„Wir machen mobil“
Mercedes-Benz unterwegs zur „schlanken Produktion"
„Wir machen mobil“
In der neuen „Intern“, der Hochglanzzeitschrift für die lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von MercedesBenz, erklärt Jürgen Hubbert, Vorstand für den Geschäftsbereich Pkw, die Mobilmachung. Zwar ist der Begriff gerade bei Daimler-Benz historisch eindeutig besetzt, Jürgen Hubbert gibt ihm aber — in der Gnade der späten Geburt — die aktuelle Bedeutung:
1. Der Verdrängungswettbewerb auf dem weltweiten Automobilmarkt findet auch im bisherigen (obigen) Marktsegment statt. Alle Autohersteller dieses Segments sind somit bei Strafe des Untergangs gezwungen, die Produktpalette zu verbreitern, was hohe Investitionen für absehbar kleinere Losgrößen jeder neu angebotenen Fahrzeugvariante bedeutet, bei weltweit immer noch wachsenden Überkapazitäten.
2. Um trotz all dieser widrigen Umstände die erwünschten Profitraten abzusichern, müssen Produktivität, Leistungsdruck und Motivation radikal gesteigert werden.
3. Mobil gemacht wird deshalb auch (was Herr Hubbert an dieser Stelle aber ausnahmsweise nicht vertieft) nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch gegen das erreichte Niveau der Löhne und Sozialleistungen, gegen Erwartungen wie Arbeitsplatzsicherheit und „unzeitgemäßes Besitzstandsdenken“ jeder Art — z.B. kollektivrechtliche tarifvertragliche Regelungen.
Die schlanke Produktion der nahen Zukunft zeichnet sich zuallererst durch deutlich kleinere Belegschaften bei enorm gesteigerten Produktionsstückzahlen aus. Die mittelfristige Planung des Mercedes-Vorstands (jawohl, ein Fünfjahresplan!) sieht vor, daß ab 1998 pro Jahr mindestens 900000 Pkw produziert und verkauft werden (1993: 480000, Plan ’94: 575000). Die Belegschaft soll im gleichen Zeitraum unter die heute noch beschäftigten 180000 gedrückt werden. Diese Zahlen würden sogar noch klar unterschritten, wenn der Vorstand die heute als „gefährdet“ bezeichneten kleineren Werke wie Berlin-Marienfelde, Bad Homburg und Hamburg-Harburg zur Disposition stellen würde. Bisher ist ihre Weiterführung noch zugesagt.
Mercedes ist heute mit über 45 % in der BRD der Autohersteller mit der größten Fertigungstiefe. Der Eigenfertigungsanteil soll aber, so die Vorstands-Planwirtschaft, auf unter 40% reduziert werden. Mit neuen LogistikKonzepten wird parallel dazu versucht, Kapitalbindung durch Lagerhaltungskosten so weit als möglich auf die Zulieferer abzuwälzen, wobei die Verantwortung für kurzfristige Lieferfähigkeit selbstverständlich die Zulieferer zu tragen haben, d.h. der Druck zu total flexibilisierten Arbeitszeiten in der Zulieferindustrie noch wächst. Durch die Ausgliederung von Teilproduktionen in selbständige Unternehmen in Kooperation mit anderen Autofirmen und/oder Zulieferern wird, neben erzielten betriebswirtschaftlich-organisatorischen Vorteilen, auch die Herauslösung der Belegschaften aus den relativ vorteilhaften Betriebsvereinbarungen, Standards und Interessenvertretungsstrukturen der Automobilgroßbetriebe forciert. Die Gründung einer „Lenkungs-Union“ von VW, Zahnradfabrik (ZF) und Mercedes (bisher: Werk Düsseldorf!) ist hier Pilotprojekt.
Konsequent vorangetrieben wird inzwischen auch die Internationalisierung der früher fast ausschließlich in der BRD konzentrierten Pkw-Produktion. Von bisher 2 % soll die Auslandsfertigung zügig auf zunächst über 10% hochgefahren werden. Meilensteine sind hier der Aufbau einer Pkw-Produktion in Mexiko, die perspektivisch wohl die gesamten Märkte der NAFTA-Freihandelszone bedienen könnte, und die Erweiterung von Joint ventures in Asien (Korea, Indien). Auch die „VR“ China ist im Visier, derzeit einer der Märkte mit den größten Wachstumsraten für die S-Klasse (!) .. .
Nach Einschätzungen von Experten, u.a. des IMU-Instituts, werden die Internationalisierungsstrategie des Konzerns und die Dynamik der sich verschärfenden Konkurrenz dazu führen, daß in der BRD mittelfristig nur noch für den europäischen Markt produziert wird. Die beschäftigungspolitischen Auswirkungen in der Region sind mit dem Begriff „dramatisch“ unzureichend beschrieben.
Die dargestellten Veränderungen sind die „äußere“ Seite der Medaille. Tatsächlich bedürfen die angestrebten Quantensprünge in Qualität, Produktivität, Kostensenkung usw. aber für ihre Verwirklichung mehr als nur der bekannten „Motivation“ durch Angst um den Arbeitsplatz. Eine Vielzahl miteinander verknüpfter Konzepte, die alle auf die verstärkte Einbindung der Belegschaft ins Unternehmen und in seinen Konkurrenzkampf zielen, wurden deshalb aufgelegt. Kontinuierlicher Verbesserungsprozeß (KVP), Total quality management (TQM), Gruppenarbeit, MB-Erfolgsprogramm, Profitcenter-Organisation . .. Kann die freiwillige Integration der Belegschaft in die Verschärfung der Ausbeutung gelingen, oder sind diese Konzepte nur neue Versuche der Quadratur des Kreises? — (dai)
Die mit * gekennzeichneten Zwischenüberschriften sind einem Werbeprospekt von MB für das neue V6/V8-Motorenwerk Cannstatt entnommen.