Heft 24 vom 04.12.1992 4/24 scan 2026-06-06

Zahnradfabrik Friedrichshafen: Geld ist da!



Zahnradfabrik Friedrichshafen: Geld ist da!

Am 25.11. fand im ZF-Werk Friedrichshafen ähnlich wie in allen Werken des ZF-Konzerns eine außerordentliche Betriebsversammlung statt, um gegen die Halbierung des Weihnachtsgeldes zu protestieren (Verluste von ca 250 DM).

Der Vorstand begründet diese Kürzung mit der „dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage“. Betriebsratsvorsitzender Wenzel fragt, ob der Vorstand glaubt, die Belegschaft mit Kurzarbeit und Personalabbau schon derart eingeschüchtert zu haben, daß sie sich alles gefallen lasse. Die Belegschaft fühle sich verschaukelt, wenn erklärt wird, die Einsparung von 6,5 Mio seien entscheidend für den Erhalt des Unternehmens aber fast gleichzeitig es überhaupt keine Probleme bereitet, einige 100 Mio DM für den Ankauf des US-Werks Allison locker zu machen. Um wieviel 100 Mio es sich dabei handelt, darüber darf spekuliert werden; die ZF habe mit General Motors vereinbart, die Kaufsumme geheim zu halten.

Verschiedene Redner wiesen zurück, daß die erneute Kürzung etwas mit der Konjunktur zu tun habe. Schließlich sei das nicht der erste Aderlaß Bereits 1991 war das Weihnachtsgeld um ein Drittel und die jährliche Abschlußgratifikation um 10% reduziert worden. Vor zwei Jahren hatte der Vorstand eine Liste verabschiedet, über die Streichung aller nicht tariflich abgesicherten Zahlungen jährlich 70 Mio DM zu sparen. Diese Liste ist trotz (oder gerade wegen?) „geheim“ in Windeseile verbreitet worden.

Die ZF zahlt nicht besser als ähnliche Unternehmen. Die Grundlöhne und -gehälter liegen etwa eine Gruppe unter dem Tarifniveau, dafür beinhalten die Verdienste 20%, 25% teilweise über 30% nicht tariflich abgesicherte Bestandteile als Leistungszulage. Die letztjährige Kürzung der Abschlußgratifikation wurde geschluckt mit der vagen Zusage, diese Leistungszulage und das bereits gekürzte Weihnachtsgeld nicht weiter anzutasten, es sei denn „unerwartete wirtschaftliche Entwicklungen“ zwängen dazu.

Mehrere Redner gingen darauf ein, daß die wirtschaftliche Entwicklung der ZF nur zu einem geringem Teil mit der Konjunktur zu tun hat. Aber für das laufende Geschäft notwendige Gelder wurden für abenteuerliche Strategien zur Eroberung des US-Markts und für Ankauf von Tochterwerken in Italien abgezogen. „Wenn jemand in der Fertigung für 4 Tausend DM Ausschuß produziert, setzt’s eine Verwarnung. Wer 200 Mio DM und mehr in den Sand setzt, hat nichts zu befürchten, weil die

Summe unvorstellbar ist.“ “Sind wir schuld, wenn Vorstand und Geschäftsleitung Fehler in der Planung machen und Gelder in Fehlinvestitionen reinstecken“ lautet eins der am Eingang der Betriebsversammlung aufgestellten Plakate und der Hauptvorwurf.

Auf der Hitliste der Vorstandbezüge stehen die ZF-Vorstände an sechster Stelle, noch zwei Plätze vor Daimler Benz. (1988 durchschnittlicher Jahresbezug 1,1 Mio DM; neuere Zahlen rücken auch Aufsichtsratsmitglieder nicht raus.)

Nach den fetten Jahren jammert die Geschäftsleitung seit 1991 über „zunehmende Verluste im operativen Geschäft“. Die Bilanz sei zwar noch ausgeglichen, aber im eigentlichen Produktionsgeschäft seien 50 Mio DM Minus zu verkraften. Setzt man die Abschreibungen etwas wirklichkeitsnaher an (nach Schätzungen des statistischen Bundesamtes), so werden aus den 50 Mio DM Minus ca 300 Mio DM Plus. Die ZF war schon immer Weltmeister darin, Gewinne vor der Steuer zu verstecken.

Nach großer Hektik im Frühjahr und Sommer 1992, jede Menge Überstunden und Sonder-Nachtschichten bei gleichzeitigem Nichtersatz von Fluktuation, werden seit Mitte Oktober weniger Getriebe geordert. Die Geschäftsleitung reagierte sofort mit Kurzarbeit, zunächst mit 6 Tagen für Oktober und November. Nicht nur für die Fertigung und fertigungsnahe Bereiche, sondern für den gesamten Geschäftsbereich. Herausnahme aus der Kurzarbeit nur, wenn „dadurch Schaden von der ZF“ abgehalten werden könne. Monatlich wurden zusätzliche Kurzarbeitstage beim Betriebsrat beantragt, die ZF hat große Probleme die Quote von mindesten 10% Ausfallzeit bei mindestens 30% der Beschäftigten zusammen zu kriegen, weil eh schon viele fehlten, die ihren Resturlaub bis 8. Januar nehmen mußten. Das Arbeitsamt ist schon ausgesprochen großzügig der ZF gegenüber, aber Zahlung bei weiter Unterschreitung der Mindestausfallszeit wäre ein zu offensichtlicher Rechtsbruch. Bis Jahresende werden jetzt 12 Kurzarbeitstage gemacht, hauptsächlich zu dem Zweck, der ZF die Bilanz aufzubessern. Mit jedem Kurzarbeitstag sollen ca 1 Mio DM gespart werden.

Vorstand und Geschäftsleitung versuchen offensichtlich das Abbröckeln der Sonderkonjunktur DDR-Anschluß/ Zusammenbruch Ost zu nutzen, im Schlepptau beginnender Krise schnell, möglichst ohne Widerstand die Umstrukturierung des Konzerns und Neuorientierung bei der Konzernstrategie durchzuboxen. Dazu gehören Produktionsverlagerungen. Z.B. sollen die Schiffsgetriebe nach Italien verlagert werden. Das Motto lautet: „Konzentration auf das Kerngeschäft Nutzfahrzeugantriebstechnik“. Das nachdem fünf Jahre lang, die “Sonderantriebstechnik“ (Rüstung, Luftfahrt, Schiffsgetriebe und etwas Maschinenbau) forciert wurde, weil dort (bis auf den Maschinenbau) höhere Gewinne zu erzielen waren. Jetzt will man diese Bereiche so schnell wie möglich abstoßen bzw. verlagern.

Für das Kerngeschäft soll die Fertigung umstrukturiert werden. Von „lean production“ ist die Rede (lean heißt schlank und hört sich nett an) und Inselfertigung macht Furore (nicht zu verwechseln mit „last minute“ Teneriffa). Aber Konzepte werden nicht vorgelegt. Auf der anderen Seite werden unter dem Motto FertigungsTiefen- „Optimierung“ zunehmend Teile zugekauft und Fertigung fremdvergeben.

Von „Umstrukturierung“ ist die Rede, aber das einzige was die Belegschaft mitkriegt, ist, daß mal wieder Köpfe gezählt werden. Es wurden dieses Jahr ca 300 Leute „abgebaut“ durch sog. „weiche Welle“. Vorruhestand, Nichtersatz von Fluktuation, aber auch Rausschmiß für geringfügige Vergehen. Die Geschäftsleitung kündigt für 1993 „das Schlechteste Jahr seit Kriegsende“ an. Gemunkelt wird, daß das Wort „Entlassungen“ vermieden wird, bis die OB-Wahlen Mitte März rum sind. OB Wiedmann ist Aufsichtsratsvorsitzender der ZF und ein guter Freund von Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Amreich.

Auch der Vorstand wurde „umstrukturiert“, wobei der ausgeschiedene Dr. Braun einen Beratervertrag bei ZF Passau bekam. Der Vorsitzende der Vertrauenskörperleitung fragt, wieviel bei den Massenentlassungen bei ZF Passau vom Hof reiten mußten, um diese Rentenausbesserung zu finanzieren.

Und es gibt zunehmend Kolleginnen, die sich für Bilanzen interessieren und reagieren, wenn es heißt „Keine Gewinne in operativen Geschäft“. „Aber Supergewinne mit den 3 Milliarden in den Rücklagen. Die sind doch schließlich auch von uns erarbeitet worden.

Die Zinseszinsen würden lässig reichen, das Weihnachtsgeld über Jahrzehnte zu sichern,“ war ein mit viel Beifall begrüßter Redebeitrag.

Warum wird aus den Rücklagen nicht investiert, sondern behauptet, längst abgeschriebene Anlagen müßten rund um die Uhr genutzt werden?

Zunehmend wird die Sorge geäußert, will der Vorstand das Werk Friedrichshafen als Produktionsstandort an die Wand fahren? Wollen die nur möglichst eilig möglichst viel Geld rausziehen, weil am FinanzSpekulationsmarkt höhere Renditen zu erzielen sind?

Bei den Personalkosten wird jeder Pfennig umgedreht aber es war trotz riesigem Kostenaufwand ein absolut notwendiger Akt den Namen „Zahnradfabrik Friedrichshafen“ ganz schnell aus allen amtlichen Registern, Briefköpfen Formblättern usw. zu tilgen, um ihn durch das schlichte „ZF“ zu ersetzen. Soll damit rechtzeitig aus der öffentlichen Vorstellung verschwinden, es handle sich um einen Ort, wo produziert wird? Hinter „ZF“ könnte auch „Zentral Finanz“ vermutet werden.

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.