Heft 9 vom 28.04.1994 6/9 scan 2026-07-31

Angriff auf die Akkordpause, Erhöhung der Maschinenlaufzeit

Von überregionalem Interesse: das „Zukunftsprogramm Feuerbach“ der Bosch GmbH


Von überregionalem Interesse: das „Zukunftsprogramm Feuerbach“ der Bosch GmbH

Angriff auf die Akkordpause, Erhöhung der Maschinenlaufzeit

Zwischen Feuerbacher Betriebsrat und Bosch-Geschäftsführung ist eine Vereinbarung getroffen worden, die sich auch auf andere Betriebe im Tarifgebiet Nordwürttemberg/Nordbaden auswirken wird. Auf der Vertrauensleuteversammlung am 13.4.1994 unterrichtete der Betriebsrat über den Stand der Verhandlungen. Inzwischen ist die Vereinbarung unterschrieben.

Wichtigster Bestandteil der Vereinbarung ist, daß zukünftig die Anzahl der festen Pausen im Akkordlohn- und Prämienlohnbereich verringert wird. Anstelle 38 Minuten bezahlter Erholzeit pro Schicht, aufgeteilt in ein festes Pausensystem, wird es künftig nur noch zehn Minuten feste Pausenzeit geben. Der Rest von 28 Minuten pro Schicht soll während der Arbeitsunterbrechungen genommen werden. Damit wird die Lage der 28 Minuten Pause direkt dem Produktionsablauf untergeordnet. Die Firma kann damit die tatsächliche individuelle Arbeitszeit und die betriebliche Nutzungszeit der Anlagen erhöhen. Die neue Regelung bewirkt, daß ein Personalüberhang von vier Prozent entsteht, falls die Stückzahlen nicht steigen. Für die Firma wird dies dann Anlaß zum weiterem Personalabbau sein.

Auf der Vertrauensleuteversammlung gab es harten Streit um diese Vereinbarung. Hatte doch die Feuerbacher Belegschaft 1973 zusammen mit der Belegschaft von Mercedes-Benz die Akkord-Erholpausen erstreikt und die Pausen vereinbart. Aber der Feuerbacher Betriebsrat steht im großen und ganzen zum Kompromiß. Warum? Weil im Gegenzug die Bosch-Geschäftsführung den Fertigungsstandort Feuerbach aut längere Zeit erhalten wird. 150 Mio. DM werden in den kommenden zwei Jahren investiert, um ein neues Produkt in Großserie in Feuerbach zu fertigen. Und mit dem Bau eines neuen Motorenprüffeldes soll 1994 begonnen werden — allerdings im Dreischichtbetrieb. Weiterhin hat die Geschäftsführung unterschrieben, daß die Fertigung des Antiblockier-Systems bis zum Jahr 1998/ .2000 im Feuerbacher Werk bleiben wird. Und es gibt die Zusage, daß 1994 keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen werden. Gespräche über einen Interessensausgleich und einen Sozialplan wurden inzwischen aufgenommen.

Zur Bewertung der neuen Vereinbarung ist ein Rückblick auf die vergangenen drei Jahre nötig: Die Robert Bosch GmbH hat in den vergangenen drei Jahren im Inland 26000 Arbeitsplätze abgebaut, das entspricht 22 Prozent. Allein im Werk Feuerbach wurden rund 2000 Arbeitsplätze gestrichen. Dieses Jahr sollen weitere 450 Arbeitsplätze gestrichen werden und nächstes Jahr noch einmal 500.

Erklärtes Ziel der Geschäftsführung war die komplette Beseitigung des Tarifvertrages über die bezahlten Erholpausen für Akkord- und Prämienlöhner gewesen. Diesen Tarifvertrag hatte die IG Metall nur im Tarifgebiet Nordwürttemberg/Nordbaden durchsetzen können. Also setzte Bosch den Betriebsrat und die Belegschaft desjenigen Standorts unter Druck, der am meisten von Personalabbau und Verlagerung betroffen ist. Die von Vertretern der Geschäftsführung am 12. März 1993 auf einer Feuerbacher Werksversammlung formulierte Alternative lautete: Entweder Streichung der bezahlten Akkordpausen oder der Fertigungsstandort Feuerbach stirbt mit seinen rund 5600 Produktionsarbeitsplätzen.

In dieser Situation formulierten IG Metall und Betriebsrat als vorrangiges Ziel, den Tarifvertrag zu erhalten. Gleichzeitig erklärten sich Betriebsrat und Gewerkschaft bereit, die Geschäftsführung bei den Maßnahmen zur Kostensenkung zu unterstützen. Deshalb waren zu Beginn der Gespräche IG-Metall-Bezirksleiter Zambelli und der Erste Bevollmächtigte der Ortsverwaltung Stuttgart, Ludwig Kemeth, dabei. Sie stellten klar, daß im Rahmen des Tarifvertrages Änderungen möglich sein könnten, aber für die Firma Bosch würde dieser Tarifvertrag nicht umgeschrieben werden.

Sicher ist, daß ohne die Kampfbereitschaft der Kolleginnen und Kollegen im Feuerbacher Werk auch dieser umstrittene Kompromiß nicht hätte erreicht werden können.

Bei aller Kritik am Verhandlungsergebnis sollte gesehen werden: Der Anspruch des einzelnen Akkordlöhners auf Erholzeit bleibt bestehen. Und die festen Pausenzeiten im Werk Feuerbach sind auch künftig höher als die Pausenzeiten in vergleichbaren Werken außerhalb des Tarifgebietes.

Die große Auseinandersetzung hatte sich, wie berichtet, um die Erholzeiten gedreht. Aber in der frisch abgeschlossenen Bosch-Vereinbarung sind weitere Abmachungen niedergeschrieben, die der Firma zusätzliche Kostenersparnisse bringen und den Beschäftigten das Leben weiter erschweren. So ist als Ziel festgehalten, daß Maschinen kontinuierlich lauten sollen, das heißt auch die festen Pausen sollen versetzt genommen werden können durch Einsatz von Springern. Und als weiteres Ziel sind neue Formen der Arbeitsorganisation festgeschrieben worden (Lean Produktion. schlanke Fertigung). Dadurch soll der flexible Einsatz der Beschäftigten ermöglicht werden zum Zweck der Kostensenkung. — (rkw)

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