Heft 21 vom 13.10.1994 6/21 scan 2026-07-31

Tarifvertrag der Zukunft?

Zukunftsforum Gewerkschaften


Zukunftsforum Gewerkschaften

Tarifvertrag der Zukunft?

Seit Abschluß des Haus-Tarifvertrags bei VW (Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich) gab es zahlreiche tarifliche und betriebliche Regelungen ähnlicher Art. Gibt es jetzt nur noch die Umverteilung innerhalb der Klasse der Lohnabhängigen? Antworten darauf versuchte Detlev Hensche, Vorsitzender der IG Medien, zu geben. Auf Einladung des „Zukunftsforums Gewerkschaften“ stellte er am 5. Oktober 1994 im Stuttgarter Gewerkschaftshaus einige provokative Thesen auf:

  • Ausgangspunkt für ihn ist, daß die Massenarbeitslosigkeit alle Lohnabhängigen betrifft. So werden Tarife unterlaufen und der Druck des Arbeitsmarktes schränkt die Möglichkeiten der Belegschaften stark ein.
  • Also müsse eine Umverteilung der vorhandenen Arbeit her. Neben dem Staat seien die Gewerkschaften dort gefordert, wo sie handlungsfähig seien: in der Tarifpolitik.
  • Jetzt sei eine neue Offensive für Arbeitszeitverkürzung nötig. Es gebe unterschiedliche Möglichkeiten wie das Recht auf Teilzeit oder das Recht auf vorübergehenden Ausstieg.
  • Wer sich zur Arbeitszeitverkürzung bekenne, der müsse große Schritte einkalkulieren. Dafür sei auch gesetzlicher Flankenschutz nötig und die Frage nach Lohnzuschüssen von staatlichen Stellen oder vom Arbeitsamt müsse gestellt werden.
  • Voller Lohnausgleich gehe dann nicht mehr ganz. Vorstellen konnte sich Detlev Hensche einen differenzierten Lohnausgleich wie vollen Lohnausgleich für die unteren Einkommen und ab einer gewissen Einkommenshöhe Verzicht. Dies sei natürlich Umverteilung in den eigenen Reihen, aber jeder Tarifabschluß beinhalte Umverteilung auch innerhalb der Lohnabhängigen.
  • Nötig sei also eine Tarifpolitik des Ausgleichs, um die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen.

In der Diskussion verwiesen mehrere Gewerkschafter auf die enorme Zunahme der Intensivierung der Arbeit, so daß Arbeitszeitverkürzung keinen Ausweg mehr darstelle. Trotz kürzerer Arbeitszeit habe die Zeitsouveränität abgenommen. Außerdem habe das VW-Modell nur äußerst beschränkt Nachfolger gefunden, Firmen wie Bosch, SEL, Opel, Ford etc. lehnten dies kategorisch ab. Letztlich müsse gefragt werden, ob heutzutage mittels Tarifpolitik überhaupt noch Gesellschaftspolitik betrieben werden kann. — (ros)

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