Heft 23 vom 13.11.1992 4/23 scan 2026-06-06

Erklärung von Radio Dreyeckland zur Verhaftung von Stefan Waldberg



Erklärung von Radio Dreyeckland zur Verhaftung von Stefan Waldberg

Stephan Waldberg, freier Mitarbeiter von Radio Dreyeckland, wurde am 23. Oktober 1992 von türkischen Militärbehörden bei der Wiedereinreise in die Türkei (vom Irak kommend) festgenommen. Er wurde zunächst in Einzelhaft mit verbundenen Augen festgehalten. Von der kurdischen Stadt Sirnak wurde er dann nach Cizre verschubt, schließlich im Militärgefängnis von Silopi festgehalten. Die deutsche Botschaft in Ankara wurde von der Verhaftung von Stephan Waldberg erst eine Woche später informiert. Inzwischen ist ein Rechtsanwalt aus Diyarbarktr eingeschaltet worden. Nach seinen Angaben werden die von Stephan Waldberg mitgeführten Ton - und Bildmaterialien als .Propaganda der PKK‘ gewertet und nunmehr zu einem Verfahren vor dem Staatssicherheitsgericht in Diyarbarktr führen. Der Termin ist noch nicht bekannt. Stephan Waldberg hat als freier Mitarbeiter von Radio Dreyeckland in der Kriegsregion auf beiden Seiten der türkisch-irakischen Grenze Informationen eingeholt, sich in der kurdischen Stadt Cizre und bei Freunden aufgehalten. Nach dem Verständnis einer unabhängigen Informationsbeschaffung ist der Kontakt zu den jeweiligen in der Region kriegführenden Parteien notwendig, um sich ein eigenes Bild der Lage machen zu können. Ein Prozeß der türkischen Militärbehörden ist deshalb darauf gezielt, die Arbeit und Informationsbeschaffung von Journalisten praktisch zu verhindern.

Inzwischen haben sich eine Reihe von Organisationen und Einzelpersonen in die Freilassungsforderung von Stephan Waldberg eingeschaltet. Der SPD-MdB Gernot Erler hat angekündigt, notfalls mit einer Delegation nach Ankara zu fliegen .. . Der SPD-MdL Ulrich Brinkmann schrieb an Außenminister Kinkel, um sich für seine baldige Freilassung einzusetzen. Der Vizepräsident des Europaparlaments Wilfried Telkämper stellte gegenüber dem türkischen Botschafter in Bonn klar, daß es sich von selbst verstehe, daß ein Journalist .Material von allen an den Auseinandersetzungen beteiligten Gruppen und Fraktionen zusammenträgt.' Das Mitglied im Bundesvorstand der Grünen, Angelika Beer, hält es für absurd, Stephan Waldberg der Unterstützung terroristischer Straftaten zu verdächtigen. Der Bundesvorstand der Grünen fordert seine umgehende Haftentlassung. Auch das Komitee zum Schutz von Journalistinnen in New York hat sich inzwischen eingeschaltet, ebenso wie Amnesty International und Medico International.

Radio Dreyeckland kritisiert insbesondere die .Berichterstattung' in den türkischen Medien, die keine sachlichen Informationen verbreitet. Wir fordern die umgehende Haftentlassung unseres freien Mitarbeiters Stephan Waldberg. Radio Dreyeckland, 5.11.92

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