Heft 23 vom 10.11.1994 6/23 scan 2026-07-31

„Entlastung für untere Einkommen!“

IG Metall Delegiertenkonferenz Heidelberg


IG Metall Delegiertenkonferenz Heidelberg

„Entlastung für untere Einkommen!“

Heidelberg. Die a.o. örtliche IG-Metall-Vertreterversammlung hat am 25.10.94 mehrheitlich in einer Entschließung an die große Tarifkommission eine Lohnforderung von 6 % sowie eine „spürbare Entlastung“ für die unteren Einkommensgruppen verabschiedet. In der Konferenz unterstützten die Vertreter der beiden größten Betriebe, Heidelberger Druckmaschinen und ABB, die allein über die Hälfte der Delegierten stellten, den vorher gefaßten Mehrheitsbeschluß der Ortsverwaltung für 6%. Ein Änderungsantrag von Delegierten der Firmen Thermal-Werke Hockenheim, Bundy, Borg Warner und Grau für 220 DM Festgeld-Tarifforderung (entspricht im Volumen ebenfalls 6%) sowie Aufstellung der Forderung: Wiederinkraftsetzen des Tarifvertrags Vermögenswirksame Leistungen ab 1.1.95 in unveränderter Form erhielt in der Abstimmung etwa ein Drittel der Stimmen der Anwesenden.

Der Redebeitrag von Bezirksleiter Zambelli bestätigte die negativen Befürchtungen für die kommende Tarifbewegung. Zunächst versuchte er, von der eigenen falschen Tarifpolitik der IG-Metall-Führung abzulenken bzw. die zunehmenden Verstöße gegen geltende Tarifverträge den gebeutelten Belegschaften und betrieblichen Interessenvertretern selbst in die Schuhe zu schieben, weil sie sich angeblich „nicht genügend dagegen wehren“ würden. Betriebliche Funktionäre würden darüber hinaus grob fahrlässig die Tarifergebnisse der letzten Jahre schlecht machen. Es sei unverantwortlich, einfach Forderungen zu erheben, weil wir dies oder jenes „brauchen“.

Genauso müsse man nachdenken, ob man so was wie Festgeld überhaupt machen könne. Es gebe genug rationale Gründe dagegen. Diese zog Zambelli dann auch in bekannter Manier an den Haaren herbei: Einmal sei Festgeld am Ende im Zeitlohn bzw. Akkord oder bei den Angestellten durch die verschiedenen Leistungsbestandteile doch nicht für alle dasselbe. Im übrigen sei es klare IGMetall-Linie, die Facharbeiter und die unteren Einkommen ab dem kommenden Jahr über den zukünftigen Entgelttarif besser stellen zu wollen. In der Tarifbewegung jetzt ginge das aber noch weniger als in den beiden letzten Jahren. Insgesamt scheint es leider in höheren IG-Metall-Kreisen ständig zuzunehmen, sich immer mehr offensichtlicher Kapitalistenargumentationen zu bedienen. So, wenn im Zusammenhang mit der Weitergewährung bisheriger tariflicher Leistungen von „Forderung“ gesprochen wird. Oder wenn in IG-Metall-Veröffentlichungen unter Eigenlob zu lesen ist, 1994 habe man „zugunsten der Erholung der Profite“ bewußt auf Lohnerhöhung verzichtet.

Offensichtlich rechnen sich sowohl die Kapitalisten als auch die IGM-Führung aus, nicht zuletzt mit einem offenen Tarifvertrag Vermögenswirksame Leistungen am grünen Verhandlungstisch im stillen Kämmerlein ordentlich Manövriermasse zu haben, um der Lohnbewegung erneut eins aufs Auge zu drücken. Es riecht förmlich danach. Wobei andererseits durchaus noch Spielraum und Zeit da ist, hier entsprechend gegenzuwirken. — (aro)

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