Heft 1 vom 16.04.1993 5/8 scan 2026-06-19

Sonnenhaldeschule: Klassen nach sozialer Herkunft sortiert?



Sonnenhaldeschule: Klassen nach sozialer Herkunft sortiert?

Schwere Vorwürfe sind in den letzten Wochen und Monaten gegen die Leitung der Konstanzer Sonnenhaldeschule erhoben worden. Die Schulleitung soll Klassen und Lerngruppen nach sozialer Herkunft der Schüler eingeteilt haben.

Die Grundschule hat ein Einzugsgebiet, das von der Reiche-Leute-Gegend Seestraße bis zur Steinstraße reicht, wo sich die Sammellager für Flüchtlinge befinden und auch ansonsten hauptsächlich Leute mit niedrigen Einkommen wohnen. Die Rektorin der Sonnenhaldeschule, Jutta Geissler, soll nun Klassen und Lerngruppen so gebildet haben, daß in manchen sehr viele Kinder mit „biographischen Schwierigkeiten“ zusammengefaßt wurden, gemeint sind damit Kinder armer Leute und vor allem ausländischer Eltern; in anderen Klassen faßte man den Nachwuchs der „besseren Leute“ zusammen, hier fanden sich dann kaum oder gar keine ausländischen Kinder.

Den Stein ins Rollen gebracht hat eine ehemalige Lehrerin der Schule, die schon in den Jahren 1990/91 auf diese Praxis der Schulleitung aufmerksam gemacht hatte. In ihrer Klasse, so kritisierte die Lehrerin, waren sehr viele Kinder mit biographischen Schwierigkeiten zusammengefaßt, ein geordneter Unterricht schien ihr deshalb nicht mehr möglich. Dagegen gab es in einer Parallelklasse kein einziges ausländisches Kind. Die Vorwürfe der Pädagogin fanden allerdings erst Gehör, nachdem die örtliche Presse sich der Sache angenommen hatte. Daraufhin meldeten sich Eltern und Lehrer, die diese ungeheuerliche Vorgehensweise der Schulleitung offenbar bestätigten.

Bezeichnenderweise ist die Lehrerin inzwischen auf Betreiben der Schulleitung zwangsweise in den Ruhestand geschickt worden; diese verstieg sich dabei zu dem Vorwurf, die Frau gehöre in psychiatrische Behandlung. Unliebsame Kritiker kurzerhand zu geisteskranken Nörgler abstempeln — eine nicht neue, aber immer wieder beliebte Praxis, um für Ruhe zu sorgen.

Inzwischen sieht sich jedoch selbst das Oberschulamt in Freiburg dazu gezwungen, sich der Sache anzunehmen. Es hat eine Untersuchung der Vorgänge an der Sonnenhaldeschule angekündigt. Der Pressesprecher des Oberschulamts hat zwar die Beschuldigungen erst einmal als „nicht stichhaltig“ zurückgewiesen, mußte aber zugeben, daß diese Behauptung nur für die heutige Situation zutreffend sei. Offenbar hat das Rektorat der Sonnenhaldeschule sein skandalöses Vorgehen bei der Bildung der Schulklassen überdacht, seit öffentlich darüber berichtet wird.

Wie die Klassenbildung in den vergangenen Jahren gelaufen ist, soll Rektorin Geissler jetzt dem Oberschulamt mitteilen. Ob die Lehrerin gehört wird, die mit ihrem Protest überhaupt erst dafür sorgte, daß die asoziale Praxis der Schulleitung ans Licht der Öffentlichkeit kam, ist ebensowenig bekannt wie der Zeitpunkt, zu dem mit einem Ergebnis der Untersuchung gerechnet werden kann. - (jüg)

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