Heft 4 vom 17.02.1994 6/4 scan 2026-07-31

Auf RTL und in der Infokneipe: Dokumentarfilm Fluchtgrenzen ist „im Kasten“



Auf RTL und in der Infokneipe: Dokumentarfilm Fluchtgrenzen ist „im Kasten“

Nach über einem halben Jahr seit Drehbeginn ist das erste größere Dokumentarfilmprojekt von querblick über Fluchthilfe im deutsch-schweizer Grenzgebiet zur Nazi-Zeit und heute praktisch fertig. Der Film, dessen Produktionskosten fünfstellig sind, wurde in Konstanz, Lindau, Frankfurt, Freiburg, Basel, dem Berner Oberland und dem Kanton Obwalten gedreht. Die Filmmusik stammt von der in Konstanz lebenden Musikerin Shirley Hofmann. Die knapp 15 Minuten lange Reportagefassung, die für das Fernsehmagazin „Z“ von „Kanal 4“ in Köln produziert wurde, läuft am Sonntag, den 20. März um 24.00 Uhr über den Sender von RTL und wird zu einem späteren Zeitpunkt auf SAT 1 wiederholt.

Die ungefähr 45 Minuten lange Dokumentarfilmfassung feiert eine gute Woche später, am Dienstag, den 29. März um 20.00 Uhr in der Infokneipe im Kulturladen Premiere. Diese Fassung ist auch zum „4. Internationalen Video-Festival“ in Dortmund angemeldet und hat beste Chancen für das Hauptprogramm nominiert zu werden. Der Dokumentarfilm wird zunächst bei querblick im Verleih angeboten und im Sommer dann bundesweit in die Verleihkataloge der Medienwerkstätten und linken Verleihfirmen aufgenommen.

„Fluchtgrenzen“ thematisiert Fluchthilfe und Flüchtlingsarbeit fernab der üblichen Mediendiskussion, die das Thema mit den Begriffen „illegale Flüchtlinge“ und „Schlepperbanden“ versucht negativ zu besetzten. Der Film stellt die Courage der Menschen in den Vordergrund, die trotz Kriminalisierung, andere vor der Abschiebung oder — im historischen Teil — vor den Gaskammern bewahren.

Wie war und ist Fluchthilfe organisiert, was sind das für Menschen, die anderen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, helfen, und was sind ihre Beweggründe für diese Arbeit? „Fluchtgrenzen“ zeigt Menschen, die aus humanitären und politischen Motiven mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit über ihre Arbeit sprechen. Die Schweizer Pfarrerin Margit Funkhäuser, die verurteilt wurde, weil sie einen Kurden vor der Abschiebung rettete, rechtfertigt das Übertreten von juristischen Grenzen bei ihrer Arbeit im Film so: „Es war für mich immer wichtig, daß im ,dritten Reich' die Judenverfolgung legal war, daß also die Legalität nicht immer das Recht ist“. Der heute 77-jährige Konstanzer Viktor Rebholz, der 1938 mit seiner Fluchthilfe 37 Juden und Jüdinnen vor dem Tod bewahrte und dafür selbst ins KZ kam, antwortet im Film mit der Gegenfrage: „Sollte ich zuschauen wie sie von denen abgeholt werden?“

„Fluchtgrenzen“ klagt nicht diejenigen an, die nicht eingreifen oder weggeschaut haben. Der Streifen will über Menschen berichten, die sich trotz des Risikos und gegen gesellschaftliche und staatliche Bedrohungen engagieren. Er stellt allerdings auch die heutige Asylpolitik der europäischen Staaten dar. Aktive in der Unterstützungsarbeit von Flüchtlingen geben Ausblicke auf die verschärften Bedingungen, unter denen sie in Zukunft alle diejenigen arbeiten müssen, die Menschen auf der Flucht vor staatlicher Repression und sozialem Elend helfen können. - (jüw)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.