Heft 4 vom 18.02.1993 5/4 scan 2026-06-19

Ausstellung „100 Jahre deutscher Rassismus“



Ausstellung „100 Jahre deutscher Rassismus“

Einen Querschnitt durch 100 Jahre deutschen Rassismus und Antisemitismus, von 1888 bis 1988, zeigte eine Ausstellung, die im Februar von der Israelitischen Kultusgemeinde und dem Deutschen Gewerkschaftsbund in Konstanz gezeigt wurde.

Ungeheuer, Affen, Ungeziefer, Dreck — so wurden Menschen, die nicht der weißen Rasse angehörten, genannt, und diese Bezeichnung führte auch dazu, daß diese Menschen wie Dreck und Ungeziefer behandelt wurden. So steht zum Beispiel auf einer Postkarte von 1914: „... HindenburgPulver und Potiorek-Pillen sind die besten und sichersten Mittel gegen Russen und ähnliches Ungeziefer.“

Anderen das Menschsein abzusprechen, führte immer zu Massenmord und Ausrottung. So schrieb Eugen Fischer 1913 „.. . daß Neger, Hottentotten und viele andere minderwertig sind, können nur Schwärmer leugnen“ und der Theologe Paul Rohrbach, kaiserlicher Ansiedlungskommisar in Südwest-Afrika: „Über die Hottentotten geht das Urteil meist dahin, daß sie wirtschaftlich im weitesten Sinne unbrauchbar sind und insofern kein Interesse an der Erhaltung der Rasse besteht“.

Solche Meinungen und Äußerungen waren die Voraussetzung für einen gnadenlosen Ausrottungskrieg gegen Hereros und Hottentotten. Im Jahre 1903 wurden in der deutschen Kolonie 80000 Hereros gezählt, 1911 waren es noch 15130.

Daß Schwarze nicht der Menschheit zugerechnet wurden, zeigt beispielsweise eine Broschüre von 1923, damals waren französische Truppen ins Ruhrgebiet einmarschiert, weil die deutsche Regierung ihre Verpflichtungen aus dem Friedensvertrag von Versailles nur ungenügend erfüllte. Besonders zu empören scheint die Deutschen dabei, daß in diesen Truppen schwarze Soldaten waren. Auf dem Titelblatt der Broschüre heißt es: „Schwarze Truppen am herrlichen deutschen Rhein! Frankreichs Verbrechen und Schuld an der gesamten Menschheit!“

Auch die „Rassereinheit“ ist keine Erfindung der Nazis gewesen. Die „Deutschvölkischen Blätter“ schrieben zum Beispiel 1919: „Ein besonders trauriges Zeichen zunehmenden Verfalls erlebt man in Flensburg. Seit Monaten hat unsere gute deutsche Stadt einen orientalischen Einschlag bekommen. Dutzende ehemaliger türkische Seeoffiziere bummeln Tag für Tag nichtstuend in den Straßen umher. Ihre Hauptbeschäftigung — und das ist das gefährliche — besteht darin, deutsche Mädchen, jüdischem Beispiel folgend mit Vorliebe blonde, zum Spielzeug ihrer sinnlichen Gelüste zu machen. Diese sind schamlos genug, sich in Bekanntenkreisen ihrer unnatürlichen Verbindung zu rühmen; bereits haben sich zwei Mädchen der besseren Gesellschaft mit Orientalen öffentlich verlobt, und man hört, daß weitere Verlobungen folgen sollen. Werden wir immer tiefer in Schmach und Schamlosigkeit versinken? Ist denn keine Hoffnung, daß wir uns wieder auf unser gutes Germanenblut besinnen und die Grundgesetze der Rassereinheit beachten?“

Rassismus und Antisemitismus beschränkten sich allerdings nicht nur auf rechte Gruppen und Parteien. Als Beispiel dafür zeigte die Ausstellung ein Spottgedicht auf Bernhard Weiß, den Leiter der Berliner Kriminalpolizei, welches mit einer Anspielung auf dessen jüdische Herkunft und „Judennase“ begann: ..Urgermanisch! Keine Phrase! / Dieser Weiß! Geschwungne Nase! ..Das Gedicht erschien in der „Roten Fahne“, dem Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands. Die Ausstellung bot einen guten Einblick in die Geschichte des Rassismus in Deutschland, ließ die Betrachterinnen allerdings etwas hilflos zurück: Es fehlten Erklärungen über dessen Ursachen. Gut getan hätte auch ein Kapitel, was gegen Rassismus und Antisemitismus unternommen werden kann.

Die „Galerie zum Torkel" war zudem kein guter Rahmen für die gezeigten Tafeln. Auf dem wenigen Platz, der zur Verfügung stand, mußten einige der Schauobjekte so hoch aufgehängt werden, daß es beinahe unmöglich war, den Text auf den oberen Tafeln zu entziffern. Außerdem war es für arbeitende Menschen beinahe unmöglich, die Ausstellung bei den Öffnungszeiten von 8 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr, jeweils Montags bis Freitags zu besuchen. Erstaunlich, wo doch der Deutsche Gewerkschaftsbund einer der Veranstalter war. - (db)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.