Heft 17 vom 18.08.1994 6/17 scan 2026-07-31

Der Leidensweg Erich Mühsams

Buchvorstellung: Kreszentia Mühsam:


Buchvorstellung: Kreszentia Mühsam:

Der Leidensweg Erich Mühsams

„... Dann wird mein Sterben euer Ende und euer Tod mein Anfang sein

Im Harald-Kater-Verlag erschien Im Juni eine Neuauflage der Broschüre von Zenzl Mühsam über den Weg Ihres Lebensgefährten Erich Mühsam durch kaiserliche Schutzhaft, Festungshaft In der Weimarer Republik bis hin zu seiner Internierung und Ermordung durch die SS im KZ Oranienburg im Juli 1934.

Die Erstausgabe war im Januar 1935 Im MOPR-Verlag, dem Verlag der Internationalen Roten Hilfe veröffentlicht worden.

Der Anarchist und Dichter Erich Mühsam wurde zum ersten Mal im Januar 1918 verhaftet, weil er einen Streik von Munitionarbeiterinnen in München unterstützt hatte. Er kam daraufhin in Schutzhaft. Der Status des Schutzhäftlings, der damals — also selbst in Kriegszeiten — noch den politischen Gefangenen gewährt wurde, bedeutete faktisch eine Anerkennung als politischer Gegner und hatte im Vergleich zu den Haftbedingungen der sozialen Gefangenen relativ viele „Freiheiten“ zur Folge: Mühsam konnte sich z.B. ein eigenes Zimmer mieten und mußte sich „lediglich“ fünfmal täglich melden.

Im November kam er wieder frei und wurde nach der Ausrufung der bayerischen Räterepublik am 7. April 1919 in deren Zentralrat gewählt. Beim Putsch der Weißgardisten sechs Tage später wurde Mühsam erneut verhaftet. Trotz Niederschlagung des Putsches blieb er in Haft und wurde ein Jahr später wegen Teilnahme an revolutionären Aktivitäten zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. Davon saß er fünfeinhalb Jahre ab, bis er im Zuge einer Amnestie im Dezember 1924 „auf Bewährung“ entlassen wurde. In Bayern waren während dieser Zeit die gesetzlichen Vorrechte der Schutzhaft für die revolutionären Gefangenen schon weitgehend aufgehoben. Von direkten körperlichen Mißhandlungen wurden sie aber noch verschont.

Nach seiner Entlassung trat Mühsam der Roten Hilfe bei und engagierte sich stark in der Solidaritätsarbeit für politische und soziale Gefangene. Insbesondere lag ihm die Zusammenarbeit und die Solidarität aller Linken über Partei- und Organisationsgrenzen hinweg am Herzen. Von der Roten Hilfe trennte er sich nach vier Jahren wieder, weil sie sich seiner Meinung nach damals zu stark von der KPD parteipolitisch instrumentalisieren ließ. Zu dieser Zeit war er auch Herausgeber der anarchistischen Monatsschrift Fanal.

Am 28.2.1933 dann seine erneute Verhaftung: die Koffer für die Reise ins Exil waren bereits gepackt, als er am Morgen nach dem Reichstagsbrand von der Berliner Kripo abgeholt und zunächst ins Zellengefängnis Lehrter Straße verfrachtet wurde. Mit seiner Verlegung ins KZ Sonnenburg kurze Zeit später begann die Zeit seiner Mißhandlungen und Folterungen durch die Schergen der SA und später der SS. Weitere Stationen waren Plötzensee und die KZs in Brandenburg und Oranienburg, wo Erich Mühsam in der Nacht vom 10. auf den 11.7.1934 nach 16 Monaten schlimmster Folterungen von der SS ermordet wurde.

Zenzl Mühsam schildert in ihrer Broschüre, was Erich ihr bei den wenigen Besuchen über seine „Behandlung“ durch die SA und SS erzählen konnte, und was Mitgefangene, die später freikamen, ihr berichtet haben. Gezeigt wird aber nicht nur der „Leidensweg“. In allem Beschriebenen ist auch immer der Mensch zu sehen, der sich trotz der schlimmsten Mißhandlungen nicht brechen läßt und sich in jeder Situation solidarisch mit allen Mitgefangenen verhält.

Die Broschüre läßt sich nicht lesen ohne dabei auch an die Situation der politischen Gefangenen heute zu denken: — die Klassenjustiz, die in der Verfolgung des politischen Gegners keine Grenzen kennt, während gleichzeitig inhaftierte Faschisten in jeder Beziehung protegiert werden; — die Angriffe auf die Gesundheit der politischen Gefangenen durch gezielte Verhinderung medizinischer Behandlung; — die schlecht kaschierte Ermordung eines Gefangenen, die als „Selbstmord“ verkauft wird.

In der jetzt vorgelegten Neuausgabe wird in einem ausführlichen Anhang auch auf den späteren Weg von Zenzl Mühsam eingegangen, die nach der Ermordung Erichs über die Tschechoslowakei in die Sowjetunion flüchtete. Dort trat sie zunächst auf vielen Veranstaltungen der Roten Hilfe auf und informierte über den faschistischen Terror und die grauenhaften Verhältnisse in den KZs in Deutschland. 1936 wurde sie verhaftet und verbrachte ein halbes Jahr im Gefängnis (auf die genauen Hintergründe wird im Nachwort aber leider nicht eingegangen). 1939 wurde sie nach ihrer erneuten Verhaftung zu acht Jahren Zwangsarbeit in einem Straflager verurteilt. Nach dem Krieg wurde sie entlassen und konnte 1955 wieder nach Ostberlin ausreisen, wo sie bis zu ihrem Tode 1962 lebte.

Im Anhang befinden sich auch mehrere interessante Artikel, die zwischen 1926 und 1931 von Erich Mühsam im Fanal veröffentlicht wurden und die sich mit der Solidaritätsarbeit für die politischen Gefangenen und der Arbeit in der Roten Hilfe befassen.

Kreszentia Mühsam, „Der Leidensweg Erich Mühsams". Harald-Kater-Veriag, Berlin 1994, ISBN-3-927170-07-0,86 Seiten, 12,80 Mark ♦ aus dem Gedicht „An meine Mörder" von Erich Mühsam.— (K.L.)

Linksrhein ist ein Dienst von Christof Mainberger in Konstanz und erhebt keine personenbezogenen Daten.