„Offensiv positiv“
5. Bundesversammlung der Menschen mit HIV und AIDS
„Offensiv positiv“
Die 5. Bundesversammlung vom 8 bis 10. September in Stuttgart hatte mit der Installation von Gedenksteinen begonnen: Teilnehmer, Angehörige und Freunde ließen im Rahmen des Projekts „Denkraum“ der Deutschen AIDS-Stiftung vor dem Torbogen des Alten Schlossen Namenssteine zum Gedenken an die Opfer der Immunschwächekrankheit ins Pflaster des Schillerplatzes ein. Noch viele HIV-positive Menschen müssen in Anonymität leben, die oft über den Tod hinausreicht: Viele Angehörige scheuen es, eine Todesanzeige aufzugeben.
Während der Bundesversammlung unter dem Motto „Offensiv positiv“ diskutierten 400 Teilnehmer über ihr Verhältnis zu Liebe und Partnerschaft, über Trauer und Tod. Schwerpunkte bildeten Aktionen, in denen Forderungen an die Politik im Vorfeld der Bundestagswahl gestellt wurden. Standen 1990 noch 34 Millionen Mark für die AIDS-Prävention im Etat des Bundesgesundheitsministeriums zur Verfügung, so verringerte sich dieser Betrag auf 20 Millionen Mark.
„Wir werden bei konstant 6000 Neuinfektionen pro Jahr die für 1995 angekündigte Kürzung der Mittel auf 18 Millionen Mark nicht hinnehmen", sagte zum Abschluß bei der Versammlung Bernd Aretz. Entschieden wandte sich das Vorstandsmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe auch gegen die von Gesundheitsminister Seehofer praktizierten Vorgaben bei der Mittelverwendung:
„Die Beschränkung auf Präventionsmaßnahmen wie Plakate und Kondomverteilung genügt nicht, es geht um Leben mit AIDS!"
Trotz Regen ließen sich die meisten Teilnehmer sowie Freundinnen und solidarische Mitstreiterinnen aus Stuttgart und Umgebung nicht davon abhalten, auf die Situation der Menschen mit HIV und AIDS aufmerksam zu machen. Mit Trillerpfeifen und Transparenten („Genug ist genug! Schweigen = Tod , „Horst Seehofer — Schuldig!“, „Horst Seehofer = Lügner!“, „Stolz darauf, gegen AIDS zu kämpfen“) versehen zogen wir vom Tagungsort, dem Maritim-Hotel, zum Rathaus. Hier hielt u. a. Rüdiger Anhalt von ACT UP Frankfurt eine Rede (siehe nebenstehende Auszüge).
„Wahlprüfsteine“ nannten wir selbstgebastelte Pappquader, die wir vor dem Rathaus zu einer Mauer aufbauten: „Ohne Lüge sterben“, „Für die rechtliche und soziale Gleichstellung von Lesben und Schwulen“ oder „Mehr Forschungsgelder!“ lauteten die Aufschriften — Aufforderungen, AIDS auch im Wahlkampf zu einem Thema zu machen.
Während der jetzt über zehn Jahre dauernden AIDS-Krise hat es zweifellos medizinische Fortschritte gegeben. Wir wollten nicht vergessen, daß die verbesserten Therapiemöglichkeiten u.a. Folge des politischen Engagements vieler Menschen mit HIV und AIDS, ihrer Angehörigen und Freundinnen sowie ihrer engagierten HlV-Schwerpunktärzte und nicht zuletzt der amerikanischen „Gay Community“ sind. Durch Aktionen des zivilen Ungehorsams und verschiedene politische Aktivitäten konnten Forschungsprojekte durchgesetzt, Forschungsgelder erkämpft werden. Reagan konnte seine Politik der tödlichen Ignoranz nicht mehr in der gleichen skrupellosen Art und Weise wie zu Beginn der Epidemie fortsetzen. Es ist ein Skandal, daß Deutschland unter den AIDS-Forschung betreibenden Ländern an letzter, nämlich 15. Stelle liegt und kleine Länder wie Belgien, Holland oder Dänemark größere AIDSForschungs-Etats haben.
Nach der Kundgebung am Rathaus zogen wir zu den am Schillerplatz installierten Gedenksteinen. In einer Schweigeminute gedachten wir unserer verstorbenen Freundinnen und Angehörigen.
Beim Abschlußplenum würdigten die Teilnehmer die Gastfreundschaft im Maritim-Hotel und Stuttgart mit minutenlangem Beifall. Die nächste Bundesversammlung der Menschen mit HIV und AIDS wird im kommenden Jahr in Köln stattfinden, 1996 ist Leipzig vorgesehen. (Über die Stuttgarter Hocketse wird zu einem späteren Zeitpunkt berichtet.)
— (Ralf, Rainbowgruppe der AlDS-Hilfe)