Spät aber nicht zu spät ANT-Solidaritätskomitee gegründet
Aus alpha-press Schwäbisch-Hall, Februar 1994
Spät aber nicht zu spät ANT-Solidaritätskomitee gegründet
Folgenden (gekürzten) Artikel haben wir in der Mailbox (CL-Netz) gefunden. Er stammt aus alpha-press Schwäbisch-Hall.
Betriebsübergreifende Solidarität ist nötig, wenn der ANT Standort Schwäbisch Hall — gegen die Schließungspläne des Managements — gehalten werden soll. Das war den ANT-Beschäftigten klar. Die erwartete und erhoffte Solidarität stellte sich nicht spontan her. Es dauerte eine ganze Weile, bis die ersten Solidaritätsadressen aus anderen Haller Betrieben beim ANT-Betriebsrat eintrudelten. Als Anfang Dezember ANT-Beschäftigte um 15 Uhr zwei Kreuzungen im Industriegebiet Stadtheide blockierten, um die Belegschaften anderer dort angesiedelter Betriebe auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, waren die Reaktionen durchaus zwiespältig. (.. .)
Übers Werkstor hinaus
Weil es in bundesdeutschen Betrieben wenig Tradition von gelebter Solidarität gibt, borniertes Eigennutzdenken und Ignoranz gegenüber den Nöten und Problemen von Kolleginnen eher die Regel als die Ausnahme sind, dauerte es eine ganze Weile, bis am 10. Januar endlich ein ANT-Solidaritätskomitee gegründet wurde. Sinn und Zweck des Solidaritätskomitees ist, über die ANT hinaus in der Bevölkerung deutlich zu machen, daß das, was bei ANT momentan passiert, nur die Spitze eines Eisbergs darstellt. „Was heute den ANT-Beschäftigten droht, kann morgen jede und jeden treffen. Wir dürfen nicht zulassen, daß ein Betrieb nach dem anderen platt gemacht wird, ohne daß sich die anderen Belegschaften darum kümmern. Der Kampf um jeden Arbeitsplatz kann nur erfolgreich sein, wenn er über das Werkstor hinaus geführt und von anderen Belegschaften und weiten Teilen der Bevölkerung unterstützt wird.“ (Aufruf „ANT muß bleiben!“)
Zwei Treffen fanden bisher statt. Dem Gründungstreffen war ein ausführlicher und gut plazierter Artikel im HT vorangegangen. Entsprechend groß war der Andrang. „Am Montag kamen im Lemberghaus etwa 40 Menschen aus verschiedenen Betrieben und von verschiedenen Gewerkschaften, aber auch ,Einzelpersonen1 wie Hausfrauen und Rentner zusammen.“ schrieb das HT. Nach einem Vortrag eines ANT-Betriebsrats zur gegenwärtigen Situation der ANT, zu Reaktionen von Politikern und zum Verlauf der Mahnwache vor dem ANT-Werkstor zwischen Weihnachten und Neujahr, kam es zu einer allgemeinen Aussprache über mögliche zukünftige Aktivitäten des Komitees. (...)
Kontrovers wurde über das Konzept des Betriebsrats diskutiert, das für die Zukunft von 280 Arbeitsplätzen am Standort Hall ausgeht und somit der ANT-Geschäftsleitung zugesteht, 120 Leute zu entlassen.
Erste Aktivitäten
Erste konkrete Aktivität war die Organisierung eines Info-Stands am Milchmarkt. Nach Auskunft der Beteiligten war die Resonanz sehr positiv. Obwohl an diesem Samstag die Haller Fußgängerzone erstaunlich wenig bevölkert war, wurden ca. 300 Unterschriften gesammelt. (...)
Einen Tag später, als ANT-Beschäftigte und GewerkschafterInnen den Besucherinnen des CDU-Neujahrsempfangs ihr Anliegen nahebringen wollten, machten sie erneut mit solchen Verhaltensformen Bekanntschaft. Beim bloßen Anblick einer IG-Metall Fahne war für einen Besucher schon alles klar: Hier handelte es sich um „Störer und Krawallmacher“. (...)
Einen Tag vorher, beim Neujahrsempfang der SPD, hatte Walter Müller dem ANT-Betriebsrat zugesichert, daß die SPD hinter den Forderungen der Beschäftigten stehe und sie in ihrem Kampf unterstütze. Interessant wäre, von ihm und anderen SPD Würdenträgern zu hören, wie sie zu obiger Aussage Menrads über die Zuständigkeit der Politiker stehen. Denn immerhin sitzt die SPD im Ländle mit in der Landesregierung. Dieter Spöri, ihr Wirtschaftsminister, stellt sich oft und gerne als Verfechter einer „aktiven Strukturpolitik“ dar. Er hätte im Falle ANT die Gelegenheit, den Worten Taten folgen zu lassen. Uli Maurer, Starredner des Neujahrsempfangs der Haller SPD, zog es vor, sich in Hall zu diesem Thema öffentlich nicht zu äußern. Ansonsten wäre noch zu erwähnen, daß den anwesenden ANTlerInnen beim SPD-Neujahrempfäng dumme Sprüche ä la CDU erspart blieben. Zahlreiche Anwesende setzten ihre Unterschrift unter die Solidaritätserklärung. Mit ihrer Einladung an die anwesenden Gewerkschaftlerinnen, sich am Kampf ums kalte Büffett zu beteiligen, hat die SPD vermutlich Pluspunkte gemacht.
Zum zweiten Treffen des Solidaritätskomitees waren etwas weniger Personen anwesend. Einige hatten sich bei Günter Volz entschuldigt, anderen war der Weg ins Lemberghaus zu beschwerlich. Allerdings war das Spektrum der Anwesenden breiter: neue Leute aus diversen Einzelgewerkschaften, der Sozialsekretär der evangelischen Kirche Stücklen, ja sogar Landrat Stückle hatte seinen Vertreter geschickt. Nach dem Bericht über Erfahrungen am Infostand und bei den Neujahrsempfängen, wurde der Vorschlag aufgegriffen, Kollegen von der Thomas-Müntzer-Grube in Bischofferode zu einer Veranstaltung nach Hall einzuladen. Auf den Einwand eines Kollegen, was der ganze Kampf den Menschen in Bischofferode gebracht habe, entwickelte sich eine interessante Diskussion. Es wurde darauf hingewiesen, daß trotz der Niederlage die Kollegen in Bischofferode für sich zumindest für zwei Jahre Arbeitsplätze gesichert haben. Ohne Kampf wären sie sang- und klanglos in die Arbeitslosigkeit „abgewickelt“ worden. Letztendlich konnten sie sich nicht durchsetzen, weil sie alleine kämpfen mußten. Wenn sich andere Belegschaften — auch solche aus anderen Branchen — in den Kampf aktiv mit einmischen, könnten auch solche Auseinandersetzungen gewonnen werden. (...)
Und jetzt?
Im Mittelpunkt des Abends stand die Diskussion um einen Forderungskatalog, der an Stadtverwaltung und örtliche Politiker zur richten sei. Genannt wurde dabei unter anderem: Bei Schließung des Standorts Hall müsse die ANT über die vollen Mietkosten hinaus auch noch für die fälligen Rückbaukosten aufkommen; bereits erhaltene Subventionen zurückzahlen; Qualifizierungsprogramme für die entlassenen Frauen finanzieren. Im Falle einer Weiterführung des Werks in Hall könnte die ANT mit Subventionen rechnen. Auf jeden Fall müsse zunächst ein von der Stadt Schwäbisch Hall bezahlter unabhängiger Gutachter die von ANT-Geschäftsleitung immer wieder genannten, aber nirgends mit konkreten Zahlenmaterial belegten Pläne auf der einen Seite, sowie das Konzept des Betriebsrats auf der anderen Seite, überprüfen. In der Frage, welche Bedeutung solchen Konzepten beim Kampf gegen kapitalistische Arbeitsplatzvernichtung zukommt, gab es unter den Anwesenden unterschiedliche Meinungen. Aber fruchtbare Diskussion ist allemal produktiver als langweiliges Einheitsallerlei. An diesem Abend hatte der Verfasser dieser Zeilen — und nicht nur er — den Eindruck, daß produktiv gearbeitet und diskutiert worden war. Und soviel sei verraten: Für Überraschungen ist dieses Komitee alle mal gut ... alpha press, Pfarrgasse 3, 74523 Schwäbisch Hall, Telefon: 0791/6665