Heft 14 vom 07.07.1994 6/14 scan 2026-07-31

Glotz kündigt Studiengebühren an

Hochschulpolitik


Hochschulpolitik

Glotz kündigt Studiengebühren an

Das hatten sich die Konstanzer Jusos sicher anders vorgestellt: SPD-Bildungsexperte Peter Glotz, von ihnen zu einer hochschulpolitischen Veranstaltung an der Universität Konstanz eingeladen, nutzte diese, um Studiengebühren an den Hochschulen ins Gespräch zu bringen. Glotz, der in der Presse imFall eines SPD-Wahlsiegs als möglicher Bildungsminister gehandelt wird, erklärte unumwunden, die Einführung „sozialverträglicher“ Studiengebühren könne innerhalb von zehn Jahren nötig sein. Auch in anderer Hinsicht gab er zu erkennen, daß vor allem Studierende ohne entsprechende finanzielle Mittel von einem SPD-Wahlsieg im Herbst nicht viel zu erwarten haben: für eine BafögReform sei kein Geld da, den zur Zeit schrumpfenden Kreis von Anspruchsberechtigten könne auch die SPD nicht wieder ausweiten. Glotz setzte noch eins drauf: er kritisierte das Festhalten von ASten und anderen Interessenvertretungsorganen an Mitbestimmungsforderungen. Nicht sei so veraltet wie bestimmte Traditionen in manchen Studierenden-Vertretungen. Die paritätische Mitbestimmung zehn Jahre lang als wichtigste Frage diskutiert zu haben, sei ein Irrweg.

In den siebziger Jahren waren Sozialdemokraten einmal angetreten, um auch Arbeiterkinder ein Studium zu ermöglichen und die Hochschulen zu demokratisieren. Nach ersten zaghaften Fortschritten in diese Richtung kam die „Wende“ und damit das Rollback der Konservativen: die Unis wandeln sich zunehmend wieder in Eliteinstitute, Mitbestimmung ist Fehlanzeige, Bafög gibt es nur als Darlehen, der Anteil von Kindern armer Leute ist seit Jahren wieder rückläufig.

SPD-Bildungsexperte Glotz bestimmt SPD-Hochschulpolitik heute nur in Nuancen anders: er fordert ebenso wie z.B. der baden-württembergische Bildungsminister v.Trotha eine Flexibilisierung, um Studienzeiten zu verkürzen, er hält Forderungen nach einer Demokratisierung der Hochschulen für einen Irrweg, plädiert zynisch für Studiengebühren („sozialverträglich“) und hält „in Forschungsfragen“ die Professorenmehrheit für „in Ordnung“ — ein Freibrief für eine Forschung also, die frei von gesellschaftlicher Kontrolle bleiben soll und mithin immer mehr dem großen Geld dienen wird. Von einer solchen öffentlichen Kontrolle (auch das hat bekanntlich einmal zum Fundus von SPD-Forderungen gehört) ist noch nicht einmal mehr am Rande die Rede. Da bleibt nur zu hoffen, daß es in der SPD auch andere Auffassungen zu diesen Themen gibt. Nebenbei: Von einem Wahlsieg entfernt man sich durch solche Thesen mehr, als daß man ihm näher kommt. Denn wozu denn eine (sozialdemokratische) Kopie wählen, wenn es das (konservative-liberale) Original schon gibt? — (jüg)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.