Sozialhilfedaten beweisen: zunehmende Armut in der Region
Sozialhilfedaten beweisen: zunehmende Armut in der Region
Nüchterne Statistik wird ganz sicher nicht dem ganzen Ausmaß des materiellen und psychischen Elends gerecht, dem viele Menschen unterworfen sind. Sie kann aber Anhaltspunkte liefern und das Bewußtsein dafür schärfen, in welchem Umfang heute der Kapitalismus wieder Menschen in die Armut treibt.
Es ist deshalb nützlich, sich die Ergebnisse einer Untersuchung der Sozialhilfedaten aus Städten und Gemeinden zu betrachten, die das Landesamt für Statistik jetzt für das Jahr 1990 veröffentlicht hat.
Danach haben im Landkreis Konstanz 5237 Haushalte bzw. 12422 Menschen Sozialhilfe bezogen. Das sind ziemlich genau 5 % der gesamten Bevölkerung des Landkreises. In Wirklichkeit müßten diese Zahlen noch höher liegen, denn es muß davon ausgegangen werden, daß nicht alle, die Sozialhilfe in Anspruch nehmen könnten, dies auch tun: sei es aus Abneigung gegen Behördenschikanen, sei es aus Scham.
Wie dem auch sei: auf laufende Hilfe zum Lebensunterhalt waren im Jahr 1990 insgesamt 9374 Leute angewiesen, der Rest mußte andere Hilfearten in Anspruch nehmen (z.B. Hilfen für werdende Mütter, zur Pflege, für Behinderte). Dabei waren 32,8 % aller Sozialhilfeempfänger im Kreis zwischen sieben und 18, 12,6 % waren über 60 Jahre alt. Weitaus der größte Teil (45,4 %) befand sich im erwerbsfähigen Alter. Es handelt sich also keineswegs hauptsächlich um die sogenannte Altersarmut, und nur zum Teil um Probleme kinderreicher Familien. Vielfach liegen einfach die Löhne (oder das Arbeitslosengeld) zu niedrig. Das bestätigt sich, wenn die Gründe für den Sozialhilfeempfang betrachtet werden.
Obwohl das Raster, nach dem das statistische Landesamt unterschieden hat, zu grob ist, kommt doch raus, daß 1653 der 5237 Haushalte wegen Arbeitslosigkeit zu Sozialhilfeempfängern wurden. 771 Haushalte waren wegen „unzureichender Versicherungs- oder Versorgungsprüfung“ auf Hilfe angewiesen. „Krankheit des Ernährers“ zwang 278, „Tod des Ernährers“ 22 Haushalte zum Gang aufs Sozialamt. Beleg dafür, wie schlecht die materielle Lage vieler Menschen ist, obwohl sie einen Job haben: Ein auch nur zeitlich begrenzter Ausfall des „Ernährers“ kann nicht überbrückt werden. Anderen geht es noch dreckiger: immerhin 376 Haushalte gaben als Grund „unzureichendes Erwerbseinkommen“ an. Die genannten Zahlen dürften heute erheblich höher liegen, zum einen, weil die Arbeitslosigkeit wieder deutlich ansteigt, zum anderen jedoch, weil sich die Zone der Niedriglöhne weiter ausgebreitet hat. — (jüg)