„Kolumbus, Koks und Kaffeebohnen“
„Kolumbus, Koks und Kaffeebohnen“
Ein kolonial-wahres Musik-Kabarett“ Die Infokneipe spricht in ihrem Veranstaltungsprogramm vom kulturellen Höhepunkt des Jahres: Am Freitag, den 25. September um 20 Uhr darf mensch sich davon überzeugen, ob diese Behauptung gerechtfertigt ist.
Immerhin: Bekannte Kabarett-Autoren wie Volkmar Staub, Didi Jünemann und Rainer Hannemann haben dieses Stück zum Thema Kolonialismus und Eurozentrismus geschrieben. Renomierte Künstlerinnen wie Francisco Zumaque (Komponist der Oper „1492“ für die Berliner Schaubühne), Lotte Reitzner und Marie-Luise Waubert de Puiseau (beide von „College of Hearts“), Didi Jünemann und Winni Walgenbach (beide vom Kabarett „Laut und Lästig“) und Sunga Weineck (vom „Kölner Tanzforum“) spielen und musizieren auf der Bühne.
Die eigens zu dieser Produktion zusammengekommenen Künstlerinnen gastieren im Kulturladen zum Auftakt ihrer dreiwöchigen Tournee (25. September bis 17. Oktober) im Hinblick auf den 500. Jahrestag der Conquista (12. Oktober 1992).
Eines der ältesten soziokulturellen Zentren und Kulturkneipen BadenWürttembergs, das Stuttgarter LABORATORIUM produzierte dieses Kabarett anläßlich des Bundeskongresses entwicklungspolitischer Aktionsgruppen (BUKO), der Ende Mai 1992 in Stuttgart stattfand. Das Projekt kam zustande in Zusammenarbeit und mit Unterstützung des BUKO, des Ausschusses für Entwicklungspolitische Bildung und Publizistik (ABP), der Stiftung „Umverteilen!“, sowie der Gesellschaft für Politische Ökologie in BadenWürttemberg (GPÖ).
Aber auch in Konstanz konnte diese sehr aufwendige Aufführung nur mit finanzieller Unterstützung von außen gewährleistet werden: Hierbei reichen sich das Kulturamt der Stadt Konstanz und der ESG c.V. die Hand.
Zum Inhalt des Stückes:
Irgendwo in der Karibik warten die Gäste der Bar „Santa Maria“ des „Hotels Imperial“ gespannt auf den „Christoball“, den Ball der gestrandeten und gelandeten 500 Jahre Einsamkeit. Die Stimmung steigt in gleichem Maß wie der Genuß von Alkohol und anderen Drogen. Endlich ist man wieder einmal so richtig europäisch unter sich. Da wird kein Blatt mehr vor den Mund genommen, da wird es gemütlich, da fallen die letzten Hemmungen unter den reich gedeckten Tisch. Die Gäste der Hotelbar verwildern zusehends; ihre Paranoias und Halluzinationen nehmen zu und führen sie in diverse historische wie hysterische Situationen: von den drei Königen aus dem Morgenland über Kolumbus, Isabella und Ferdinand, Montezuma und Cortez bis zu Fidel Castro, dem ein eingehendes Marketing-Konzept unterbreitet wird, mit dem Ziel, Kuba in ein „Socialisneyland“ zu verwandeln. Dabei geht es nicht nur um Schuld und Schulden, um Organ- und Bananenhandel, sondern auch um die wichtige Frage, welche Rolle der deutsche Kaffeekonsum bei der Steigerung des Bruttosozialproduktes spielt.
Zu den Figuren:
Das alles läßt Paco, Bar-Pianist und Bar-Keeper in einem und einziger Einheimischer in der Runde, völlig unberührt. Er bleibt stolzer und schweigender Diener seiner Herren und gleichzeitig immer Herr der Lage. Er bedient und beobachtet:
Reinhold und Regine Vogel, ein durchaus frustriertes Entwicklungshelfer-Pärchen.
Dow Jones, schwarzafrikanischer Weißkragen, cooler, aber sanfter Marketingberater, „Worldwide Investment — Public Relations“, verirrt sich rein zufällig in das seinem Status keineswegs gerecht werdende „Imperial“...
Gerlinde Hornig, eine „Anders-Reisende“, ständig auf der Suche nach dem Latin Lover und der Inspiration durch die indianischen Urvölker will in den Urwald und dort mit den Indianerinnen bluten ...
Uwe Grimmlich, heruntergekommener aber trinkfester Intelektueller, fatalistisch, zynisch und ständig nörgelnd. Er ist auf dem Rückweg aus El Salvador und vermißt nach dem Waffenstillstand die Guerillero-Romantik, weshalb er seine schriftstellerische Inspiration im Alkohol sucht.
Wilfried Tuschick, hat Europa den Rücken gekehrt und versuchte in Peru die Cholera zu bekämpfen, wobei er die Grenzen seiner Belastbarkeit und alsbald seinen revolutionären Elan entdeckt.
Und schließlich die Bar-Sängerin: Dolly Perdone, Typ abgehalfterte Soubrette, langansässige Amerikanerin, besitzt das Hotel und auch sonst so einiges, was sie schnell wieder loswerden will ... — (sal)