Aus dem Gutachten des RWI
Aus dem Gutachten des RWI
Die Fähigkeit der Betriebe, Arbeitsplätze auch bei verstärkten Rationalisierungsanstrengungen zu erhalten, hänge aber entscheidend von den Maschinenlaufzeiten ab. Eine Kontinuität der Produktion durch Mehrschichtbetrieb und Einbeziehung der Wochenenden senkt nicht nur die Kapitalkosten, sondern stabilisiert auch die Zahl der Beschäftigten. Die rechtlichen Regelungen, die im Rahmen der Sozialpolitik getroffen wurden und zum Beispiel die Einbeziehung von Wochenenden zur Ausnahme machen, sollten daher abgeschafft werden. Hier das für die jeweilige Branche oder den jeweiligen Betrieb richtige zu vereinbaren, könne den Tarifparteien überlassen bleiben ...
Eine Anpassung der bisherigen Industriestrukturen in Deutschland an dieses Konzept (lean production; d. Verf.) bedeutet:
- es kommt zu einer Abflachung und erheblichen Ausdünnung der Managementhierarchien, die teilweise in die Produktion verlagert werden, teilweise aber ausscheiden müssen,
- in der Produktion wird relativ einfache (im Sinne formaler Qualifikationsanforderungen) Arbeit durch maschinelle Arbeit und qualifizierte Arbeit, also durch Humankapital, ersetzt.
Ein mögliches Szenario für die deutsche Automobilindustrie nach erfolgreicher Einführung des Lean-production - Modells wäre also ein erheblicher Arbeitsplatzabbau, der einerseits relativ alte Arbeitnehmer und ausländische Arbeitskräfte trifft, andererseits aber auch mittlere Angestelltengruppen tangiert. Sehr leicht könnte in diesem Prozess eine bestimmte Arbeitslosigkeit in dem Sinne entstehen, daß die Unternehmen Schwierigkeiten haben, ihren Facharbeiterbedarf abzudecken, andererseits aber die Arbeitslosenzahlen bei Ungelernten und anderen Problemgruppen wie Ausländern und älteren Arbeitnehmern erheblich steigen.
... daß Ausbildung über den Bedarf hinaus nicht nur mit extrem hohen gesamtwirtschaftlichen Kosten verbunden ist, sondern dadurch auch akademische Ausbildung faktisch zum Konsumgut wird. Dies werde nicht nur mit öffentlichen Mitteln und damit letztlich aus einer überhöhten Belastung der produktiven Bereiche bezahlt, sondern stelle auch eine Verschwendung von Humankapital dar. Die Alternative bestünde darin, das Angebot an Studienplätzen so zu rationieren, daß einerseits ein schnelles Studium ohne Qualitätseinbußen möglich sei, andererseits die Hochschulen wieder ihre Forschungsaufgaben gleichrangig wahrnehmen können. Die Auswahl müsse über qualitative Kriterien, sprich Hochschuleingangsprüfungen, erfolgen.
... Für die Tarifpolitik bleiben, auch wenn man das japanische Modell für nicht völlig übertragbar hält, eine Reihe von Aufgaben bestehen, die im Interesse des Erhalts der Wettbewerbsfähigkeit wichtiger Branchen gelöst werden müssen:
- Die steigende Bedeutung der Kapitalkosten, aber auch die Flexibilität der Produktion, erzwingen ein Abgehen von den starren Arbeitszeitregelungen der Vergangenheit, die auf eine Vermeidung von Schichtarbeit und Wochenendarbeit abzielten.
- Die „Enthierarchisierung“ der Betriebe, die sich abzeichnende Verschiebung in der Aufgabenteilung zwischen Produktion und nachgelagerten Stufen erzwingt eine Veränderung der Tarifstrukturen und der Eingruppierungsregeln.
- Die stärkere Betonung der Gruppenarbeit und die hohe Bedeutung der aktiven Mitarbeit aller Arbeitnehmer bei der Realisierung von Produktivitätsreserven setzt die Schaffung von Anreizsystemen voraus, die in Abstimmung zwischen Management und Gewerkschaften entwickelt werden müssen.
- Die Anfälligkeit der neuen Produktionsorganisationen gegenüber Störungen werfen die Frage auf, ob sich die volkswirtschaftlichen Kosten eines Streiks noch rechtfertigen lassen ...
Quelle: Staatsanzeiger, 12. August 1992.