Heft 14 vom 07.07.1994 6/14 scan 2026-07-31

P 66 — Konstanzer Jugendliche unterstützen Flüchtlinge

Ein Projekt stellt sich vor


Ein Projekt stellt sich vor

P 66 — Konstanzer Jugendliche unterstützen Flüchtlinge

Wir veröffentlichen im folgenden eine Pressemitteilung, in der das Konstanzer „Projekt 66“ sich vorstellt.

Das P 66 war zu Beginn ein Projekt zum Thema „Formen des antifaschistischen Widerstandes“ anläßlich der Projekttage der Geschwister-Scholl-Schule, .... Zum Ende der Projekttage beschlossen die Schülerinnen das Projekt schulunabhängig weiterzuführen. Zum „1hg der Menschenrechte“ wurde ein Infostand in der Schule aufgebaut .... Daraufhin entstand die Idee, Flüchtlinge direkt in Konstanz zu unterstützen und sich für andere Jugendliche zu öffnen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese Unterstützung hauptsächlich dahingehend, regelmäßig Flüchtlingskinder zu betreuen. Für uns Jugendliche ist es wichtig, den Kindern regelmäßig die Möglichkeit zu geben, aus dem bedrückenden Umfeld der Flüchtlingsunterkünfte auszubrechen. Damit verschaffen wir auch den Eltern der Kinder ab und zu ein wenig Luft, um sich in Ruhe um die für sie sehr belastende und zeitraubende Bürokratie der deutschen Behörden zu kümmern, andere wichtige Dinge zu erledigen .... Auch andere Hilfeleistungen für die Eltern, wie die Begleitung bei Behördengängen, Erläuterung amtlicher Schreiben u.ä. werden, soweit es für uns möglich ist, angeboten. Derzeit gibt es fünf Angebote an verschiedenen Orten und Zeiten von insgesamt 23 Jugendlichen....

Im Zusammenhang mit unserer Arbeit und den daraus gewonnenen Einblick in den Alltag der Flüchtlinge möchten wir in Zukunft durch Öffentlichkeitsarbeit die Menschen mehr für die Probleme der Flüchtlinge sensibilisieren. Wir wollen der Öffentlichkeit darlegen, wie bedrückend die Situation der Flüchtlinge in Deutschland geworden ist. Staatlich verordneter Rassismus, der durch Sondergesetze zum Ausdruck kommt, und der alltägliche Rassismus, dem die Flüchtlinge psychisch und physisch, durch Anmache oder Angriffe ausgesetzt sind, bedeuten massive Verletzungen der Menschenwürde der Flüchtlinge. Eines der reichsten Länder der Erde wie Deutschland hat sich mit der sog. Drittstaatenregelung gegenüber Zuflucht suchenden Menschen abgeschottet und weitere westliche Industriestaaten Europas ziehen nach. Nun sollen die wenigen Menschen, die noch zu uns gelangen (was noch lange nicht bedeutet, daß sie bleiben dürfen), dem Blick der Öffentlichkeit vollständig entzogen werden. Nach dem Willen des Innenministers von Baden-Württemberg, Birzele, sollen bundesweit alle Flüchtlinge in Großlagern untergebracht werden, wie sie in Reutlingen, Ludwigsburg und Freiburg existieren. Eine Verteilung auf die Kommunen entfällt ganz. Der Charakter dieser Lager mit meterhohen Mauern, Stacheldraht und zu beantragenden Lagerausweisen, erinnert an ein anderes Kapitel deutscher Geschichte. Hilfestellungen und ehrenamtliche soziale Arbeit wie wir sie leisten, ist in diesen Lagern nicht mehr möglich. Die Flüchtlinge sind endgültig aus unserer Gesellschaft ausgesperrt. In diesem Zusammenhang wird nochmals klar, daß auch die Essenspakete, die nachgewiesenermaßen teurer sind als Bargeldauszahlung, reine Schikane sind und den Zweck der Ausgrenzung aus unserer Gesellschaft verfolgen.

Wir wollen die Menschen dazu aufrufen, durch direkte Solidarität mit flüchtenden Menschen deren Schicksal nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wir rufen dazu auf, mit Briefen, Demonstrationen und direkten Aktionen Widerstand gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung zu leisten. Wir, deren relativer Wohlstand auf der Ausbeutung der Menschen in der sog. „Dritten Welt“ beruht, haben nicht die moralische Berechtigung, überhaupt nach Fluchtgründen zu fragen. Vielmehr haben wir die Pflicht, besonders in Krisensituationen alles Menschenmögliche zu tun, um zu helfen und das nicht wie im Fall Ruanda den ebenfalls armen Nachbarländern zu überlassen. Weiterhin geht es darum, die Fluchtursachen, die unter anderem aus der ungerechten Weltwirtschaftsordnung resultieren, zu bekämpfen. Wir fordern nicht hier und da mal ein wenig gewissensberuhigende Kleinigkeiten sondern:

— Grenzen auf für alle Menschen

— massive unbewaffnete Hilfsmaßnahmen wie genug Medikamente, Ärzte, freiwillige Helfer, Nahrungsmittel etc. in die Krisengebiete

— Fluchthilfe für Deserteure

— keine Sondergesetze für Flüchtlinge

— keine Zwangskasernierung von Menschen in Groß- und Sammellager

— Bekämpfung der Fluchtursachen Solidarität mit flüchtenden Menschen

Unsere Kontaktadresse: Projekt 66, c/o ev. Jugendhaus, Gottlieberstr. 7, Konstanz. Um unsere Arbeit zu finanzieren sind wir auf Spenden angewiesen. Knt-Nr.: 260 307, BLZ69050001, Stichwort: „P 66"

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.