Gegen die Kolonialisierung „linker“ Köpfe — Buchrepräsentation
Gegen die Kolonialisierung „linker“ Köpfe — Buchrepräsentation
„Hier wird breit gesehen. Die Zeit fault und kreißt zugleich. Der Zustand ist elend oder niederträchtig, der Weg heraus krumm. Kein Zweifel aber, sein Ende wird nicht bürgerlich sein.“ (Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit, 1935)
Am Montag, den 21. September um 20 Uhr werden auf Einladung der Infokneipe die beiden Autoren Klaus Schönberger und Claus Köstler im Kulturladen über wesentliche Inhalte ihres im Juni ’92 erschienenen Buches referieren.
„Der freie Westen, der vernünftige Krieg, seine linken Liebhaber und ihr okzidentaler Rassismus oder wie hierzulande die Herrschaft der .neuen“ Weltordnung als .Krieg in den Köpfen“ angefangen hat“, so lautet der Titel des Buches, das die Autoren als eine vorläufige Positionsbeschreibung des politischen Projekts einer neuen radikalen und autonomen Linken betrachten wollen.
Anhand des Golfkrieges untersucht dieses Buch den 1990/1991 inszenierten Kriegstreiberdiskurs des freien und vernünftigen Westens und die in ihm beispielhaft vorscheinende „Okzidentale Ideologie“. Der Kriegstreiberdiskurs beinhaltet jene Rechtfertigungsmuster, die auch für künftige Interventionskriege im Rahmen des Nord-Süd-Konflikts benötigt werden.
Im Zuge des Zusammenbruchs der bundesrepublikanischen Linken ergriffen zahlreiche einstige Parteigängerinnen der Friedens- und Antikriegsbewegung unter Berufung auf die okzidentale Ideologie Partei für eine militärische Lösung des Irak-Kuwait-Konflikts. Vor diesem Hintergrund nehmen die beiden Autoren eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit den zahlreichen Befürworterinnen gerade auch unter Linken und dem spezifisch linken Anteil am Kriegstreiberdiskurs für die herrschende Ordnung der Welt vor.
Im Mittelpunkt dieses Kriegstreiberdiskurses standen drei ineinander verwobene historische „Argumente“: die Gleichsetzung von Hitler-Deutschland und Saddam-Irak, die Zuspitzung ethnozentristischer Interpretationen der internationalen Beziehungen zu rassistischen Denkformen gegenüber der „Dritten Welt“ (unter Bezugnahme auf alte „okzidentale“ Islam-Feindbilder) sowie die Instrumentalisierung der „Historischen Verantwortung der Deutschen“ nach der Ermordung der europäischen Juden im Nazi-Faschismus.
Insbesondere der Vorwurf eines „linken Antisemitismus“ machte der Antikriegsbewegung zu schaffen. Die Zusammenfassung und Kommentierung dieser Debatte soll zugleich ein Beitrag zur Klärung der Frage sein, warum die Anti-Kriegsbewegung gegen den Golfkrieg bereits nach zwei Wochen in sich zusammenfallen konnte. Die Ursachen hierfür sehen die Autoren auch selbstkritisch in seitherigen, teilweise fatalen Fehl- und Selbsteinschätzungen linker und friedensbewegter Theorie und politischer Praxis („Zur Möglichkeit des Antisemitismus-Vorwurfes“).
Außerdem beleuchten sie den impliziten Rassismus derjenigen, die mittels der Instrumentalisierung des Holocaust für den Kriegstreiberdiskurs, hauptsächlich in der Linken Antisemiten orten („Zur Kritik des AntisemitismusVorwurfes“) und sich mit der Regierung und den Waffenhändlern gegen die Opposition im Dienste der aufgeklärten und vernünftigen Welthungerordnung verbündeten.
Historische Ereignisse wie der Zusammenbruch des realexistierenden Sozialismus und der Anschluß der DDR führen zu neuen politischen Konstellationen und Kräfteverhältnissen, so auch in der bundesrepublikanischen Linken. Der Golfkrieg verdeutlichte: Es gibt diese Linke in der seitherigen Form nicht mehr.
Vielmehr kommt hierzulande manch(e) Linke(r) über eine negativ besetzte Apologie des (bundesrepublikanischen) Nationalismus nicht hinaus. Hierüber verliert er/sie insbesondere den Blick für momentan sich anbahnende Entwicklungen zum Modell „Festung Europa“. Nicht zuletzt ließ ein solch „negativer Nationalismus“ radikale Linke zu Parteigängerinnen des Kriegstreiberdiskurses werden.
Die Veranstaltung kann selbstredend die Lektüre des Buches nicht ersetzen. Und diese lohnt sich, zumal wir- z. B. die Wiederbelebung des deutschen Militarismus im Zeichen von UNO und Europa derzeit hautnah erleben. - (sal)