundarstufe I im Lande verteilt?
310 der 1111 Gemeinde des Landes verfügen über keine Schule der Sekundarstufe, darunter haben 77 Gemeinden nicht einmal eine Grundschule. In weiteren 436 Gemeinden gibt es allein eine Hauptschule. Nur 199 Gemeinden weisen das volle gegliederte Angebot mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium auf. Die Analyse der kommunale Schulangebote ergibt folgende Befunde:
A. Es gibt keinen annähernd gleichen Standard der Schulversorgung. Gemeinden gleicher Größenordnung verfügen über sehr unterschiedliche Schulangebote. Z. B. haben von den 187 Gemeinden mit 2 000 bis 3 000 Einwohnern nur 78 eine Grundschule, aber 101 auch eine Hauptschule, zehn sogar eine Realschule oder ein Gymnasium.
B. Gemessen am Umfang der Schulangebote nach Gemeindegröße müssen 101 Gemeinden, das sind fast 10%, als schulisch »unterversorgt« gelten. Z.B. haben 39 Gemeinden in der Größenordnung 300 bis 6000 Einwohner keine Hauptschule, obwohl das ansonsten üblich ist. 16 Gemeinden mit 10-15000 Einwohnern bieten nur eine Hauptschule an, obwohl alle anderen 80 dieser Größenklasse zumindest noch eine Realschule oder ein Gymnasium haben.
C. Das Verhältnis von Schulangebot auf der einen Seite und Nachfrage nach den Schularten auf der anderen klafft zunehmend auseinander, das Ungleichgewicht wird immer größer. Unter den Schulen der Sekundarstufe sind Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien im Verhältnis 60 zu 20 zu 20 vertreten. Das Nachfrageverhältnis gemessen über die Schulwahl sieht ganz anders aus, nämlich 37 zu 28 zu 32. Aus dieser Diskrepanz speist sich ein erheblicher Teil des bildungspolitischen Unmuts. (Das Nachfrageverhalten in Bezug auf die Schulbildung steht in engem Zusammenhang mit dem über den Arbeitsmarkt vermittelten Nachfrageverhalten der Wirtschaft; ohne mittleren Abschluß keine Facharbeiterausbildung; zem)
D. In der Präsenz von Realschule und Gymnasium in den Kommunen BadenWürttembergs besteht eine Schieflage. Die 448 Realschulen verteilen sich immerhin aut 331 Gemeinden, sie sind etwas dezentraler auf fast ein Drittel der Gemeinden ausgelegt. Die 416 Gymnasien konzentrieren sich aber nur auf 231 Gemeinden, d.h. auf nicht einmal ein Viertel. Dadurch nimmt u.a. die Zahl der Ausbildungspendler dramatisch zu, mit allen damit einhergehenden Belastungen für die Schülerinnen und Schüler und die Reproduktionsgruppen (z. B. Kern-, Rumpffamilien).
E. Es bestehen massive Disparitäten in der Präsenz und Dichte von Gymnasien in den Kommunen und Kreisen. Die Gymnasialdichte — gemessen über die Zahl der Einwohner pro Gymnasium in den Kreisen — reicht von knapp 10000 in Baden-Baden bis zu über 38000 in Waldshut. Eine geringe Dichte und Präsenz an Gymnasien haben ebenfalls der Enzkreis, der Kreis Rastatt und der AlbDonau-Kreis. Unter den Stadtkreisen ist hinsichtlich der Präsenz von Gymnasien eine »Zwei-Klassen-Gesellschaft« zu erkennen: die Oberklasse bilden Freiburg, Heidelberg und Baden-Baden, die Unterklasse Mannheim, Pforzheim und Heilbronn. (Hier würde ein Bezug zu der sozialen Zusammensetzung der Bevölkerung, zu der schulpolitischen Interessenpolitik bestimmter sozialer Schichten in den Kommunen weiteren Aufschluß bringen; zem)
Die beschriebenen Ungleichgewichte und Ungleichheiten haben gravierende Folgen:
— Sie unterhöhlen die Wohnortnähe des Schulangebots und treiben die Zahl der Ausbildungspendler in die Höhe. So ist inzwischen jeder vierte Schüler an allgemeinbildenden Schulen gezwungen zu pendeln, an Gymnasien fast 40 %.
— Sie verlängern regionale und soziale Ungleichheiten in den Bildungsmöglichkeiten und verschärfen die regionalen Unterschiede in den Abschlüssen. Beispielsweise liegt die Übergangsquote auf Gymnasien in Heidelberg/Freiburg bei 49/45 %, in den Landkreisen Hohenlohe/Waldshut/Zollern-Alb bei 22 %; die Spannweite der Abgänge mit Hochschulreife« liegt hier zwischen 48/43% und 15%.
— Die Hauptschule wird völlig obsolet, deren Bildungsstandards brechen zusammen, weil an der politisch gewollten Angebotsmenge festgehalten wird. Lediglich 10 % der Hauptschulen können Standards (Angebotsbreite, Fachunterricht. Wahlmöglichkeiten, Ausstattung) anbieten, wie sie ansonsten an tragfähige Sekundarstufen-Schulen angelegt werden. Das spricht sich herum.
Quellen: »Weiterentwicklung der Schulstruktur in der Sekundarstufe I«, Beschluß des Gewerkschaftstages der GEW BaWü vom 9.5.92; Tino Bargeb Manfred Kuthe: Schulangebot und Schulversorgung in Baden-Württemberg — Bestandsaufnahme und zukünftige Schulentwicklung: Referat 37 S., Konstanz im Juni 1992. — (zem)