Heft 2 vom 21.01.1992 5/2 scan 2026-06-19

Mit Macht gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus



Mit Macht gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus

„Angesichts der sich häufenden rassistisch und ausländerfeindlich motivierten Gewalttaten bis hin zum Mord heißt es Farbe bekennen. Wenn heute ausländische Mitbürger, Asylsuchende und Deutsche anderer Hautfarbe um ihr Leben bangen müssen reicht es nicht, nach dem starken Staat zu rufen und sich angewidert vom Hin der Rassisten abzuwenden. Bewußt wegsehen heißt mitmachen. Schweigen ist nicht angebracht, Zivilcourage dagegen schon. Ziel muß es sein, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, das von Toleranz, gegenseitiger Achtung und Völkerfreundschaft geprägt ist, nicht von Haß und Intoleranz, ein Klima, in dem auch der latente Rassismus keinen Platz hat“. Um ihren Teil dazu beizutragen, damit in Konstanz ein solches Klima entsteht, haben sich in Konstanz lebende Musikerinnen und Konzertveranstalter zusammengefunden und am Samstag letzter Woche ein gemeinsames Konzert organisiert.

Knapp 800 Karten des Konzertes waren bereits Mitte der Woche im Vorverkauf vergriffen. Für in den Containern lebende Flüchtlinge stellten die Konzertveranstalter ein Kontingent Freikarten zur Verfügung. Nach Angaben eines Veranstalters hätte gut und gern die doppelte Zahl an Karten verkauft werden können. Dutzende Musikfans versuchten deshalb am Abend des Konzerts noch Karten zu ergattern. Im vollen Saal des St Johann spielten vor einem begeisterten Publikum ein bunter Querschnitt der Konstanzer Musik-Scene: Etablierte, überregional bekannte Gruppen neben Newcomern, Alte und junge; von Free Jazz, Salsa über Blues, Rock und Punk bis zur klassischen Darbietung von Musikern des Bodensee-Symphonie-Orchester war alles geboten.

„Musik unterscheidet nicht nach Hautfarbe und Nationalität. Musik konnte und kann sich nur in einer multikulturellen Gesellschaft entwickeln und lebt vom Austausch der Völker und Kulturen“, dies wurde nicht nur augenfällig durch die Vielzahl der Musikerinnen ohne deutschen Paß, sondern natürlich auch durch die dargebotene Musik. Durch das Programm führte Georg Schramm, der neben manchen Plattheiten und wohl nur ihm selbst nachvollziehbaren „Späßchen“ zumindest ab und an den Anlaß des Abends zur Sprache brachte. Sei es mit einem Quiz, das die Unwissenheit auch einer engagierten Öffentlichkeit in der Diskussion um Flüchtlinge zu Tage förderte:

Frage: An wievielter Stelle steht Deutschland in der Reihenfolge der Aufnahmeländer für Flüchtlinge nach den offiziellen Zahlen der UNO-Flüchtlingskommission ? Von Platz 1 bis zu Platz 20 war alles geboten. Deutschland nimmt aber erst den 24. Platz ein.

Frage: wieviel Geld wendet die Bundesregierung für die internationale Flüchtlingshilfe auf: Hier gingen die Schätzungen von 80 Pfennigen bis zu 500 DM. Es sind jedoch nur 43 Pfennig. Oder sei es mit einem Beitrag aus Tucholsky Buch „Deutschland über alles“ gegen den bürgerlich-militaristischen Nationalismus.

Die meisten Musikerinnen spielten ihr Programm ohne Kommentar zum Anlaß des Abends ab, was angesichts so peinlicher Beiträge wie dem des Bellybutton Sängers, der die Macht der Liebe beschwor, wohl auch besser war. Das ganze endete dennoch nicht in ausgelassener Festivalstimmung. Das ist der Gruppe The Blech zu danken, die ihrerseits auf einen Auftritt verzichtete und stattdessen einen Zusammenschnitt dokumentarischen Bildmaterials aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern des „Dritten Reiches“, dem Bilder von Massenaufmärschen der Nazis eingeschoben waren, zeigte. Ein drastischer, aber dennoch wichtiger Beitrag, der allen Beteiligten vor Augen führte, welche schrecklichen Konsequenzen der letzte Ausbruch des deutschen Rassismus und Nationalismus für seine Opfer hatte.

Alle Mitwirkenden an diesem Konzert arbeiteten ehrenamtlich und umsonst. Weder Veranstalter, noch Musiker, noch sonstige Helfer wurden für ihre Arbeit bezahlt. Der gesamte Erlös der Veranstaltung — ca 10000 DM — kommt dem Arbeitskreis Asyl Konstanz zugute, der diese Gelder für die Rechtshilfe und für die Einzelfallhilfe verwenden will.

Im Vorraum verteilten neben dem Arbeitskreis Asyl Konstanz der Türkisch-Deutsche Freundschaftsverein sowie der AK gegen Rassismus des ASTA Infomaterial. — (woi)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.