In Kurdistan verhaftet und 14 Monate gefangengehalten
In Kurdistan verhaftet und 14 Monate gefangengehalten
Stephan Waldberg berichtete über den kurdischen Widerstand und seine Gefangenschaft
Konstanz. Am 22. März erlebte die Infokneipe im Kulturladen eine der bestbesuchtesten Veranstaltungen der letzten Zeit. Mit 100 bis 120 Teilnehmern, darunter auch zahlreiche Kurden, war der Raum mehr als gefüllt. Stephan Waldberg wurde als freier Mitarbeiter des links-alternativen „Radio Dreyeckland“ bei Recherchen über die soziale und politische Lage der Bevölkerung Kurdistans im Oktober 92 dort verhaftet. Anfang 93 wurde vom türkischen Staat zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Die Urteilsbegründung lautete: „Unterstützung und Kuriertätigkeit für die PKK“.
Stephan Waldberg wurde 14 Monate lang gefangengehalten; und nur auf den massiven Druck einer nationalen und internationalen Solidaritätsbewegung hin begnadigte ihn Demirel am 23.12.93 aus „gesundheitlichen Gründen“ (angeblich wegen einer „chronischen Psychose“). Weder Helmut Kohl, der im Mai 93 die Türkei besuchte, noch das Auswärtige Amt erwirkten eine Freilassung, obwohl ihnen Bericht über Mißhandlungen, Folterungen, wie auch eine Scheinexekution übermittelt wurden. Bonn zweifelte nicht an der „Rechtsstaatlichkeit“ des türkischen Staatssicherheitsgerichts, obgleich der Prozeß im Ausnahmezustands-Gebiet stattfand.
Ein englischer Journalist, gegen den die gleiche Anklage erhoben wurde, kam innerhalb von 14 Tagen frei, weil die britische Regierung Druck auf Ankara ausübte. Die BRD-Regierung zeigte hingegen keinerlei Interesse an zügiger Freilassung des Reporters; im Gegenteil, die deutsche Botschaft sprach davon, „die gute Beziehung zur Türkei nicht aufs Spiel setzen zu wollen“. Diese Verfahrensweise ist unschwer als Drohung gegen jeden fortschrittlichen Journalismus zu werten, um quasi „ein Exempel zu statuieren“. So sieht es Stephan Waldberg, und so sieht es die kritische Öffentlichkeit.
Trotz dieser Bedrohung hat es sich Stephan Waldberg nicht nehmen lassen, über seine Erlebnisse und Recherchen in Kurdistan zu berichten. Der erste Teile des Vortrags befaßte sich mit der Lage in den kurdischen Dörfern nahe der irakischen Grenze und der Situation im Nordirak. Es gab glücklicherweise noch Dias, die eine Freundin gemacht, und die sie durch die Kontrollen hindurch gerettet hatte. Waldberg waren alle Filme, Dias und sein Presseausweis abgenommen worden. Man sieht auf den Dias überall Panzer (deutscher Herkunft!), welche die kurdischen Dörfer „überwachen“, und deren Kanonen direkt auf die Wohnhäuser gerichtet sind. Kaum ein Haus ist nicht zerschossen; auch öffentliche Gebäude, außer Polizei- und Militärstationen, bieten ein Bild der Zerstörung. Die türkische Regierung schiebt die Schuld dafür der PKK in die Schuhe. Außerdem: Verletzte Menschen, zersplitterte Fenster, verlassene Felder, verängstigte Frauen; aber auch immer wieder Kurden, die sich trotz der Gefahr als PKKler oder Sympathisanten zu erkennen geben.
Danach folgten Bilder aus einem Camp der PKK-Widerstandskämpfer in den nordirakischen Bergen: Man sieht die PKKler die Nahrungsversorgung, Ausbildung in medizinischen und militärischen Fähigkeiten, politische Schulung und Alphabetisierung organisieren. Etwa 30 bis 35% der Camp-Mitglieder sind Frauen, darunter auch nichtkurdische Türkinnen, die zum Teil sogar von der Universität in Istanbul „geflüchtet“ sind vor der alltäglichen Unterdrückung in der türkischen Gesellschaft, und die die Teilnahme am Befreiungskampf als Schritt zur Befreiung der Frauen überhaupt sehen. Alle anfallenden Arbeiten werden von Männern und Frauen gleichberechtigt geteilt. Es gibt quasi Schulen und Krankenhäuser in den Berghöhlen.
Aber nicht nur die türkischen Militärs bedrohen die kurdische Bevölkerung vom Boden und aus der Luft, sondern auch kurdische KDP- und PUK-Pesmergas, geschart um die Clans ihrer Vorsitzenden Barzani und Talabani. Während Waldberg in den Lagern Interviews zur Frauenfrage und zur Gesundheitsversorgung machte, wurden diese auch von KDP und PUK unter Beschuß genommen. Der besondere Hohn dabei ist, daß die Pesmergas ebenfalls mit deutschen Waffen, zum Teil aus NVABeständen, gegen die Kurdenbewegung vorgehen und dabei von der türkischen Regierung ausgestattet werden. So werden deutsche „Geschenke“ an die befreundete „demokratische“ Türkei von allen Seiten gegen das Selbstbestimmungsrecht der Kurden eingesetzt. Ein Kontrollposten der KDP-Pesmergas war es dann auch, der den Stephan Waldberg aufgriff und ihn an die türkischen Militärs auslieferte.
Der zweite Teil des Vortrags bestand aus Berichten über die Behandlung der Gefangenen in den Knästen: Mißhandlungen und Folterungen waren die Regel, ständig begleitet von der Drohung, man könnte den einen oder anderen ja auch „auf der Flucht“ erschossen haben...! Besonders interessant ist die Schilderung der Haftbedingungen im Militärgefängnis von Diarbakir gewesen. Dort, auf seiner vorletzten Station, vom 30.11.92 bis 3.4.93, traf er mit 800 anderen politischen Gefangenen zusammen. Die waren in Großzellen für 80 bis 96 Personen untergebracht. Diarbakir war schon immer ein Zentrum des Widerstandes, und auch im Gefängnis hielten die „Politischen“ zusammen. So hatten sich dort die Gefangenen in „Kommunen“ organisiert und die Aufgaben zum Überleben unter elenden Bedingungen auf die 13 Zellen verteilt. Es gab eine Schule, Redaktion, Bibliothek, Teeküche, Vorratskammern, ein Archiv und Toiletten. Im Spaß nannten manche den Knast auch „die Universität“.
Diese Zustände waren den türkischen Behörden natürlich ein Dom im Auge. Sie versuchten durch brutale Übergriffe diese Strukturen zu zerstören. Bei einem dieser Überfälle wurden, außer Stephan Waldberg 261 weitere Häftlinge zum Teil lebensgefährlich verletzt. Vier Monate später wurde Stephan Waldberg in ein normales Gefängnis nach Buca bei Izmir verlegt. Dort, weg von den politischen Gefangenen, fristete er sein Dasein unter Heroinhändlern und inhaftierten türkischen Staatsdienern in apathischer Stimmung, bis er nach acht Monaten begnadigt wurde.
Bei der anschließenden Diskussion wurden immer wieder Fragen zu dem Aspekt „Feindschaft zwischen Kurden und Türken?“ gestellt, deshalb sollen hier noch kurz die wichtigtsten „Statements“ zur Politik der PKK zusammengefaßt werden:
— In der PKK herrscht völlige Religionsfreiheit.
— In der PKK haben Männer und Frauen die gleichen Rechte.
— Die PKK sieht sich als soziale und politische Bewegung.
— Es arbeiten viele Türken mit der PKK zusammen oder nehmen an den Kämpfen teil. Sogar Pesmergas von der irakischen Grenze sind zur PKK geflüchtet.
— Mit dem „Kurdischen Roten Halbmond“ wurde eine dem Roten Kreuz ähnliche Organisation geschaffen, um notwendige medizinische Hilfe zu gewährleisten.
— Die PKK überwacht, wo es möglich ist, die gerechte Verteilung von Lebensmitteln, kontrolliert die Preise dafür und kümmert sich um Höhe und Zweck von Steuern in ihren Gebieten.
Die Folge dieser Politik ist, daß 70 bis 90% (je nach Region) der Bewohner Kurdistans die PKK unterstützen und sie als Partei ansehen, die ihre Interessen vertritt.
Gegen Ende der sehr zeitaufwendigen Veranstaltung wurde von den Teilnehmern Geld für die Angehörigen der kurdischen Gefangenen gespendet. Außerdem wurde das Bedürfnis ausgedrückt, mehr derartige Informationen zu verbreiten, um damit auch besser der Hetze gegen die PKK und der Verfolgung des kurdischen Widerstands in der BRD entgegentreten zu können. - (lir)