Heft 10 vom 14.05.1993 5/10 scan 2026-06-19

Unpolitische Tat ohne Hintermänner?



Unpolitische Tat ohne Hintermänner?

In Stuttgart endet bei Erscheinen dieser Ausgabe der Prozeß gegen sieben Angeklagte, die im vergangenen Jahr einen aus Kosovo stammenden Arbeiter, während er schlief, umgebracht hatten. Die Staatsanwaltschaft hat hohe Strafen beantragt, u.a. lebenslänglich für den 25- jährigen Hauptangeklagten. Der Staatsanwalt kritisierte die Presse, die den Prozeß zum politischen Prozeß hochstilisiert hätte, die Angeklagten seien keine Neonazis oder Skinheads. Fakt ist aber und durch den Prozeß erwiesen: Die Angeklagten hatten vor ihrer Tat rechtsradikale Lieder und Hitler-Reden gehört, waren entsprechend aufgehetzt sowie durch Alkohol enthemmt und beschlossen, mit Baseballschlägern bewaffnet irgendetwas gegen Ausländer zu unternehmen. Der Staatsanwalt hat sich nur einen Teil aus dem Gutachten des Sozialpädagogen Kurt Senne herausgepickt: Die Angeklagten waren keine festorganisierte Neonazi-Gruppe, sondern hatten sich z. T. erst in der Tatnacht zusammengefunden. Weggelassen wurde aber die Meinung des Gutachters, daß die Tat in politischen Zusammenhang mit ausländerfeindlichen Überfällen gehört. Ermittlungen über Verbindungen einzelner Angeklagter zu Neonazi-Gruppen kamen im Prozeß nicht zur Sprache. So schafft die Justiz der rechten Szene Märtyrer und läßt die Drahtzieher weiter wirken. — (alk)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.