Jugendzentrum: Mehr Mitsprache der Nutzerinnen bei der Gestaltung
Jugendzentrum: Mehr Mitsprache der Nutzerinnen bei der Gestaltung
Seite Mitte letzten Jahres das Jugendzentrum Schlupfwinkel in Konstanz geschlossen wurde, ist es lange Zeit still gewesen, was die Zukunft des Juzes betrifft. Damals ist das Gebäude mit einem massiven Polizeiaufgebot geräumt worden. Zum Zeitpunkt der Räumung hielten sich ca. 50 Jugendliche, vorwiegend Schülerinnen im Haus auf und verließen nach einigem Hin und Her das seit einer Woche besetzte Juze. Asylbewerberinnen sollten hier vorläufig untergebracht werden. In zahlreichen Aktionen, Interviews mit Zeitung und Rundfunk wurde von den Jugendlichen immer wieder darauf verwiesen, daß die Räumlichkeiten heruntergekommen seien und für menschenwürdiges Wohnen als allerletztes geeignet seien. Ein bewährtes Schema, das Ausspielen von Radgruppen gegeneinander wurde hier wiedereinmal erfolgreich angewendet. Die sich selbst als autonom bezeichnenden Nutzerinnen betonten immer wieder, daß es rechtlich gesehen möglich gewesen wäre, vorhandenen leerstehende Häuser für diesen Zweck zu benutzen und damit die sicherlich menschenwürdigere und billigere Alternative zu wählen. Dies stieß jedoch bei den Verantwortlichen der Stadt auf taube Ohren. Nachdem das Gebäude mit viel Aufwand bewohnbar gemacht wurde zogen die ersten Asylbewerberfamilien ein. Doch lange blieben sie nicht. Denn bald darauf waren ihre vorerst endgültigen Wohncontainer an der neuen Rheinbrücke bezugsfertig.
Nur ein ein einzige Mal wurde in dieser Zeit das Thema Ersatzräumlichkeiten für Jugendliche im Gemeinderat angesprochen. Vorgeschlagen waren die Räumlichkeiten der ehemaligen Metzgerei Sulger. Von Sozialarbeitern als unbedingt annehmbare Übergangslösung gefordert wurde der Vorschlag abgelehnt. Begründung: Eventuelle Lärmbelästigung der Nachbarschaft. Dies in einem Gebiet, wo eine Kneipe neben der anderen liegt. Zahlreiche Protestaktionen seitens der Jugendlichen wie Unterschriftensammlung, Demos, Sit-ins im Rathaushof, Fußballspielen auf der Marktstätte, etc waren die Folgen. Doch selbst die montägliche Protestaktion „Lenkbrunnenkneipe“ gegenüber den Fraktionsräumen stieß auf keine Reaktion.
Ein ganzes Jahr später stand bei der Stadt noch immer kein Konzept über die inhaltliche Nutzung des Gebäudes fest. Lediglich ein Bebauungsplan mit eindrucksvollem Glasvorbau und der Wille im Gebäude das Jugendzentrum unterzubringen existierte.
Im Herbst letzten Jahres wurde die Band „Verbal Razor“ angefragt, ob sie nicht den musikalischen Rahmen für eine Diskussion mit Jugendlichen über Randgruppenprobleme gestalten wollten. Die Zusage bereuten sie jedoch wenige läge später, als im Südkurier eine von der CDU organisierte Podiumsdiskussion für Jugendliche mit dem Thema „Verkehrsinfarkt in Konstanz“ angekündigt wurde. In Zusammenarbeit mit der Band entstand ein gemeinsamer Boykottaufruf einiger Konstanzer Jugendgruppen. Anstatt das Konzert zu schmeißen sollte einer der Musiker einen Aufruf verlesen. Zu Beginn der Veranstaltung spielte die Band ein Lied zum Thema „Legalisierung weicher Drogen“. Anschließend wurde im völlig überfüllten Saal folgender Text vorgetragen: „Wir rufen hiermit alle Anwesenden zum Boykott der folgenden Podiumsdiskussion auf. Außer: Die Verantwortlichen und Veranstalter der CDU erklären sich bereit, andere Diskussionspunkte zu akzeptieren. Wir halten es für eine unglaubliche Anmaßung der CDU eine auf den ersten Blick interessante Kehrtwende Konstanzer Jugendpolitik mit einer derartigen Augenwischerei zu beginnen und zu erwarten, Jugendliche kämen in Scharen um mit ihnen über Verkehrsinfarkt in Konstanz zu diskutieren. Wir fordern die CDU auf, Gesicht zu zeigen und mit uns über Konstanzer Jugendzentrum, Rostock: Rechtsextremismus in Deutschland, geplante Grundgesetzänderung im Asylrecht, den Jugoslawienkonflikt und danach erst über den Verkehrsinfarkt in Konstanz zu diskutieren.“
Unterzeichnet hatten den Text: Verein Juze statt Plastic, Vereinigung Konstanzer Schüler und die Autonome Anarchistische Aktion Bakunin.
Der Aufruf wurde von den anwesenden Jugendlichen mit starkem Applaus unterstützt. Unter diesen Umständen mußten sich die Vertreter der CDU der nun folgenden seitens der Jugendlichen engagiert geführten Diskussion stellen. Hauptsächlich drehte sich die Diskussion ums Juze. Unter anderem wurde eine stärkere Integration der Betroffenen beim Planungs- und Entstehungsprozeß gefordert.
Die Durchführung einer zweiten Veranstaltung, in der es ausschließlich ums Juze gehen sollte, wurde von den CDUVertretern vorgeschlagen. Am 5. November fand diese Veranstaltung im Kulturladen statt. Anfangs wurden die vorliegenden Bebauungspläne des Tiefbauamtes den ca. 50 Anwesenden erläutert. Kritik wurde daraufhin vor allem daran geäußert, daß die Planung der Räumlichkeiten ohne Beteiligung der zukünftigen Nutzerinnen stattgefunden hätte. Darauf wollte man sich von Seiten der CDU jedoch nicht festlegen und betonte, daß die Nutzung der Räume wie Café, Mädchentreff etc. noch keineswegs festgelegt sei. Das fehlende Vertrauen wurde deutlich als die Anwesenden große Skepsis äußerten was die Sozialarbeiter betrifft. Keine Aufpasser oder „Wachhunde“ werden in Zukunft benötigt, sondern flexible, situativ denkende Bezugspersonen.
Anhand des Juzes in Ravensburg zeigte eine Gruppe Jugendlicher, daß Sozialarbeiter dem Autonomiegedanken nicht zwangsläufig entgegen stehen müßten. In diesem städtischen Juze setzen Jugendliche mit Unterstützung der Sozialarbeiter ihre Vorstellungen von Freizeitgestaltung in die Tat um. Bepackt mit einem dicken Protokoll mit Verbesserungsvorschlägen verließen die CDU-Vertreter den Kula.
Im Gemeinderat setzten sie sich für die angesprochenen Interessen der Jugendlichen ein. Ein gewisser bitterer Nachgeschmack erhält die Sache dennoch. Im Grunde begann man eine Auseinandersetzung, wer nun als erstes auf die Idee kam, mit Jugendlichen in Verbindung zu treten. Parteitaktische Kalkül, zum Glück nicht gegen unsere Interessen, sondern in diesem Fall ausnahmsweise dafür.
Schon Ende Januar wird die Diskussion mit den zukünftigen Sozialarbeitern weitergehen, so daß man gleich nach Fertigstellung des Rohbaus Ende Mai gemeinsam mit den Nutzem das Haus einrichten kann, bis einer NeuerÖffnung nichts mehr im Wege steht. — (frc)