„Nichts als heiße Luft..
Podiumsdiskussion zur Obdachlosigkeit
„Nichts als heiße Luft..
„Man weiß gar nicht, wie man sagen soll — oder darf“, entschlüpfte Ursula Stahnke Bohnardt auf der Podiumsdiskussion über „Wohnungsbau für Randgruppen“ am vergangenen Mittwoch im Bürgersaal. Zu dieser Veranstaltung hatte die Arbeitsgemeinschaft für Gefährdetenhilfe und Jugendschutz in der Erzdiözese Freiburg (AGJ), die als Verein der Caritas angeschlossen ist, anläßlich des zehnjährigen Bestehens ihrer Beratungsstelle für Wohnungslose am Bodanplatz eingeladen.
Die Formulierungsschwierigkeiten bei diesem Thema teilte die FDP-Politikerin mit dem wohnungspolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Dr. Lang, dem Konstanzer Baubürgermeister Fischer (SPD) und nicht zuletzt mit dem .Moderator“ Werner Schwarzwälder vom „Südkurier“. Den Politikern gegenüber saßen Frieder Claus von der Esslinger „Heimstatt“, Hubert Damm von der AGJ Freiburg und Dieter Bellmann von der Neuen Arbeit. Herr Lang, konfrontiert mit zweieinhalb Millionen .Wohnungsnotfallen“, davon 40000 Obdachlosen, beklagte sich über Schlagworte, verneinte die Verantwortung der Politik und verwies auf Bevölkerungswachstum durch Zuwanderung und auf die Zerrüttung der Familien, durch die so viele Einzelhaushalte entstünden.
Frau Stahnke-Bohnardt versuchte die Diskussion auf die Wohnungsbauforderung abzulenken, bei der Vermögenden Zuschüsse fürs Häusle Bauen zugeschanzt werden. Den Obdachlosen konnte sie Hoffnung machen: Die Monatsmiete für 1-Zimmer-Appartements sei jüngst unter 700 DM gefallen.
„Nichts als heiße Luft“ komme von der Wohnbauförderung „unten“ an, wandte Frieder Claus ein. Seinem Verein ist es gelungen, durch private Investitionen für Obdachlose dezentral Wohnungen mit sozialer Betreuung einzurichten. Er forderte Landesmittel speziell zur Unterstützung solcher Investoren.
Trotz der positiven Esslinger Erfahrungen hatte Baubürgermeister Fischer Bedenken, ob ein solches Programm in Anspruch genommen würde. Denn weder würden Anwohner solche Projekte akzeptieren, noch würden sich private Investoren finden lassen, da die Häuser bei dem „Image“ der beabsichtigten Bewohner an Wert verlieren müßten.
Angesichts solchen Engagements der Politiker nachzuweisen, daß es nicht möglich ist, für Menschen würdige Unterkunft zu schaffen, stellte Hubert Damm fest, daß grundsätzlich der Konsens fehlt, daß es Armut überhaupt gibt. Jede Behörde, berichtete er, würde sich, mit Wohnungslosen konfrontiert, zunächst dreimal überlegen, ob nicht möglicherweise eine andere Stelle zuständig sei.
Diese Erfahrung bestätigte Dieter Bellmann: Die aufreibendste Arbeit sei immer wieder, die behördliche Zustimmung für unkonventionelle Wege zum Wohnungsbau zu erlangen. Die Neue Arbeit setze nicht auf private Gewinnabsicht, sondern versuche „brachliegende Arbeit“ dem Wohnungsbau zuzuführen und damit die Kosten niedrig zu halten, so daß Wohnungssuchende, inzwischen übertariflich bezahlt, ihre eigenen Wohnungen bauen. Die Neue Arbeit knüpft damit an Ideen der Wohnbaugenossenschaften der 20er Jahre an. Auseinandersetzungen derart, ob anstatt "Randgruppen“ besser "Finanzschwache“ gesagt werden sollte, waren also nur vordergründiger Ausdruck dafür, daß die etablierte Politik von ihren unmenschlichen Ergebnissen nur ablenken kann oder sie leugnet, wenn sie ihnen bei einer solchen Veranstaltung nicht, wie sonst, polizeilich beikommen kann. — (chm)