Dr. Winzer Pharma GmbH Konstanz: Aufgekauft und anschließend plattgemacht
Dr. Winzer Pharma GmbH Konstanz: Aufgekauft und anschließend plattgemacht
Konstanz. Nachdem die Firma Dr. Winzer Pharma von der Besitzerin verkauft wurde, haben die neuen Besitzer, die Hexal-Pharmagruppe, die Angestellten gekündigt. Diese wehren sich dagegen, ohne Sozialplan und Abfinden nach bis zu 30 Jahren in diesem Betrieb auf die Straße gesetzt zu werden (vergleiche Kommunale Berichteter. 6).
Nachdem durch Unterschriften- und Postkartenaktionen die Öffentlichkeit auf die Situation der Beschäftigten der Firma Dr. Winzer aufmerksam wurde, signalisierte die Hexal-Gruppe jetzt ihre Bereitschaft, 1,5 Millionen Mark für Abfindungen zu zahlen.
Für Heiner Stroh und Torsten Falke von der Industriegewerkschaft Chemie — Papier — Keramik steht nicht die Höhe der Abfindung im Vordergrund ihrer Bemühungen. Sie wollen, daß die Firma Dr. Winzer in Konstanz bleibt. Der Betrieb hat keine schlechte Produktpalette, es besteht keine Konkursgefahr. Im Jahre 1993, in dem die meisten Medikamentenherstellerinnen durch die Gesundheitsreform einen drastischen Umsatzrückgang zu verbuchen hatten, machte die Firma Dr. Winzer last den gleichen Umsatz wie 1992.
Die Gewerkschaft fordert, daß der Betrieb in Konstanz bleibt. Genügend Raum für die Firma, die nicht auf ihrem Gelände bleiben kann, ist vorhanden. „Wieso tut der Oberbürgermeister nichts?“ fragte Heiner Stroh. Sollte die Firma aus Konstanz abwandern, ist das Schicksal eines großen Teils der Belegschaft klar. Die 55 Beschäftigten haben ein Durchschnittsalter von 49 Jahren, wobei 10 bis 15 Leute eher jünger sind. Was aber passiert mit einem Menschen, der im Alter von 49 Jahren und mehr arbeitslos wird? Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Sozialamt. Selbst wenn bei der Firma Dr. Winzer eine Abfindung von 100000 Mark pro Mitarbeiterin ausgehandelt würde: „Wieviele Jahre Arbeitslosigkeit und Sozialhilfe müssen damit überbrückt werden?“, fragt Heiner Stroh.
Die Auseinandersetzungen um die Firma Dr. Winzer beschäftigen schon seit einiger Zeit das Arbeitsgericht, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Behinderung der Betriebsratsarbeit. Nachdem Anfang Juli ein Betriebsrat gewählt werden sollte, kündigte Frau Winzer allen Beschäftigten. Diese nicht rechtmäßige Kündigung wurde abgewiesen, daraufhin wurde eine zweite Kündigung nachgereicht, über diese entscheidet das Gericht am 11. April.
Als der Betriebsrat die Arbeit aufgenommen hatte, stellte er fest, daß viele Leute nicht richtig eingruppiert waren. Teilweise wurden den Beschäftigten bis zu 500 Mark monatlich vorenthalten. Außerdem forderte die Inhaberin Arbeitszeiten von 42 Stunden wöchentlich, obwohl die Mitarbeiterinnen laut Tarifvertrag nur 37,5 Stunden hätten arbeiten müssen. Überstundenzuschläge wurden „natürlich“ auch nicht bezahlt. Frau Doktor Winzer habe ihr Unternehmen „in Gutsherrenart“ geführt, sagte Heiner Stroh.
Eine Betriebsversammlung am 23. März endete mit einem Eklat. Daß die Beschäftigten die Öffentlichkeit auf ihre Situation aufmerksam machten, verglich ein Beauftragter der Hexal-Gruppe mit dem Vorgehen der Nazis gegen die Juden. Betriebsrat und Gewerkschaften werden sich dadurch nicht einschüchtern lassen. Sie wollen auch weiterhin über das Schicksal der Beschäftigten informieren und im Kommunalwahlkampf auch eindeutige Stellungnahmen der Parteien, was diese für den Verbleib der Firma in Konstanz zu tun gedenken. — (db)