Authentische kurdische Erklärung zum Tod von Halim Dener
Dokumentiert
Authentische kurdische Erklärung zum Tod von Halim Dener
Genossen aus Kurdistan haben uns gebeten, die folgende Erklärung der Europavertretung der nationalen kurdischen Befreiungsfront ERNK, Brüssel, zu veröffentlichen. Wir kommen dieser Bitte gerne nach. - (red)
Der nationale Befreiungskampf Kurdistans befindet sich in einer historischen Phase des Sieges. Es trifft mit Bestimmtheit zu, daß hinsichtlich der äußeren und inneren Kräftegleichgewichte die politische Situation für die Kurden sehr günstig ist, und die Avantgarde der PKK unser Volk auf organisatorischer, militärischer und diplomatischer Ebene mit Sicherheit zur Freiheit bringt. Aus diesem Grund befindet sich der türkische Staat in einer ausweglosen Krise und versucht, sich durch Unterstützung aus dem Ausland auf den Füßen zu halten.
In der ganzen Geschichte der Herausbildung des kolonialistischen türkischen Staates hat sich dieser nicht aus eigener Dynamik entwickelt, sondern sich auf äußere Gleichgewichte und die Ausbeutung der von anderen Völkern geschaffenen Werte gestützt. Und auch heute versucht er sich durch Sauerstoffzufuhr von außen zu retten. Die größte Unterstützung seit 150 Jahren erhält er aus Deutschland.
Das im Zweiten Weltkrieg besiegte Deutschland bemüht sich heute, während im Mittleren Osten die Gleichgewichte neu bestimmt werden, seinen Platz in dieser sensiblen Region einzunehmen, die politische Überlegenheit und wirtschaftliche Kraft gibt. Durch die von ihr neu entwickelte „Islam-Politik“ versucht es dies schnell zu verwirklichen. Mit Iran und Algerien geht cs Bündnisse ein. Neben der Ausbildung des iranischen Geheimdienstes setzt es sich für die Begnadigung Saddams durch den Westen ein. Und all das versucht die Bundesrepublik gemeinsam mit dem türkischen Staat durchzuführen.
Jedoch weder die historische noch die jetzige Realität geben Deutschland das Recht, mitschuldig am Genozid des kurdischen Volkes zu werden und den gegen die Kurden ausgeübten Staatsterror zu unterstützen. In diesem Sinne befindet sich Deutschland gegenüber unserem Volk und dessen unbestrittener Führung, der PKK, auch durch seine Haltung gegenüber dem Freiheitskampf, in einer feindseligen Position.
Ohne daß Deutschland sich zuvor selbst betrachtet, sollte es niemanden als Terroristen bezeichnen. Das von Deutschland sowohl in der Vergangenheit als auch jetzt der Menschheit zugefügte Leid und der von ihm ausgeübte Terror ist für niemanden eine Neuigkeit. Es steht wie der türkische Staat, der Kurdistan in Schutt und Asche legt, Millionen von Kurden zur Flucht aus ihrer Heimat zwingt, Kontramorde durchführt und den Genozid an den Kurden praktiziert, in der Schuld des kurdischen Volkes. Deutsche Waffen und Panzer werden gegen Kurden eingesetzt. Die Bundesrepublik unterstützt den türkischen Staat ökonomisch, militärisch, politisch und moralisch. Aus diesem Grunde ist Deutschland in höchstem Grade verantwortlich für den Völkermord an den Kurden. Terroristisch ist der türkische Staat. Er ist es, der ein Volk und seinen Befreiungskampf vernichten will. Deutschland beharrt auf der Unterstützung und dem Schutz des türkischen Staates — dies ist Beharren auf seiner Schuld.
Als eine Folge davon, und aus seiner Gegnerschaft gegen unseren Kampf, ist Deutschlands Kurdenfeindlichkeit europaweit führend und initiativ. Durch die insbesondere seit 1993 in der Person und Praxis von Innenminister Kandier konkretisierte Feindschaft und als Resultat der ungerechtfertigten Propaganda hat die deutsche Polizei in Hannover Halim Dener, einer unserer Sympathisanten, von hinten erschossen und ermordet. Deutschland hat sich so mit dem Blut eines Sechzehnjährigen befleckt. Diejenigen, die uns verlogen des Terrorismus beschuldigen, haben selbst eine Kontra-Praxis angewandt, die an den Terror und die Methoden des türkischen Staates in Kurdistan erinnert.
An unser patriotisches Volk!
Bei der großen Kundgebung in Frankfurt, an der sich 150000 Menschen beteiligten, hat unser Volk, das bis heute von Kanther als „terroristisch“ bezeichnet wird, diese Beschuldigung in sein häßliches Gesicht geworfen — und daß sich gerade hiernach ein Mord ereignet, ist besonders interessant. Kanther, der auf frischer Tat ertappt wurde, versucht, indem er Blut vergießt, große Entwicklungen in den Schatten zu stellen. Die Hand des kurdischen Volkes und der demokratischen Öffentlichkeit, der Freunde des kurdischen Volkes und des deutschen Volkes, haben den deutschen Staat am Kragen gepackt. Diejenigen, die Schuld auf sich geladen haben, müssen dafür zur Rechenschaft ablegen. Die Rechnung muß beglichen werden. Sie wird beglichen.
ERNK Europavertretung
4.7.1994