Mensch ohne Wohnsitz erfroren
Mensch ohne Wohnsitz erfroren
Konstanz. Tot fanden Passanten am Nachmittag des Aschermittwoch einen Mann vor einem Bretterverschlag in der Reichenaustraße. Der 64jährigen Wohnsitzlose erfror vermutlich am Fasnachts-Dienstag vor dem primitiven Verschlag, der ihm. seit Jahren als Behausung gedient hatte. In der Presse wurde darauf verwiesen, der Mann sei Einzelgänger gewesen und habe sich auch von anderen Menschen in ähnlicher Lage abgesondert. Mag es so gewesen sein. Aus der Verantwortung stehlen können sich die Behörden auch mit einem solchen Argument nicht. Tatsache ist, daß im Landkreis mehr als 200 Menschen buchstäblich kein Dach über dem Kopf haben. Tatsache ist, daß diese Opfer der sozialen Marktwirtschaft so gut wie keine Hilfe bekommen. Im Gegenteil: wer erinnert sich nicht daran, wie Polizei die Obdachlosen aus der Stadt verfrachtet, um sie irgendwo auszusetzen? Wer erinnert sich nicht an die gehässigen Kampagnen, mit denen Konstanzer Geschäftsleute immer wieder gegen obdachlose Störenfriede hetzten? Die AGJ — eine der wenigen Vereinigungen, die sich um solche Mensch kümmert — verfügt gerade mal über zwei Sozialarbeiterstellen. Christoph Hannemann, einer der beiden, hat nach dem Todesfall darauf hingewiesen, daß die Obdachlosen keinen Aufenthaltsraum haben, in dem sie sich aufwärmen könnten. Die von der Stadt aufgestellten Blechcontainer sind dazu nicht geeignet, weil zu klein. Systematisch werden Menschen ohne Dach über dem Kopf außerdem aus Großkaufhäusern, Bahnhof und Hauptpost vertrieben, wo sie sich früher aufwärmen konnten. In so einer Lage grenzt die Passivität der Stadt gegenüber den wohnsitzlosen Menschen schon an versuchten Totschlag. — (jüg)