Rektor Rüthers referiert bei „Anschlag“-Veranstaltung über Can Schmitt: (un)freiwilliger Türöffner der „Neuen Rechten“
Rektor Rüthers referiert bei „Anschlag“-Veranstaltung über Can Schmitt: (un)freiwilliger Türöffner der „Neuen Rechten“
„Denkfabriken wirken im Verborgenen: Sie sind Samenstreuer, deren Impulse... nach einiger Zeit wieder weitergesponnen werden, auf anderer Ebene und in vergröberter Form." (Armin Mohler, Schweizer Freiwilliger der Waffen-SS und geistiger Mentor der „Neuen Rechten") Es ist wieder soweit: Die Hochschule wird zum intellektuellen Durchlauf-Erhitzer, um RechtsaußenDenken gesellschaftsfähig zu machen. Ein ungewöhnlicher Akteur dabei: UniRektor Bernd Rüthers, der auf Einladung des „Anschlag" Verharmlosendes über Carl Schmitt zum besten gab.
Bernd Rüthers ist ein Mann mit kommunikativen Credo, ein Mann der auch keine Berührungsängste zum rechten Rand seiner Universität kennt. So ließ er sich auch auf Einladung des „Anschlag“ vernehmen; zur närrischen Zeit und zum Thema Carl Schmitt. Denn just über diesen wollte der Redakteur der „Jungen Freiheit“ referieren und durfte es wegen studentischen Protestes nicht.
Ein intellektuelles Vakuum, das nun der Hochschul-Rektor getreu seiner Devise „Nicht mit Verhinderungsstrategien, sondern mit Gesprächsstrategien“ müsse an der Universität die Auseinandersetzung geführt werden, besetzen wollte. Daß sich dabei ganz nebenbei eine Aufwertung der Zeitschrift mit dem bewußt doppeldeutig gehaltenen Namen „Anschlag“ ergibt, wollte Rüthers ignorieren. Jedenfalls A beschied er einen Kritiker, der nicht ganz die Aufwertung des rechten Rand durch den Uni-rektor persönlich begreifen wollte: „Zeigen sie mir eine Stelle, die rechtsradikales Gedankengut im .Anschlag* aufscheinen läßt.“
Zweierlei Liebhaber der formalen Demokratie
Ist es Naivität oder politisches Kalkül, daß sich der staatlich bestallte Vorsteher der Denkfabrik am Bodensee so weit nach rechts aus dem Fenster hängt? Darauf mag man keine rechte Antwort finden. Nur: Eine kleine Analogie zu Schmitt drängt sich auf. Dem NaziIntellektuellen bescheinigt Rüthers eine „formale Intelligenz“, beklagt aber, daß ihm „eine wert- und personenbezogene Urteilskraft“ Zeit seines Lebens abgegangen sei. Der Bumerang fallt ganz unfreiwillig auf den Sprecher zurück. Denn der „Anschlag“, der pingelig genau auf die Einhaltung rechtsstaatlicher Werte eingeschworen ist, um im Handumkehr den demokratischen Diskurs für die Meinungsfreiheit der faschistischen DVU zu nutzen, ist eine vorgeschobene Bastion, um das Denken rechtsradikaler Provenienz an der Hochschule hoffähig zu machen. Und Rüthers, formal ebenfalls auf den rechtsstaatlichen Diskurs eingeschworen, verdrängt den Ernst der Lage, inwieweit die Uni ins Fahrwasser barbarischen Denkens gerät. Er läßt sich von den „Anschlag“-Leuten aufbieten und ist damit der universitäre Türöffner, um die Parole vom rechten Rand, den farbdekorierten Scharen mit deutschnationaler Rhetorik zur Wiedergeburt zu verhelfen.
Glattgebügelt zur Kollektiverscheinung
Dabei ist Rüthers nicht nur sein Engagement für den „Anschlag“, sondern seine Rede selbst anzukreiden. Denn was der Rechtslehrer in scheinbar kritischer Absicht zu dem nationalsozialistischen Apologeten Carl Schmitt sagte, taugte für eine freundliche Auslegung kaum, daß hier der Unirektor in kritischer Absicht über den völkischen, antisemitischen Juristen richten wollte.
Der wortgewaltige Schmitt, vielleicht ob seiner Fabulierkünste in der spröden Rechtswissenschaft überschätzt, schlägt Rüthers in den Bann. Immer wieder hob er bei seinem Vortrag zu einer Eloge auf „den meist zitiertesten Staatsrechtler deutscher Zunge“, den „Meister des Wortes“ mit seinen „brillianten, einprägsamen Begriffsprägungen“ an. Hinter soviel Lob verschwindet dann bald das destruktive Dunkel in der gewalttätigen Sprache des Schreibtischtäters Carl Schmitt („Der Führer schützt das Recht“). Sicher — der UniRektor läßt es nicht unerwähnt: „Eine glänzende Feder, zeitweilig im Dienste einer bösen Macht“.
Aber schon das kleine Wörtchen „zeitweilig“ kündigt die Entlastung an. Sie kommt denn auch prompt: „Er ist kein Einzelkämpfer gewesen, sondern mitgeschwommen auf der Welle seiner Zeit.“ Carl Schmitt wird von Rüthers zur „kollektiven Erscheinung“ des „Dritten Reiches“ glattgebügelt; dem brisanten Problem nach der individuellen Verantwortung des Intellektuellen wird ausgewichen. Danach stellt sich nur noch die Frage: Warum gerade Schmitt, warum hat gerade dieser glänzende Analytiker stellvertretend für die braune Gesinnungsfreunde seines Faches keinen Lehrstuhl mehr nach dem Krieg erhalten?
Rüthers als Psychologe: Schmitt heiratet Hitler
Da aber Rüthers wie Schmitt „personenbezogene Urteilskraft“ etwas abgeht, wollte er auch nicht richten, über den scheinbaren Ausnahmeintellektuellen, der der Verführung der Karriere nicht widerstehen konnte. „Die Seelenanalyse ist nicht meine Sache.“ Dennoch: Auf Vulgärpsychologie und damit auf einen einvernehmlichen Lacherfolg wollte Rüthers am Faschingsdienstag nicht verzichten. In Anspielung auf die gescheiterte, erste Ehe Schmitts mit einer Hochstaplerin, die als Prostituierte auch während der Ehe „ihrem Gewerbe“ nachging, sagte denn der UniRektor: „Hitler war seine zweite, grosse Frau.“ Eine enttäuschte Liebe, die dem guten Mann mit der demagogisch-völkischen Feder nach dem Krieg seine Hochschul-Karriere kosten sollte. — (deb)