Heft 9 vom 30.04.1993 5/9 scan 2026-06-19

Im Mordfall Kerstin Winter:



Im Mordfall Kerstin Winter:

Ermittlungen nun auch in Konstanz Am 10. März nahm die Polizei einen Mann fest, der vor sieben Jahren Kerstins Freund war und der sie nun mit einer Paketbombe ermordet haben soll. Motiv sei laut Staatsanwaltschaft die nie überwundene Trennung gewesen. Die „Indizien“ seien, daß er Transitorbatterien der selben Marke und ein Stück „mit großer Wahrscheinlichkeit vergleichbaren Drahtes“ wie sie beim Bau der Bombe verwendet worden seien, in seiner Wohnung gefunden wurden. Mehr Hinweise auf die Tat konnte die Polizei bei der Durchsuchung nicht finden. Ebensowenig brachte eine vorherige Beschattung des Mannes ein überzeugendes Ergebnis. Nach drei Wochen Beschattung habe er ein Stück Draht in einen Bach geworfen, daraufhin wurde er festgenommen. Das Konstrukt ähnelt dem der Festnahme des ersten Tatverdächtigen, des Freundes von Kerstin. Dieser wurde einen Tag vor dem Haftprüfungstermin freigelassen. Der jetzige Tatverdächtige wurde vor dem Haftprüfungstermin in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

In einer Stellungnahme der Infogruppe Kerstin aus Freiburg heißt es: „Wir wissen nicht, ob er es gewesen sein könnte oder nicht — wir kennen ihn nicht“. Dennoch schenken sie dem Konstrukt wenig Glauben. Es ähnle dem ersten Tatverdacht, es gäbe kein nachvollziebares Motiv für eine derartige Tat, die „Indizien“ bezögen sich auf Gegenstände wie sie wohl in jedem Haushalt zu finden seien und Beweise könnte die Polizei nicht präsentieren. Die entscheidende belastende Aussage stamme von einem Bekannten des Beschuldigten, der offen seine Antipathie gegen diesen äußert, sie würde in Formulierungen wie „ich könnte mir vorstellen, daß...“ bestehen.

Die Polizei hat den erneuten Tatverdächtigen mit großem Erfolg der Öffentlichkeit als Täter präsentiert. Dies liegt sicher mit daran, daß dieser nicht in politischen Zusammenhängen tätig und eine Gegenöffentlichkeit nur schwer möglich war, weil ihn niemand kennt. Dennoch sind die Widersprüche, in die sich die Polizei verwickelt derart groß, daß sie bei einem Tatverdächtigen längst zur Festnahme geführt hätten. So behauptete sie bei ihrem ersten Konstrukt der „linksterroristischen Gruppe“ die Bombe sei von einer derartigen Professionalität gewesen, daß dies Nahe läge. Nun soll die selbe Bombe ein nach ihren Angaben „psychisch Kranker“ gebaut und die Tat geplant und durchgeführt haben. Ungeachtet ihres „Täters“ laufen die Ermittlungen der Polizei auf Hochtouren weiter. Private und politische Zusammenhänge Kerstins werden mit einem schier unglaublichen Eifer durchforstet. Dabei sind die Ermittlungen längst nicht mehr auf Freiburg begrenzt. Es ist bekannt, daß linke Zusammenhänge in Berlin, Tübingen und auch Konstanz von der Polizei belästigt werden.

In Konstanz wurden in zwei Fällen WGs aufgesucht bzw. angerufen, wo Mitglieder des ehemaligen Juze statt Plastik e.V. wohnen. Dabei wurde nie klar, was die Beamten denn eigentlich genau wollen. In beiden Fällen bezogen sich die Kripobeamten auf angebliche Adress- bzw. Tagebücher von Kerstin, in denen die Telefonnummern der WGs gestanden haben sollen. In einem Fall behauptete die Polizei, die Telefonnummer sei mit dem Namen der Telefonanmelderin und dahinter mit dem Vornamen eines „Juze statt Plastik“- Mitgliedes notiert. Dieser ist allerdings erst zu einem Zeitpunkt kurzfristig dort eingezogen, zu dem Kerstin bereits Tod war. Sie hätte diese Notiz also danach vornehmen müssen. Im Falle der anderen WG ermittelten sie auch gegen eine Frau, die früher dort wohnte und in Konstanzer Frauenzusammenhängen aktiv ist. Ein weiterer Fall ist von einem Konstanzer Juze-Aktiven bekannt, der telefonisch belästigt wurde.

Am Dienstag, den 13. Mai, wird es in der Infokneipe im Kulturladen eine Veranstaltung mit Vertreterinnen der Infogruppe Kerstin geben. In dieser soll insbesondere auf diese und andere Ermittlungsmethoden der Polizei eingegangen werden. — (jüw)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.