Polizist erschießt Fliehenden: 0h Konstanz stirbt man leise ...
Spekulationen und offene Fragen bleiben angesichts der offiziellen Darstellung
Polizist erschießt Fliehenden: 0h Konstanz stirbt man leise ...
Kaum länger als ein Bericht über einen Verkehrsunfall kam die Nachricht am Montag, den 19. September, von der Polizeidirektion Konstanz über das Faxgerät: Ein Beamter hatte am Montagmorgen beim Versuch, einen aus dem Krankenhaus Geflohenen festzunehmen, „von der Schußwaffe Gebrauch gemacht“ oder — nicht im Amtsdeutsch ausgedrückt — ihn erschossen. Am frühen Abend war die Pressestelle der Polizeidirektion Konstanz nicht mehr besetzt, bei den ermittelnden Beamten von der vorgesetzten Landespolizeidirektion in Freiburg kein zuständiger Beamte mehr im Haus. Kein verlängerter Dienst auf den Pressestellen, allerdings auch kein außergewöhnliches öffentliches Interesse in Form von Anfragen von Journalistinnen, wie sich im Verlauf der kommenden Tage zeigt: In Konstanz stirbt man leise.
Am nächsten Tag erklärt mir der Pressesprecher der Polizeidirektion Konstanz, daß ich selbstverständlich neue Informationen erhalten werde, „falls es in dieser Sache überhaupt noch was gibt“. Über den Tathergang war nicht viel herauszubekommen. Der 37jährige Deutsche aus Dormetingen im Landkreis Balingen hatte private Probleme, wie ein Journalist der Lokalredaktion der Neckar-Alb-Zeitung „im Vertrauen“ weitergibt. Vom Balinger Krankenhaus wurde er mit Polizeigeleit ins PLK Reichenau eingewiesen, dort wurde ein Bruch des Oberarmes festgestellt, der in Balingen noch nicht festgestellt wurde. Woher die heftige Verletzung stammt, weiß offenbar niemand. Vor seiner erneuten Verlegung ins PLK wurde der Mann im Konstanzer Krankenhaus dann aggressiv. Nach Polizeiangaben schlug er um sich und verletzte einen Pfleger leicht. In einem Privathaus in der Sierenmoosstraße soll er eine Anwohnerin mit einer Axt bedroht haben. Er versteckte sich im Garten vor der Polizei. Als ihn einer von zwei Streifenbeamten stellte, setzte er sich erneut zur Wehr. Im Verlauf einer Auseinandersetzung habe der Mann einen Polizeibeamten mit einem Messerstich an der Hand verletzt. Zuvor war die Festnahme bereits fast gelungen. Dem Mann wurde versucht Handschellen anzulegen, dies mißlang. Die Polizisten waren offensichtlich in der Offensive. Dies ist allerdings eine Spekulation aus den dürftigen Informationen der Staatsanwaltschaft Konstanz. In der Auseinandersetzung fielen zwei Schüsse. Einen traf den Mann an der Halsschlagader. Er verblutete in wenigen Minuten. Einen Abschlußbericht will die Staatsanwaltschaft Mitte Woche vorlegen. Der Beamte hat in Notwehr gehandelt, ein Fehlverhalten war nicht festzustellen, ein Verfahren wird erst gar nicht eingestellt, weil es bislang formell noch keines gab. Auch das ist Spekulation.
Diese These vertritt, nach einem Gespräch mit dem Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, auch der Chefredakteur der Konstanzer Lokalredaktion des Südkuriers, Tobias Engelsing. Seine zentrale Frage im Bericht am Tag nach dem der Mann erschossen wurde: Wie konnte der Mann unbeaufsichtigt bleiben? Der Frage, warum er erschossen wurde, geht er erst gar nicht nach. In einem „Hintergrundbericht“ beschreibt Engelsing, daß „der Bedrängte“ zustach. Es gibt also einen Bedrängten. Demnach auch einen Bedränger. Dieser schießt dann in Notwehr. Eine Logik, die nicht ganz nachvollziehbar ist. Die Staatsanwaltschaft geht nach dem derzeitigen Ermittlungsstand nicht von einem Anfangsverdacht einer strafbaren Handlung aus. Von diesem Blickwinkel fällt es dann tatsächlich schwer, Fragen nach der Notwendigkeit des tödlichen Schusses nachzugehen. Wenn es diese Fragen nicht gibt, muß über „die Sache“ erst gar kein Gras wachsen. Dieser Ansicht war offenbar auch der Sprecher der Polizeidirektion Konstanz als er am Tag nach der Tötung auf Anfrage nach weiteren Informationen mitteilte: „Falls es in der Sache überhaupt noch was gibt, werden wir es ihnen zukommenlassen.“ — (jüw)