Personalkahlschlag — Massenentlassungen bei ZF
Personalkahlschlag — Massenentlassungen bei ZF
Bis Jahresende sollen im Geschäftsbereich Friedrichshafen der ZF 1200 Personen abgebaut und davon 900 entlassen sein. Derzeit sind im Geschäftsbereich Friedrichshafen noch ca. 5200 Personen im Geschäftsbereich beschäftigt; hinzu kommen im Werk Friedrichshafen ca. 700 Personen in den Konzernstellen. Mitte März erhielten die Abteilungen ihre Anweisung, wieviel Personen fällig sind. Ausdrücklich wurde darauf hingewiesen, jeder Versuch sei vergeblich, mit dem Argument höherer Arbeitsanfall oder Sicherung der Funktionsfähigkeit der Abteilung die Abbauzahlen verändern zu wollen. Das Personal müsse aus Kostengründen möglichst schnell an die Umsatzentwicklung angepaßt werden.
Die Krise zwingt nicht zu Entlassungen
Bis September 1992 wurde im Werk Friedrichshafen mit Mehrarbeit und Samstagsschichten gearbeitet. Ab Oktober gab es Kurzarbeit; zunächst vier Tage im Monat, jetzt sieben bis acht Tage. Inzwischen sei die ursprüngliche Planung um 25 % unterschritten. Zum ursprünglich geplanten Umsatz von 1457 Mio. DM sollen 280 Mio. DM bis Jahresende fehlen. Man hatte auch für 1993 mit einer weiteren Steigerung um mindestens 1 % gerechnet.
Nach Einschätzung des Betriebsrats würde zum Ausgleich des Konjunktureinbruchs Kurzarbeit vollkommen ausreichen. Wie die Geschäftsleitung bestätigt, hat die ZF überhaupt noch keine Marktanteile verloren. Sie konnte sogar noch kurzfristig einen zusätzlichen Auftrag für Automatgetriebe ergattern.
Aber der Betriebsrat hat schon Druck ausüben müssen, daß für April bis Juni noch einmal Kurzarbeit beim Arbeitsamt beantragt wurde. Die Geschäftsleitung hätte möglichst schnell entlassen wollen. Die Position des Betriebsrats sei, alle Möglichkeiten der Kurzarbeit nutzen, um Entlassungen zu vermeiden.
Vorstand und Geschäftsleitung wollen die Verunsicherung der Belegschaft durch die Auftragseinbrüche und Kurzarbeit ausnützen, ihr ehrgeiziges Rationalisierungsprogramm noch schneller durchzuziehen. Im Oktober wurde nicht nur die von den Auftragsrückgängen betroffenen Abteilungen, sondern auch Abteilungen wie Kundendienst, Konstruktion und Planung, die durch die ständigen Auftragsänderungen sogar mehr Arbeit hatten, in Kurzarbeit geschickt. Es darf darüber spekuliert werden, wieviel Kurzarbeit nur deswegen gemacht wurde, um die Personalkosten aufs Arbeitsamt abzuwälzen.
Neuer Vorstand will bis 1995 den Weltkonzern
1989 wurde bei ZF die Vorstandsspitze ausgewechselt. Dr. Bleyer trat an mit der Forderung, die ZF bis 1995 zu einem Weltkonzern zu machen.
Dies hatte bereits sein Vorgänger versucht. In den 80er Jahren wurden die überdurchschnittlich hohen Gewinne vom Werk Friedrichshafen abgezogen, um damit die „Eintrittskarte auf den US-Markt“, wie es hieß, zu finanzieren. Notwendige Investitionen wurden abgelehnt und selbst an bereits abgeschriebenen Anlagen (durchschnittliches Maschinenalter 16 Jahre) mußte in Nachtschicht gegangen und regelmäßig eine Samstagsschicht gemacht werden, um die fehlende Kapazität auszugleichen. Das Projekt P 42, mit dem Ford USA über ein Getriebe für einen Kleintransporter langfristig als Abnehmer gewonnen werden sollte, ging gründlich in die Hosen. Das ZF-Werk Brasilien war nicht in der Lage, die geforderte Qualität zu liefern. Der Export vom Werk Friedrichshafen aus brachte einen Verlust von 350 Mio. DM innerhalb von fünf Jahren, wobei das Wegsacken des Dollarkurses, Zölle und Frachten den wesentlichen Anteil ausmachten. 1,2 Mio. DM kamen innerhalb des letzten Jahres allein für Flugkosten aufgrund verspäteter Fertigstellung zustande.
Drei Milliarden DM in den Rücklagen reichen nicht In einem Gewaltakt will der neue Vorstand die Strategie ändern. Auf dem Weltmarkt dürfe man nicht kleckern. Da müsse geklotzt werden.
Allen Werken wurde 1992 ein einschneidendes Sparprogramm aufs Auge gedrückt. Über 3 Milliarden DM liegen in den Rücklagen und Rückstellungen. Aber das reiche nicht, um auf dem Weltmarkt zu operieren.
August 1992 kaufte die ZF in den USA von General Motors das Getriebewerk Allison. Das Werk Allison hat etwa die Größe des ZF-Werks Friedrichshafen und produziert Automatgetriebe für Omnibusse, LKW und Panzer; bisher hauptsächlich für den USMarkt.
Allison sei bereits auf “Lean-production-Kurs“, und die bei Allison hergestellten Automatgetriebe seien bei etwa gleicher Qualität 30 % billiger als die im Werk Friedrichshafen hergestellten. Konkurrenz zwischen den einzelnen Werken des ZF-Konzerns ist ein wesentliches Element der neuen Strategie. Unter dem Moto „Konzentration aufs Kerngeschäft“ wird die Produktpalette der einzelnen Werke entflochten. Von Friedrichshafen sollen die Schiffsgetriebe nach Padua verlagert werden.
Weitere Elemente der Rationalisierungsstrategie sind neue Fertigungsstrukturen unter dem Schlagwort Lean production. Gleichzeitig wird die Fertigungstiefe energisch gesenkt und mehr Teile direkt zugekauft oder zur Fertigung nach außen vergeben. Die gesamte Fertigung wurde in Segmente zerlegt. Diese Segmente müssen eine eigenen Rentabilitätsrechnung führen und mit den anderen Segmenten und Anbietern von außen konkurrieren.
Ende Februar hielt die ZF einen Lieferantentag in Friedrichshafen ab. Wer in Zukunft ZF-Lieferant sein will, muß 20 % bis 30 % billiger werden und seine Produkt und Fertigungsplanung ganz nach den Wünschen der ZF ausrichten. Die ZF diktiert, das Risiko trägt der Zulieferer allein.
Das Werk Friedrichshafen soll, wo immer möglich, in GmbHs zergliedert werden, in denen Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen nicht mehr gelten. Diese GmbHs würden wie die Kleinbetriebe der abhängigen Zuliefererkette dem Diktat des ZF-Konzerns unterworfen sein, aber das Risiko alleine tragen. Aus der Reisestelle wurde bereits eine Reisebüro GmbH mit einer Belegschaft von vier Personen. Über die Kantine gibt es bereits Verhandlungen. Als nächstes stehen die EDV-Betreuung und die Servicebereiche an.
Interessenausgleich — nicht nur Sozialplan
Der Betriebsrat des Werks Friedrichshafen will nicht nur einen Sozialplan, sondern über einen sogenannten Interessenausgleich verhandeln.
Ein Interessenausgleich böte die Möglichkeit, in Verhandlungen einzutreten, nicht nur möglichst hohe Abfindungen für die Entlassungen rauszuholen, sondern eventuell Entlassungen zu verhindern bzw. die Zahl der Entlassungen zu reduzieren.
Der Unternehmer muß sich auf die Verhandlungen einlassen und über alle Vorschläge des Betriebsrats, Nachteile für die Belegschaft zu vermeiden, verhandeln. Das ist das einzige, was das Betriebsverfassungsgesetz vorschreibt. Nicht viel, aber trotzdem eine Möglichkeit über Verlagerungen und die Fertigungstiefe usw. zu streiten und entsprechend die Belegschaft zu mobilisieren.
Der Betriebsrat kann die Verhandlungen über einen Interessenausgleich verlangen, sobald gravierende Änderungen der Betriebsstruktur, der Fertigungsorganisation usw. Nachteile für einen Großteil der Belegschaft haben können (es muß noch nicht nachgewiesen sein). Das ist seit spätestens 1992 bei der ZF im Werk Friedrichshafen der Fall, als das Einsparziel verordnet wurde, bis 1995 die Kosten um 15 % und das Personal um 30 % zu reduzieren.
Weil zunächst die Rede davon war, dieses Einsparziel ohne Entlassungen zu erreichen, hat der Betriebsrat eine Vorruhestandsregelung unterschrieben, aber ansonsten die Vorgaben nicht weiterdiskutiert.
Als dann im Zusammenhang mit der Kurzarbeit von Entlassungen die Rede war, beschloß der Betriebsrat, Verhandlungen um einen Interessenausgleich zu verlangen.
Als erstes hat er dann aber eine Abfindungsregelung für Aufhebungsverträge unterschrieben, die mit höchstens neun Monatsbezügen in keinem Verhältnis zur Finanzkraft des ZF-Konzerns steht. Der Betriebsrat will nicht nur einen Sozialplan, sondern in einem Interessenausgleich über die Zukunft des Werks Friedrichshafens verhandeln. Am 8.4. sind die ersten Verhandlungen vereinbart.
In einem Flugblatt zur Betriebsversammlung Mitte März wurden einige Forderungen genannt. Aber über was am 8.4 verhandelt werden soll, ist die Belegschaft nicht informiert. (FN)