Heft 15 vom 21.07.1994 6/15 scan 2026-07-31

GrenzWege — Widerstand gegen den Nationalsozialismus an der Schweizer Grenze 1933—1945

Ausstellung


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GrenzWege — Widerstand gegen den Nationalsozialismus an der Schweizer Grenze 1933—1945

Etwa von Mitte Juni an gab es etwas Neues in Singen. Überall in der Innenstadt standen in Gruppen alte Stühle zusammen, mit leuchtend gelben Schildern versehen und mit Namen von Frauen und Männern bedruckt. Was auf den ersten Blick wie eine besondere Art von Sperrmüll aussah, entpuppte sich bei näherem Hinsehn als Auftakt einer ganz besonderen Ausstellung: GrenzWege — Widerstand gegen den Nationalsozialismus an der Schweizer Grenze 1933-1945.

Der Text auf den Schildern lautete: DENK-MAL: EIN MENSCH IM WIDERSTAND. „Den Stuhl vor die Tür gestellt“ bekamen unzählige Menschen während der nationalsozialistischen Herrschaft. Einige mutige Frauen und Männer leisteten der Diktatur aktiven Widerstand. Diese Stühle sind den bekannten und unbekannten Widerständlern gewidmet, damit sie „Platz nehmen“ können in unserer Mitte. Sie sollen bei uns sein, wenn wir zusammensitzen, bei der Arbeit, in der Schule und in der Freizeit. Ihre Taten sollen uns ermutigen, heute und morgen der Intoleranz, dem Haß und der Gewalt entgegenzutreten.

Ein paar Tage später lagen und standen zwischen Kulturamt und Bahnhof mehrere verschlissene herrenlose Koffer mit dem Aufdruck: „GrenzWege“. Und mitten in der Einkaufsmeile waren schwere schmiedeeiserne „Kunststühle“, aus Metallteilen zusammengeschweißt, von Künstlern und Azubis eines Metallbetriebes aufgestellt worden. Auf dem Abstellgleis des Bahnhofs waren inzwischen 4 Waggons eines alten Reichsbahnzuges eingefahren. All das machte neugierig.

Am 20.6. wurde die Ausstellung eröffnet. Sie besteht aus zwei Teilen. Im Kulturamt sind in Schaukästen Fotos, Anklageschriften, Flugblätter, Tarnschriften, Fluchthilfeberichte und Briefe ausgestellt. Es ist keine große Ausstellung, deshalb kann man in aller Ruhe die Texte durchlesen und die Bilder auf sich wirken lassen.

Im Foyer gibt es einen „WiderstandsOrdner“, in dem die Namen von rund 150 Antifaschisten der Region aufgeführt sind. Jeder wird nur durch einen kurzen Satz beschrieben, wie zum Beispiel: Der Fischer XY hatte nicht nur Fische in seinem Boot, wenn er am anderen Bodenseeufer anlegte ...!

Zu all diesen Menschen gibt es Untersuchungsmaterialien, und der Ordner soll Schüler, Gruppen und Einzelpersonen auffordern, dazu noch eigene Nachforschungen anzustellen. Diese Namen sind mit denen auf den Stuhlinstallationen identisch: Platz nehmen in unserer Mitte ... !

Der zweite Teil der Ausstellung befindet sich in den Reichsbahnwaggons im Bahnhof. Man darf ihn sich auf keinen Fall entgehen lassen, denn es ist der „sinnlichere“ Teil derselben. Der Zug steht in der sengenden Hitze auf dem Abstellgleis, aber wenn man ihn betritt, ist man in einer anderen Zeit.

Im ersten Wagen, der ganz mit Tüchern verdunkelt ist, wehen im Luftzug durchsichtige weiße Gardinen, auf die in zwei Richtungen Dias projiziert werden; auf der einen Seite die Nazis, auf der anderen Seite der Widerstand dagegen. Zwischen den Tüchern: der Zuschauer, Wagnermusik, Arbeiterlieder und immer wieder marschierende Stiefel, die immer näher kommen ...!

In zwei Wagen gibt es verschiedene Installationen mit Koffern, Videos, Musik und Texten.

Besonders eindrucksvoll ist auch der letzte Waggon. Dort fährt man mit Menschen von damals gemeinsam von der Arbeit bei MAGGI nach Hause. Zuggeräusche, Schienen, die unter einem hinwegeilen, ein Windhauch aus den geöffneten Fenstern und flüsternde Gespräche der Banknachbarn. Diese sind aus Eisendraht gebogen, und jeder hat ein „großes lauschendes Ohr“, in Form eines Lautsprechers. Damit denunzieren sie Nachbarn und Kollegen. Und man selbst sitzt dazwischen und hat das Gefühl, daß man „etwas tun“ muß! (Man muß sich aber unbedingt hinsetzen, während man dem Gerenne zuhört.)

Oft sind Austeilungen mit politischem Inhalt irgendwie langweilig, aber diese geht im wahrsten Sinne des Wortes „unter die Haut“, man kann nur hoffen, daß möglichst viele Menschen hingehen.

Die Ausstellung wurde vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart und dem Kulturamt der Stadt Singen ermöglicht. Sie ist noch bis zum 25.9. geöffnet, und es gibt einen sehr schönen Katalog für 20 DM. Der Eintritt ist frei.— (tia)

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