Wachsende Solidarität bei Angestellten
Tarifrunde 1995: Nachgefragt per Telefon
Wachsende Solidarität bei Angestellten
Heute abend formulierte In der Landesschau Herr Hundt die Forderungen des VMI zur Tarifrunde ’95. Stellen in Zukunft die Arbeitgeber die Tarifforderungen?
Mit zunehmender Arbeitslosigkeit werden die Unternehmer auch frecher gegenüber den Arbeitnehmern in den Betrieben. Letztes Jahr sind sie zum ersten Mal mit der Kündigung von Tarifverträgen in die Tarifrunde gegangen. Was damals einmalig schien, gehört jetzt anscheinend zur veränderten gesellschaftlichen Realität. Durch die Situation, daß die Arbeitslosigkeit weiter wächst trotz steigender Konjunktur, wollen sie Druck ausüben — sie gehen davon aus, daß die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes die Belegschaften lähmt.
Herr Hundt fordert Kostenentlastung, d.h. Kompensation der Lohnerhöhung durch Produktivitätsverbesserung oder Abstriche bei Urlaubsgeld, Überstundenzuschlägen etc., Insbesondere aber, daS die 35-Stunden-Woche aufgeschoben wird.
Für die Metaller und MetallerInnen kann es kein Abrücken von der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich geben. Dazu zwingt schon die Situation, wie ich sie vorher beschrieben habe. Mit dem Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung vom vergangenen Jahr mußten die Unternehmer erstmals zugeben, daß Arbeitszeitverkürzung Arbeitsplätze sichert. Und damit ist klar: Wenn die Höhe der Arbeitszeitverkürzung groß genug ist, können die Unternehmer auch zu Einstellungen gezwungen werden. Die momentane Entwicklung schreit direkt nach Arbeitszeitverkürzung. In den letzten zwei Jahren hat es gerade in der Metall- und Elektroindustrie ganz gewaltige Produktivitätssprünge gegeben. Damit ist die von Hundt geforderte Kompensation bereits größtenteils von den Unternehmern eingefahren worden.
Wie hat sich bei Euch die Einkommenssituation seit der letzten Tarifrunde entwickelt?
Seit Jahren haben wir Reallohnverluste, d.h. die Preissteigerungsraten wurden durch die Tariferhöhungen kaum eingefangen; und die Produktivitätszuwächse wurden überhaupt nicht mehr an die Beschäftigten weitergegeben, sondern wurden allein von den Unternehmern kassiert.
Von Mercedes waren in den letzten Wochen fast unglaubliche Zahlen für die Produktivitätssteigerung zu hören. Wie kommt das zustande? Sind da die Arbeitsbedingungen noch erträglich? Wie wirkt sich das auf die Gesundheit aus?
Im letzten Jahr ist die Produktivität im PKW-Bereich im Schnitt um 21 Prozent gestiegen. Diese Steigerung der Produktivität wurde erreicht durch neue Technologien und veränderte, fertigungsgerechtere Konstruktion, vor allem aber auf dem Rücken der Kolleginnen und Kollegen. Dazu gehören verkürzte Vorgabezeiten und das Durchfahren von Pausen usw. Trotzdem ist der Krankenstand gesunken. Das hat die Sorge um den Erhalt des Arbeitsplatzes bewirkt und die Angst vor Versetzung.
In weiten Teilen ist die Leistungsschraube derart angezogen worden, daß das Tempo selbst von olympiareifen jungen Fachkräften kaum noch durchzuhalten ist.
Auf der Delegiertenkonferenz der IG Metall vor knapp vier Wochen wurde einer Prozentforderung der Vorrang gegeben. Aus Betrieben, z.B. Bosch Feuerbach, wurden Festgeldforderungen bekannt. Wie ist der Diskussionsstand bei Euch?
Die Diskussion um Festgeld oder prozentuale Forderungen teilt die IG Metall. Bei uns im Werk ist es auch so, wobei es aber sehr starke Tendenzen hin zu Festgeldforderungen gibt oder zu einer Mischform mit prozentualer Forderung und Festgeldanteil, z.B. Sockelbetrag. Das gilt als Kompromißform, um die unteren Einkommen überproportional anwachsen zu lassen. Das ist eine Forderung, die auch in Angestelltenbereichen zunehmend Zustimmung findet.
Überhaupt findet man ein gutes Stück Solidarität bei den Angestellten, zugunsten der niedrigeren Einkommen bei sich selber auf größere Einkommenszuwächse zu verzichten. Bei den angestellten Kolleginnen und Kollegen verbreitet sich die Einsicht, daß die offizielle Warenkorb-Preissteigerungsrate eine theoretische ist und mit der praktischen im täglichen Leben nicht zu tun hat. Vor allem die Mietsteigerungen sind deutlich überproportional, und auch die Waren des tägliche Bedarfs liegen deutlich über der offiziellen Durchschnitts-Teuerung, was vor allem die Haushalte mit kleinem und mittlerem Einkommen hart trifft. Es sind auch schon erste Ergebnisse in der Diskussion in Richtung zur Überwindung der Schranken zwischen Arbeitern und Angestellten festzustellen.
Siegfried Deuschle ist Betriebsrat (Angestellte) bei Mercedes-Benz In Sindelfingen. MH Ihm telefonierte am 10.10. Ulrike Küstler.