SEL: Wie Beschäftigung sichern?
Nachgefragt per Telefon: Helmut Schröder, IG-Metaller und Betriebsrat bei SEL Stuttgart
SEL: Wie Beschäftigung sichern?
"Verluste 1994, Trendwende 1995, Gewinn 1996"war die Überschrift eines persönlichen Briefs des Vorstands von Alcatel SEL an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir sprachen mit Helmut Schröder, IG-Metaller und Betriebsrat in der Stuttgarter SEL-Hauptverwaltung."
Der bewußte Brief endet mit dem Satz; „Bitte helfen Sie beim Umgestalten mit!" Wie wurde das aufgenommen?
Das haben viele schon als eine Frechheit empfunden. Der Brief kam ja direkt, nachdem bekanntgeworden war, daß von den bundesweit 21000 Beschäftigten 5300 entlassen werden sollen. Ist das Umgestalten? Noch im September wurde in Mannheim ein Interessenausgleich mit Sozialplan abgeschlossen, der 450 Arbeitsplätze unbegrenzt garantiert. Jetzt soll das Werk ganz geschlossen werden. Daß dieses Jahr ein operativer Verlust rauskommen wird, war ja schon im Mai bekannt. Überraschend ist der Verlust also nicht eingetreten. Und im vergangenen Jahr wurden schließlich noch 160 Millionen Mark Jahresüberschuß erwirtschaftet.
Woher kommen die Verluste?
Das Hauptproblem besteht bei der Post mit dem System 12, den digitalen Vermittlungsstellen — das ist ja aus den Medien bekannt. Das führt zu Konventionalstrafen und fehlenden Anschlußaufträgen. Das System ist seit zehn Jahren auf dem Markt. In der Belegschaft wird vor allem kritisiert, daß in den Boomjahren die Neuentwicklungen verschlafen wurden. Damals stieg der Umsatz vor allem durch den Aufbau des Telefonnetzes in den neuen Bundesländern von 4 Mrd. auf 6 Mrd. Mark, und der gesamte Entwicklungsbereich wurde eingesetzt, um diese Aufträge zu erfüllen. Die Überschüsse — das sind Gewinn, Rückstellungen und Finanzanlagen — erreichte laut Geschäftsbericht die Rekordhöhe von 1,6 Mrd. DM (1991/92 kumuliert). Der Markt im Osten ist aber jetzt gesättigt, und im Westen wird derzeit nicht viel investiert. Auch im Bereich der neuen Kommunikationstechnik — Datenautobahn — hat die Geschäftsführung nicht viel getan, um da reinzukommen.
Wieso sind im Entwicklungsbereich so viele Arbeitsplätze betroffen?
Das sind die strukturellen Veränderungen. Heutzutage ist bei der Umstellung alter auf neue Ämter die Hardware standardisiert, die Software muß aber jeweils neu programmiert werden. Bei der Herstellung der Programme gibt es nicht mehr die scharfe Trennung zwischen Entwicklung und Produktion. Außerdem braucht man immer weniger Hardware, die Geräte werden immer kleiner und billiger, die Montage wird einfacher.
Wie wird der Personalabbau durch geführt?
Viele, die so Mitte fünfzig sind, dachten: Bis 60 schaffen wir noch. Wenn die Abfindungen stimmen, würden einige jetzt schon gerne gehen. Die Personalabteilung versucht auch, Leute unter Druck zu setzen. Dem Betriebsrat wurde bekannt, daß Kündigungen sogar Leuten angedroht wurden, die in Alterssicherung sind.
Was ist das?
Nach dem Manteltarifvertrag der IG Metall sind Beschäftigte ab dem 53. Lebensjahr nur noch aus ganz wichtigem Grund kündbar. Auch jüngere bis hinab zu 48 Jahren werden gefragt, ob sie nicht gehen wollen.
Aber diese Maßnahmen reichen kaum für den geplanten Abbau?
Dann folgen die betriebsbedingten Kündigungen: 2300 sollen noch in diesem Jahr, 1995 nochmal 3000 ausgesprochen werden. Bei der Bürokommunikation in Weilimdorf wurden ca. 50 bis 60 Kündigungen ausgesprochen.
Was macht der Betriebsrat?
Er will die Anwendung des Beschäftigungssicherungstarifvertrages. Das wäre eine Regelung ähnlich wie bei VW, allerdings mit der Untergrenze von 30 Stunden pro Woche. Aber die Geschäftsführung ist strikt dagegen. Der Betriebsrat diskutiert darüber, die Kolleginnen und Kollegen durch eine Unterschriftensammlung zu befragen, ob dieser Tarifvertrag angewandt werden soll, um damit Druck auf die Geschäftsleitung auszuüben.
Bringt das mehr als Zeitaufschub?
Damit kann mancher zumindest Zeit gewinnen, um einen neuen Job zu finden. Und man kann auch Know how im Betrieb halten, denn die guten Leute schauen sich jetzt um, die könnte man halten.
Wird die Lage übers Jahr besser?
Die Geschäftsführung sollte versuchen, neue Aufträge an Land zu ziehen und ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Bei einer Umfrage im Forschungszentrum haben von 300 Befragten über 50 Prozent geantwortet; und davon waren 88 Prozent für die Anwendung des Beschäftigungssicherungs-Tarifvertrages (d.h. Arbeitszeitverkürzung bis auf 30 Stunden bei einem Teilausgleich), 48 Prozent waren für Versetzungen, 14,5 Prozent für Teilzeit (Arbeitszeit weniger als 30 Stunden). Bei den Befragten handelt es sich um hochdotierte Leute: Diplomingenieure etc.
Wie schätzt Du die Bemühungen der Politiker zur Rettung der Arbeitsplätze ein?
Von Wirtschaftsminister Spöri konnte man bisher nur Versprechungen hören, aber keine konkreten Sachen; die meisten Kollegen haben da nicht viele Hoffnungen.
Die „Stuttgarter Zeitung" deutete an, die Franzosen würden ihre Arbeitslosigkeit nach Deutschland exportieren und die moderne Technologie nach Frankreich.
Diese Darstellung ist zu einfach. Zu der Katastrophe haben drei Sachen beigetragen: hausgemachte Probleme, die Beschaffungspolitik der Post bzw. des Staates, die gesamtwirtschaftliche Lage. Da kann man nicht nur sagen: Die Franzosen sind böse. Allerdings denken die schon auch zuerst an sich. In der NSG — Network System Group — ist keiner mehr vom deutschen Management drin; damit sinkt sein Einfluß.
Andererseits darf Suard nur mit Polizeigenehmigung ins Ausland, seine Büros wurden durchsucht wegen falscher Abrechnungen und Aufwendungen für sein Privathaus. Da gibt es Parallelen zum Fall Dr. Lohr, dem Vorgänger Zeidlers; der saß im Gefängnis wegen Unterschlagung von Firmengeldern.
Die Kollegen sind sauer, und die ganze Lage erhöht nicht gerade die Arbeitslust. Andererseits muß die neue Version von System 12 abgeliefert werden, es werden mit Hochdruck Überstunden gemacht, und es wird gesagt, davon hängt viel ab. Das ist schon eine paradoxe Situation. Viele meinen, das sei bewußt geplant, um Alcatel SEL auseinanderzunehmen, das dann bald nur noch ein Systemhandelshaus wäre. Das würde bedeuten, daß noch sehr viele Leute ihren Arbeitsplatz verlieren.
Die Fragen stellte Ulrike Küstler.