Heft 16 vom 06.08.1992 4/16 scan 2026-06-06

Weltanschauliche Bindungen und Stimmabgabe bei Wahlen



Weltanschauliche Bindungen und Stimmabgabe bei Wahlen

Krise der Volksparteien“, „zunehmende Parteiverdrossenheit“, „immer mehr Protestwähler“ — all das sind Schlagwörter aus den Wahlanalysen der letzten Zeit, kaum geeignet, wirkliche Veränderungen aufklären zu helfen, und oft mehr dazu da, politische Zielsetzungen zu verhüllen. Nach dem Motto, da muß ja was dran sein, wenn’s alle sagen, verschafft die Behauptung vom Versagen der Parteien den Rechten eine Legitimation ihrer Kritik an der parlamentarischen Demokratie und bekräftigt Forderung nach dem autoritären Staat. Zugleich erhält die rechtsextreme Richtung den Schein demokratischer Rechtfertigung, weil’s ja so viele Wähler so sehen würden ... In Wirklichkeit findet aber die Parteibildung der Rechten, speziell auch der „Republikaner“, keineswegs von „unten“, d.h. den armen Bevölkerungsteilen, aus statt, sondern ist absichtsvoll von „oben“, vom großen Geld, geplant und betrieben.

Das Statistische Amt der Stadt Stuttgart hat nun den ersten Teil einer umfangreichen Wählerbefragung veröffentlicht, der Hinweise darauf gibt, auf Grundlage welcher weltanschaulichen Prozesse die Rechten ihre Parteibildung betreiben.

Die Studie beruht auf einer Wählerumfrage Anfang 1991, wie bei den Bundestagswahlen im Dezember 1990 abgestimmt wurde; die Zuordnung sozialer Merkmale zur Stimmabgabe ist damit (im Rahmen hier zu vernachlässigender Ungenauigkeiten) eindeutig — im Gegensatz zu den sonst üblichen „Stadtteil“untersuchungen, in denen aus der Tatsache hoher Stimmabgabe in einem bestimmten Wohngebiet Rückschlüsse auf das Stimmverhalten von Individuen gezogen werden, obwohl eigentlich nur Aussagen über das Umfeld erlaubt sind (Rep-Wähler wohnen eher im Neubaugebiet als im Eigenheimvorort).

Nun liefert die Stuttgarter Befragung leider keine direkten Ergebnisse über die Wähler der Republikaner; ihr Anteil war bei der Befragung mit nur ein Prozent für eine Auswertung zu gering. Auf die Beantwortung der ebenfalls spannenden Frage, wer zu der wachsenden Zahl von Wahlberechtigten gehört, die ihre Stimme nicht abgeben, muß man noch etwas warten, bis der zweite Teil Ende des Jahres veröffentlicht wird. Dennoch liefert das veröffentlichte Material interessante Hinweise.

1. Wertezerfall im konservativen Lager. Die in der Grafik wiedergegebene Präferenz der Katholiken für die CDU nach dem Alter interpretiert die Studie so: Erstens ist die Kirchenbindung bei jüngeren Katholiken im schwinden begriffen; d.h. der Anteil von Mitgliedern der katholischen Kirche, der sich als aktiv bezeichnet, geht bei den jüngeren deutlich zurück. Die Grenze verläuft in etwa zwischen den Vor- und Nachkriegsgeburtenjahrgängen. Zweitens lockert sich aber auch die Bindung zwischen den aktiven Katholiken und der CDU bei den jüngeren Jahrgängen. „Konnten von dieser Entwicklung bis Mitte der 80er Jahre hauptsächlich die Grünen profitieren, ist bei den eher aktiven katholischen Jungwählern der ausgehenden 80er und der beginnenden 90er Jahre ein Trendwechsel zu eher bürgerlichen, konservativen, zum Teil sogar rechtsgerichteten Positionen zu beobachten.“

2. Gewerkschaften sind ein Hemmnis gegen die Rechtsentwicklung. Die Befragung stellte fest, daß etwa 31 % der erwerbstätigen Befragten in Stuttgart sich als Gewerkschaftsmitglied bezeichneten; das entspricht in etwa dem bundesweiten Organisationsgrad. Von den gewerkschaftlich Organisierten sahen sich wiederum rund 15 % als eher aktive und 85 % als eher passive Mitglieder. Die jeweilige Zuordnung zu Parteien ergibt sich aus der Tabelle: Nicht überraschend, daß die SPD überdurchschnittlich gewählt wurde; aber auch die Grünen liegen, vor allem bei den gewerkschaftlich aktiven, deutlich über ihren Durchschnittsergebnissen. Umgekehrt dagegen die CDU und noch mehr die FDP, zu denen gewerkschaftliche Wähler eher ein distanziertes Verhältnis haben. Interessant ist die Altersabhängigkeit: „So dramatisch sich eine weitere Erosion der Bindung der Katholiken an ihre Kirche im Generationswechsel andeutet, so stabil scheint die Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft über die Altersjahrgänge hinweg zu bleiben.“ Allenfalls ist eine gewisse Umorientierung im Wahlverhalten festzustellen: bei den mittleren und jüngeren Jahrgänge von Mitgliedern, speziell bei den aktiven, wählen mehr die Grünen als bei den älteren, die eher für die SPD stimmen.

Statist. Informationsdienst der Stadt Stuttgart, Sonderheft 2/1992— (alk)

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