Heft 16 vom 06.08.1992 4/16 scan 2026-06-06

Unfrieden in Deutschland ★ Weißbuch zur Diskriminierung im Osten 1992



Unfrieden in Deutschland ★ Weißbuch zur Diskriminierung im Osten 1992

Das Buch „Unfrieden in Deutschland ★ Weißbuch zur Diskriminierung im Osten 1992“ ist herausgegeben von der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM) in Berlin und erschien im Juni 1992. Es umfaßt 520 Seiten und kann bezogen werden über die GBM, Karl-LadeStraße 26, 0-1156 Berlin. Der nachfolgende Text ist dem Manuskript der Sendung, .Buchzeit ‘' des Senders DS-Kultur (UKW) entnommen, die am 30. Juni 1992 um 15 Uhr ausgestrahlt worden ist. Die Autorin (A) ist Lia Pirskawetz, der Sprecher (S) KarlHeinz Wagenmann, die Sprecherin (1) Marret Donneshack. — (zem)

(A) Das Thema lag auf der Straße. Immer in Zeiten großer sozialer Umbrüche drangt es Publizisten, die neuen Härten in Weiß-, Grau-, Grünbüchern zu dokumentieren. Ein Weißbuch zur radikalen Umstrukturierung des vierzigjährigen DDR-Staatswesens war überfällig.

Nun ist es erschienen. Das erste von voraussichtlich vielen Weißbüchern, die folgen werden. Und da gute Weißbücher durchaus Rückwirkungen auf die Politik haben können, war es vielleicht gut, daß sich dieses erste noch nicht mit der Entindustrialisierung und noch kaum mit der Landwirtschaft, sondern mit dem brennendsten Problem befaßt: den Auswirkungen auf die Menschen in den neuen Bundesländern ...

(A) Um Gewißheit zu gewinnen und Material zu sammeln, veröffentlichten die Initiatoren im Frühjahr 1992 einen Aufruf „Für Recht und Würde“. Pastor Dieter Frielinghaus, heute Kuratoriumspräsident der genannten Gesellschaft, erinnert sich:

(S) Der Aufruf hatte eine Folge, mit der wir nicht gerechnet hatten. Er wurde nachgedruckt, vervielfältigt, im In- und Ausland in über einer Million Exemplaren veröffentlicht. Eine große Zahl bitter Betroffener wandte sich an uns, so daß wir bald Material für mehrere Bände Weißbücher hatten. Wir faßten den Entschluß, Fortsetzungsbände herauszugeben — den nächsten zum Umgang mit Intellektuellen. Im vorliegenden Band mußten wir wegen des großen Umfangs auf Kapitel zur Behindertenproblematik und zur Zerstörung der Sportlandschaft vorerst verzichten. Auf den verbliebenen 500 Seiten können wir nur einen kleinen Ausschnitt aus der Misere sichtbar machen.

(A) Nun erlebt nicht jeder Ostdeutsche die Einheitsjahre als Misere. Inwieweit ist das Weißbuch repräsentativ ?

(S) Wir können mit gewissem Recht sagen, daß sich die Lage der größeren Teils der Bevölkerung widerspiegelt. Nach einer Befragung des isda-Instituts hatte sich Ende 1991 für 37 % der Befragten die Lage verschlechtert. Jeder fünfte Einwohner der Neuen Bundesländer bezeichnete sich als arm; im Jahr zuvor hatte es nur jeder 17. getan.

(A) Unsere Zeit ist schnelllebiger denn je. Jeden Monat verändern sich die Arbeitslosenzahlen, jedes Halbjahr die Renten. Ich fragte den Herausgeber Wolfgang Richter, ob das nicht zu einer raschen Veraltung des Buches führen könnte.

(S) Im Fall einer Trendwende: ja. Aber die Zahlen, die wir seit Redaktionsschluß im April 1992 erhielten, besagen nur, daß sich die beschriebenen Tendenzen verstärken. Entlassungen und Ausgrenzungen nehmen zu.

(A) Und nun zum Inhalt. Um die Enttäuschung vorwegzunehmen: Auch hier werden die Kardinalgeheimnisse unserer Zeit so wenig enthüllt wie vom Spiegel. Auch hier kann man nicht nachlesen, warum die für ganz Deutschland zerstörerische Entindustrialisierung des Ostens immer noch nicht gestoppt wird, warum sich eine Demokratie mit massenhaften Ausgrenzungen selbst aufs Spiel setzt, nach welchen antiken Szenario Ostdeutsche aus fast allen leitenden Positionen weggewickelt werden. Für solchen bahnbrechenden investigativen Journalismus fehlten dem Herausgeberteam Zeit und Geld. Es ist aber anerkennenswerte Leistung genug, daß die 22 Weißbuch-Autoren unsere Splitterinformationen aus den Medien Zusammentragen und in größere Zusammenhänge bringen. Besonders Westdeutschen und Ausländern, die die Umkrempelung nicht hautnah erleben, dürfte das Weißbuch vieles in neuem Licht zeigen. Daß die überwiegend aussagestarken Briefe und Dokumente trotz sparsamsten Kommentars einen Kontext ergeben, ist der klaren Gliederung des Weißbuchs zu danken. 20 Kapitel sind nach dem gleichen Prinzip der Überschaubarkeit gebaut: Bevor Briefe und Dokumente für sich sprechen, gibt ein sachkompetenter Autor eine kurze Einleitung, zumeist gespickt mit soziologischen Fakten, so daß die Richtung, in der sich die Dinge sehr wohl bewegen könnten, sichtbar wird. Kein Autor kann aus Platzmangel eine erschöpfende Studie liefern. Einige Eckpunkte müssen genügen. Das Experiment mit der Volksgesundheit zum Beispiel wird mit der Auflösung von Polikliniken und der Absetzung von Ärzten belegt. Vielleicht wird eines Tages nachzuweisen sein, wieviele Ostdeutsche die Radikalkur des Gesundheitswesens mit dem Leben bezahlen mußten. Eine abgelichtete Zeitungsnotiz läßt einiges ahnen: 1991 verdoppelten sich die lebensbedrohlichen Komafälle bei Diabetikern in Ostberlin. Ein Schlaglicht. Auch in anderen Kapiteln vorerst nur Schlaglichter. Jedes der 17 Themen wäre eine Doktorarbeit wert. Hier stehen sie dichtgedrängt, atemlos formuliert, dafür auch noch phrasenlos, im besten Klartextdeutsch der Wendezeit. Da findet sich kein Thema, das und kalt lassen könnte:

Arbeitslosigkeit; Bauernkrieg gen Osten; Millionen Rentner von Armut bedroht; Größte Mietexplosion der deutschen Nachkriegsgeschichte; Selbstmorde und Selbstmordgedanken; Diskriminierung von Ausländern; Zerstörung antifaschistischer Traditionen; Frauenschicksale; Kinder- und Jugendbetroffenheit; Wehe den Besiegten im öffentlichen Dienst; Gesundheitsexperiment Einheit; Lehrerbestrafung; Kahlschlag der Wissenschaft; Künstlerbetroffenheit; Abwicklung statt Personalkonversion; Von Rechtsunsicherheit und Eigentumsverunsicherung; Für Recht und Würde.

(A) Wie Sie bereits an den Überschriften hören, sind manche Kapiteleinleitungen sachlich kühl formuliert, andere polemisch heiß. Diese Mischung im Vorspann entspricht der Mischung aus emotionsfreier Dokumentation und emotionalen Äußerungen Betroffener im Nachfolgenden. Dieser wechselnde Appell an unser Mitgefühl und unseren Intellekt macht einen ganz eigenen Reiz bei der Lektüre aus.

Wenn ich mit anderen Genres vergleiche darf: Zur Befindlichkeit im beigetretenen Deutschlandteil äußern sich auch Reportagen wie die von Alexander Osang, aber auch schon Romane wie „Gleich nebenan Afrika“ von Helga Königsdorf. Bewegende Werke. Das Weißbuch aber bewegte mich mehr, obwohl es von trockenen Zahlen und eiskalten Bürokratismen wimmelt. Mehrfach mußte ich die Lektüre unterbrechen.

Es ist eine Besonderheit dieser Zeit, daß die Fakten betroffener machen als jede Fiktion. Im Weißbuch 92 sind nur wenige Gedichte Fiktion. Ansonsten enthält es Gesetzestexte, Urkunden, Fragebögen, schwarze Listen, amtliche Schreiben von Wohnungsgesellschaften, Landräten, Ministern. Dazu aber — und das hat es in sich — die Rückmeldung von unten. Briefe Betroffener...

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