Heft 4 vom 18.02.1993 5/4 scan 2026-06-19

Der Mord an Kerstin Winter: Es wird schon was hängen bleiben..



Der Mord an Kerstin Winter: Es wird schon was hängen bleiben..

Am fünften Hafttag (3. Februar) des Freundes von Kerstin Winter beantragte die Staatsanwaltschaft die Auflösung des Haftbefehles gegen ihn. Bis dahin hatte sie sich nicht näher dazu geäußert, was für „Beweise“ gegen den Freund vorliegen. Der Rückzug der Staatsanwaltschaft erfolgte einen Tag vor dem Haftprüfungstermin, bei dem sie die Fakten auf den Tisch legen hätte müssen. Das konnte sie nicht, weil es keine gibt. Bei der Festnahme behauptete die Staatsanwaltschaft, die Schrift auf der Paketbombe stamme von Kerstin Winters Freund. Ein Schriftgutachten, das vom Landeskriminalamt (LKA) in Auftrag gegeben wurde, schließt dies jedoch aus. Weiter behauptete die Staatsanwaltschaft, der Freund hätte sich in Widersprüche verwickelt. Welcher Art diese gewesen sein sollen, erklärte sie bis heute nicht. Am Ende bleibt nichts außer der Pressekampagne von Polizei und Staatsanwaltschaft, die nach der Festnahme bundesweit meldeten, der Fall sei „weitestgehend aufgeklärt“, es lägen private Motive für die Bluttat vor. Obwohl sich diese Behauptungen als haltlos herausgestellt haben, behaupten die Behörden auch nach der Freilassung des Mannes es lägen weiterhin „erhebliche Verdachtsmomente“ gegen ihn vor. Offensichtlich ist das Motiv der Schreibtischtäter, Legenden zu bilden — und sei es auf Kosten einer menschlichen Existenz. Von den zusammengebastelten Konstrukte „linksradikaler Anschlag“ bzw. „private Motive“ soll in der Öffentlichkeit „was hängenbleiben“.

Die Sondereinsatzgruppe „Kerstin Winter“ (SEG) der Polizei ermittelt unterdessen immer noch nach „links“. Etwa 50 Vorladungen an Leute aus der Freiburger Szene, oder an Leute, die die Polizei der Szene zurechnet, gab es schon. Bekannte Kerstins wurden von der Polizei von ihrer Arbeitsstelle regelrecht zum Verhör abgeführt. Reihenweise wurden Leute offen observiert und mit Zivilfahrzeugen selbst in umliegende Ortschaften verfolgt. Die InfoGruppe Kerstin fordert daher, daß die Arbeit der SEG kontrolliert werden muß. Sie fordert, offenzulegen, welche Beamten dort arbeiten, da klargestellt werden soll, ob Verbindungen zu neofaschistischen Personen und Gruppen vorliegen. Der SEG-Chef jedenfalls sei ein Mann, der vor Jahren federführend bei der Bekämpfung des damals illegalen „Radio Dreyeckland“ tätig gewesen sei.

Auffällig ist, daß die SEG nichts über Indizien wissen will, die ins faschistische Lager führen, obwohl es die gleich reihenweise gibt. Kommt es zu Verhören zu diesbezüglichen Aussagen, zeigt die Polizei Desinteresse und ist bemüht, das Thema zu wechseln. Ermittlungen nach „rechts“ sind nicht bekannt. Faschisten, die belastet wurden, blieben ungeschoren. Kerstin wurde von Faschisten bedroht, die in derselben Straße lebten wie sie. Sie war in Auseinandersetzungen mit Faschisten aus der Region verwickelt und war politisch, auch mit Namen und Anschrift, aktiv. Die Bombe war in eine Ausgabe der „Badischen Zeitung“ eingewickelt, in der ein Artikel über die AJZ-Gruppe stand, in der Kerstin Vorsitzende war, und und und...

Auch diese Anhaltspunkte ignorierte Polizei und Staatsanwaltschaft. Dem Anwalt des Freundes von Kerstin wird unterdessen beharrlich die Akteneinsicht verweigert. Der Mordfell Kerstin Winter zeigt in schier unglaublicher Weise, wie sich die Staatsorgane in Zeiten der faschistischen Formierung verhalten — so als ob sie dazugehörten! — (jüw)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.