Heft 10 vom 12.05.1994 6/10 scan 2026-07-31

Heize gegen Ausländer in „Junger Freiheit“

Konstanzer Professor Brezinka:


Konstanzer Professor Brezinka:

Heize gegen Ausländer in „Junger Freiheit“

Die „Junge Freiheit“ versucht bekanntlich, eine rechte Elite zu formieren. Sie steht Insbesondere für den Versuch, Stiefelfaschisten und rechtskonservative Intellektuelle unter einen Hut zu bekommen. Der Konstanzer Professor beteiligt sich an diesem Unternehmen. Damit reiht er sich ein in die Reihen der Brandstifter und Mörder

Als Rechter war er schon immer bekannt: Professor Dr. Wolfgang Brezinka, Erziehungswissenschaftler und seit 1967 Dozent an der Universität Konstanz, wurde in seinen Veranstaltungen und Veröffentlichungen nie müde, konservative Positionen gegen eine angebliche sozialistische Unterwanderung der Hochschulen zu setzen. Mitglied im reaktionären „Bund Freiheit der Wissenschaft“, formulierte er in seinem Fachgebiet Pädagogik rechte Thesen und polemisierte gegen die in den sechziger und siebziger Jahren entwickelten Reformansätze in der Erziehungswissenschaft. Der Aufschwung der Faschisten in der BRD machte ihm jetzt offenbar Mut, unter dem demokratischen Mäntelchen braune Farbe zu bekennen: in einem Beitrag in der faschistischen Postille ,,Junge Freiheit“ spielt er nicht nur den rechten Terror herab, sondern profiliert sich auch als Ausländerhetzer.

Um das wissenschaftlich zu verpacken, muß Brezinka erst einmal weit ausholen. Dazu setzt der PädagogikProfessor an dem Begriff Gewalt an. Er beklagt, daß sich „in der Öffentlichkeit“ ein „unüberlegter Sprachgebrauch breitgemacht“ habe, „in dem das Wort ,Gewalt1 eine einseitig negative Bedeutung hat. Er ist zum Schlagwort für alles Böse geworden, was zwischen Menschen vorkommen kann.“ Den Erziehungswissenschaftler bringt dieser „inflationäre Gebrauch“ des Wortes Gewalt ganz schön auf die Palme: Zunächst stört ihn daran, daß dabei „die positiven und wertneutralen Bedeutungen des Wortes ,Gewalt1, die zum Beispiel mit den Begriffen Staatsgewalt“, .Gewaltenteilung“ und .Gewaltmonopol des Staates“ verknüpft sind“, verdrängt würden. Brezinka beklagt also, daß sehr viele Menschen der (gewaltförmigen) Ausübung von Macht von Regierung(en) und Institutionen heute hinterfragen, öffentlich Kritik an solchen staatlichen Maßnahmen üben oder sogar Widerstand dagegen leisten bzw. organisieren. Ihn wurmt, daß sich „Bindungen an Institutionen... lockern“, das „Vertrauen in Partner, Vorgesetzte und Amtsträger... untergraben“ wird. Der Erziehungswissenschaftler propagiert dagegen blindes Vertrauen statt kritische Reflexion, Unterordnung statt Emanzipation.

Doch der Dreh mit der angeblich ausufernden Gewaltdebatte muß noch für weitere Theoriekonstrukte herhalten. Durch die Belegung mit „einseitig negativer“ Bedeutung habe man „Gewalt seit kurzem zu einer überwertigen Idee gemacht. Sie wirkt verdummend, weil sie fundamentale Unterschiede zwischen Gewalt als Verfügungsmacht, als körperlicher Kraft und als rechtmäßiger oder unrechtmäßiger Handlung ignoriert." Damit werde suggeriert, daß Gewalt in jedem Fall etwas Schlechtes sei. „wer den Menschen beibringt, daß Gewalt an sich böse ist, schadet ihnen wie dem Gemeinwesen. Er schadet, er zu einem wirklichkeitsfremden Weltbild beiträgt und Mißtrauen sät gegen alle, die Gewalt rechtmäßig anwenden oder mit ihr drohen müssen, um die Bürger gegen Anarchie und Gewalttätigkeiten zu schützen.“ Brezinka unterstellt, daß die Linke mit entsprechenden Interpretationen von Gewalttaten Politik mache.

An diesem Punkt seiner Ausführungen angelangt, kommt Brezinka von der Theorie zur Nutzanwendung. Denn als „aktuelles Beispiel für diese Problematik“ kann der Professor jetzt „die sogenannte .fremdenfeindliche Gewalt“ oder .Gewalt gegen Ausländer““ (!) aufs Tapet bringen. Brezinka will zwar, daß solche Täten als „Kriminalität“ behandelt werden (interessanterweise zieht er als Vergleich „Gewalttaten von Linksextremisten“ heran). Dieses Postulat wirkt aber angesichts der folgenden Ausführungen wie ein — schwaches — Alibi. Er fordert nämlich, daß „modische Schlagworte wie Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Nationalismus“ zu vermeiden, „weil sie komplexe Sachverhalte gefährlich vereinfachen und die Grenzen zwischen Straftatbeständen und erlaubten politischen Meinungsäußerungen, Einstellungen und Gesinnungen gefährlich verwischen.“ Und um alle Zweifel auszuräumen, was damit gemeint ist, fährt der Brezinka fort: ’ „Es muß möglich bleiben, für die Erhaltung des deutschen Nationalstaates in einem vereinten Europa der Vaterländer und gegen die unbeschränkte Einwanderung von Nichteuropäern 'einzutreten, ohne deswegen als .fremdenfeindlich“, .rassistisch“ oder .rechtsextrem“ verketzert und dem Sympathisantenkreis von politischen Gewalttätern zugeordnet zu werden.“ Außerdem seien die „ausländerfeindlichen Delikte... publizistisch maßlos hochgespielt und zu pauschalen Anklagen gegen Deutschland und seine Regierung benutzt“ worden.

Und die nicht wegzudiskutierenden Opfer, die aus Fremdenhaß gejagt, verletzt oder ermordet wurden und werden? Für Brezinka sind die Täter „einige entwurzelte, labile und ungebildete junge Menschen“, die „sozialer Futterneid“ zum „Haß und Gewalttaten gegen Ausländer getrieben hat.“ Wer dies als Zeugnisse für Nationalismus, Rechtsextremismus, Neofaschismus und Neonationalismus deutet, „verkennt die wirklichen Interessen, die geistige Unreife, die politische Beschränktheit und die soziale Isolierung der Täter.“ Aussagen, deren Zynismus vor allem deshalb kaum zu überbieten ist, weil die Zusammenhänge zwischen rechten Worten und Täten ja amtlich sind. Jeder, der sich auch nur oberflächlich mit dem braunen Netz befaßt, erkennt schnell, daß der Terror wohl geplant ist.

In der Diskussion um die faschistischen Pogrome der letzten Zeit sind tatsächlich sehr viele — auch Menschen, die nicht im Verdacht stehen links zu sein — auf den Zusammenhang zwischen der Schürung fremdenfeindlicher, antisemitischer und nationalistischer Stimmungen und den faschistisch motivierten Verbrechen der vergangenen Monate aufmerksam geworden. Niemand, der es ernst meint, kann den Zusammenhang zwischen der Hetze von der „durchrassten Gesellschaft“ und brennenden Flüchtlingsunterkünften leugnen. Brezinka will genau das; er will „gegen die moralistische Propaganda für Fernstenliebe, unbeschränkte Asylanten-Aufnahme, Einwanderung und Einbürgerung von Armen nichteuropäischer Herkunft“ hetzen dürfen. Er will dazu aufstacheln dürfen, das „Ziel einer multikulturellen Gesellschaft im eigenen Volk nicht widerstandslos“ hinzunehmen.

Die „Junge Freiheit“ versucht bekanntlich, eine rechte Elite zu formieren. Sie steht insbesondere für den Versuch, Stiefelfaschisten und rechtskonservative Intellektuelle unter einen Hut zu bekommen. Der Konstanzer Professor beteiligt sich an diesem Unternehmen. Damit reiht er sich ein in die Reihen der Brandstifter und Mörder. — (jüg)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.