Heft 3 vom 05.02.1993 5/3 scan 2026-06-19

Polizei und Staatsanwaltschaft täuschen Öffentlichkeit

Anwalt des inhaftierten Freundes von Kerstin Winter:


Anwalt des inhaftierten Freundes von Kerstin Winter:

Polizei und Staatsanwaltschaft täuschen Öffentlichkeit

Am Freitag, den 22. Februar, wurde Kerstin Winter in Freiburg durch eine Paketbombe ermordet. Kerstin fand ein für Flaschensendungen genormtes Paket, welches bei der Post erhältlich ist, mit ihrer Anschrift vor der Wohnungstüre, wo es bislang Unbekannte abgelegt hatten. Als sie das Paket in der Wohnung öffnete, kam es zur Explosion — sie war sofort tot.

Eine Woche später nahm die Poizei den Freund Kerstins „unter dringendem Mordverdacht“ fest. Sie verbreitet zeitgleich, daß die beiden im Streit gelebt hätten und Kerstin ausziehen wollte. Dies ist eine Lüge. Sie waren seit über vier Jahren zusammen und wollten gemeinsam aus der Hochhauswohnung in der Ferdinand-Weiß-Straße ausziehen. Die Polizei begründet die Festnahme im wesentlichen mit zwei Dingen: Zum einen würden nicht weiter ausgeführte Schriftanalysen auf der Paketbombe auf Kerstins Freund als Täter hinweisen, zum anderen hätte er sich bei Vernehmungen in Widersprüche verwickelt. Die Polizei verbreitete aufgrund dieses Konstrukts: „der Mordfall Kerstin Winter ist weitestgehend aufgeklärt . Der Anwalt des Freundes erklärt am 31. Januar zu diesen Vorwürfen folgendes: Selbst bei den wenigen Buchstaben die von der Aufschrift auf dem Paket noch zu erkennen seien, wären gleiche Buchstaben unterschiedlich geschrieben. Daraus ergäbe sich objektiv keine Substanz zur wahrheitsnahen Analyse. Außerdem sei sein Mandant in den zahlreichen Verhören in der Woche nach dem Mord damit konfrontiert worden, daß das Päckchen mit dem seine Freundin mehr oder weniger vor seien Augen zerfetzt wurde, auf dem Verhörtisch lag. Er äußerte mehrfach, er könne nicht mehr reden. Der Bitte, das Paket wegzuschaffen, kamen die Beamten nicht nach. In welche Widersprüche er sich verwickelt haben soll, wird nicht weiter ausgeführt.

Leute, die mit Kerstin befreundet waren und mit ihr zusammen politisch arbeiteten, gehen unterdessen weiter davon aus, daß es sich um einen Anschlag von Faschisten handelt. Sie sehen aufgrund ihrer gemeinsamen politischen Arbeit und der Kenntnis der persönlichen Verhältnisse Kerstins, kein anderes Motiv für den Mord. Kerstin engagierte sich hauptsächlich in der Freiburger AJZ-Bewegung. Sie war Mitorganisatorin und Anmelderin der landesweiten AJZ-Demo von 1991 in Freiburg, die von verschiedenen autonomen Jugendzentren und AJZ-Aufbaugruppen, darunter auch der Konstanzer „Juze statt Plastik e.V.“, getragen wurde. Der Verfassungsschutz schenkte dieser Demo und genauen Zusammenhängen diesbezüglich große Aufmerksamkeit. Nach Angaben von Leuten aus Freiburg, beteiligte sie sich an zahlreichen Antifa-Aktionen. In der Freiburger Fascho-Szene war sie, ihre Anschrift und das Kennzeichen ihres Autos bekannt. Sie war mehrfach in handgreifliche Auseinandersetzungen mit Faschisten verwickelt und wurde auch konkret bedroht: „Dich kriegen wir noch“. Sie spielte jedoch keine herausragende Rolle in der organisierten Freiburger Antifa. Sie war in verschiedenen politischen Zusammenhängen tätig, ihre hauptsächliche Arbeit war allerdings die Freiburger AJZ-Aufbaugruppe „Punks gegen Langeweile (PGL)“ und dessen Vereinsableger „Subkultur“. Sie war keine Mitarbeiterin von Radio Dreyeckland, wie verschiedentlich berichtet wurde, hat aber an Sendungen von PGL beim Radio mitgewirkt.

Noch am Abend des Anschlags gingen 700 Leute in Freiburg auf die Straße. In verschiedenen Städten der BRD finden seit diesem Zeitpunkt Demonstrationen und Kundgebungen statt. Drei Tage nach dem Mord sind es bei einer landesweiten Demonstration in Freiburg über 5000 Teilnehmerinnen. Die Infokneipe im Kulturladen hat diese Demo unterstützt. Uber 20 Leute aus Konstanz haben sich trotz kurzfristiger Mobilisierung an der Demo beteiligt.

Ansonsten wird die Ermordung von Kerstin in der Konstanzer Linken mit auffälliger Zurückhaltung behandelt. Dies ist verwunderlich, gibt es doch, auch fern irgendwelcher Spekulationen, genügend Ansatzpunkte, zur politischen Stellungnahme. Vor allem das Verhalten der Polizei und der Staatsanwaltschaft ist unerträglich. Die Polizei war kurz nach dem Anschlag bemüht, jegliche politische Dimension des Mordes aus der öffentlichen Diskussion zu halten. Sie ging in keiner Weise auf die politischen Aktivitäten Kerstins ein und streute am Tag nach dem Anschlag, ohne auch nur einen Hauch von Ermittlungsergebnissen in diese Richtung zu haben, das Konstrukt eines „Drogenkrieges“ in die öffentliche Diskussion. Dies sollte offensichtlich zum Ziel haben, Kerstin in die Nähe der Drogenszene zu bringen. Aufgrund der Demos und der überregionalen Informationsarbeit konnte die Polizei dies jedoch nicht aufrechterhalten. Noch am Samstag wechselte sie ihr taktisches Konzept. Ohne weitere Angaben verbreitet die Polizei, daß die Technik des Anschlages, der von RAF-Aktionen ähnlich sei. Die Richtung, in welche die Kampagne nun gehen sollte, war also schnell klar. Wohlwissend, daß bei der dümmlichen RAF-These die Medien nun doch nicht mitspielen würden, entstand die nicht weniger absurde Theorie des „linksterroristischen RIM-Anschlages“. Die RIM (Revolutionary International Movement) hat in der Tat in Berlin schon politische Meinungsverschiedenheiten mit den Autonomen in Schlägereien „ausgetragen“. Ein gezielter Bombenanschlag hat jedoch eine völlig andere Dimension. Außerdem sind Auseinandersetzungen der RIM mit den Autonomen in Freiburg nicht bekannt und auch Verbindungen zu Kerstin Winter diesbezüglich auszuschließen. Die Polizei stützt die These auf den Absender auf der Paketbombe. Sie behauptet dort würde „Mord Rim“ stehen. Bei Betrachtung des zerfetzten Absenders ist jedoch festzustellen, daß das „M“ im Wort “Mord“ starker Interpretationskraft bedarf, es könnte sich genauso gut um ein „H“ oder ein „F“ handeln. Das Gleiche gilt für das „d“, was nur als solches gedacht werden kann. Außerdem reißt der Schriftzug nach dem „Rim“ ab, so daß objektiv nicht nachzuvollziehen ist, daß dieses Wort vollständig sein soll. Ansonsten enthält der Absender eine fiktive Adresse in Freiburg und kann als Mordbekenntnis nun wirklich nicht herhalten. Heute ist keine Rede mehr von einem „RIM-Anschlag“. Weshalb der nun festgenommene Freund Kerstins „Mord Rim“ auf das Paket, welches seine Freundin zerfetzen sollte, weil sie einen angeblichen Streit gehabt hätten, bleibt die Staatsanwaltschaft ebenso eine Antwort schuldig, wie auf die Frage, weshalb er sich damit selbstgefährdete er war schließlich in der Wohnung und der selbstgebastelte Sprengstoff war laut Laboranalyse nicht berechenbar in seiner Sprengkraft. Es bleiben überhaupt etliche Fragen offen in dem angeblich „weitestgehend aufgeklärten Mordfall“. So fragt der Anwalt: Warum wurden keinerlei Ermittlungen, wie zum Beispiel Vorladungen gegen Faschisten gemacht, obwohl andere Zeuginnen diese namentlich in der Art belasten konnten, daß sie der ermordeten Kerstin Winter gedroht haben. Er fragt, weshalb ein freiherumlaufender Faschist, der eine Anklage wegen „Mordversuches“ im Fall eines Brandanschlages laufen hätte, nicht einmal zum Verhör mußte, obwohl er Kerstin Winter persönlich bedroht hat und dies der Polizei sehr wohl bekannt sei. Er fragt, weshalb die Polizei nicht überprüft, ob ein Paketbombenanschlag vom 30.1 in Böblingen gegen Italiener mit dem Freiburger Anschlag in Art und Technik zusammenhängt.

Es ist zu befürchten, daß die Polizei keine Versuche unternimmt, den Mord — falls er, wie es im Moment immer noch anzunehmen ist, Faschisten zuzuschreiben ist — aufklären will. Der Anwalt des Inhaftierten wirft dem LKA und der Staatsanwaltschaft die bewußte Täuschung der Öffentlichkeit vor. Letztere unterschlage wichtige Aktenteile aus den Ermittlungsakten des LKA und stelle diese nicht einmal dem Gericht und der Verteidigung zur Verfügung. Es handelt sich um Zeuginnenaussagen, die Hinweise auf Faschisten enthalten und um die Tatsache, daß die Bombe in Zeitungspapier mit einem Artikel über Kerstins AJZ-Arbeit eingewickelt war und ein Hinweis auf einen politischen Zusammenhang darstellt. Er hat gegen den betreffenden Staatsanwalt Dienstaufsichtsbeschwerde gestellt. Es ist unglaublich in welcher Art die staatlichen Organe versuchen den Freiburger Mord fern jeder „Rechtsstaatlichkeit“ versuchen von politischen Hintergründen nach rechts fernzuhalten. Offensive Kritik, Empörung und Wut über die demokratische Dreifaltigkeit, die sich einmal mehr schützend vor faschistische Gewalt und Terror stellt, sollte unsere Antwort auf ihr dreckiges Spiel sein. - (jüw)

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