Ein attraktiver öffentlicher Personennahverkehr nützt allen
Verkehrsplanung
Ein attraktiver öffentlicher Personennahverkehr nützt allen
Jetzt rollt er also im 30-Minuten-Takt der vielgerühmte „Seehas“. Alle Buslinien der SBG sind in den Ankunftszeiten auf ihn umgestellt worden, und die Benutzer können sich freuen. Oder nicht? Nun, die Engener können sich vielleicht etwas weniger freuen, denn wenn sie mal in Konstanz ins Kino oder Konzert gehen, müssen sie das Vergnügen früh abbrechen, damit sie den letzten Zug nachhause um 22.25 Uhr erreichen. Genauso geht es den Gailingern, weil um 23.10 Uhr der letzte Bus (Anrufsammeltaxi) von Singen zurück geht. (Sonntags sogar schon eine Stunde früher.) Während man aus Engen auch am Wochenende ab 5.13 Uhr wegkommt, erreicht man von Gailingen aus samstags frühestens um 7.06 Uhr den Singener Bahnhof und sonntags sogar erst um 9.55 Uhr. Dafür kann man dann alltags nach 21.00 Uhr und wochenends nach 20.00 Uhr den Ort nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln verlassen. Es sei denn, man läuft eine halbe Stunde den Rheinhang runter und hoch zum Diessenhofener SBB-Bahnhof. Letzte Abfahrt 22.13 Uhr Richtung Konstanz. Aus Kostengründen ist auch der letzte Zug vom Bodensee nach Schaffhausen gestrichen worden, so daß man schon um 21.49 Uhr Konstanz verlassen muß, wenn man diesen Weg wählt.
Fast schon eine Posse ...
Dies sind nur zwei Beispiele von vielen aus dem Bereich Höri-Hegau-Hochrhein. Die hochgelobte Vertaktung des „Seehas“ wirkt ebenfalls nur in eine Richtung, denn wenn der Zug in Singen ankommt, sieht man vom Bus nur noch die Schlußlichter und braucht günstigstenfalls nur eine Stunde zu warten. Genausowenig klappt der Anschluß mit der SBB z.B. von Stein am Rhein in Richtung Höri; auch hier eine Stunde Wartezeit wegen fehlender zwei Minuten! Begründung auf telefonische Nachfrage: Der Bus müsse ja pünktlich in Radolfzell sein wegen dem „Seehas“! Das hat wirklich schon fast Possencharakter. Diese Beispiele sind bewußt so akribisch genau aufgeführt, um zu zeigen, wie schlecht der hiesige öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) auf die Bedürfnisse der Bewohner kleinerer Ortschaften zugeschnitten ist. Wer in Gailingen in einer der Reha-Einrichtungen arbeitet, kann weder für Dienst noch Freizeit die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, braucht also den PKW, um hin und weg zu kommen.
Dabei ist doch jeder ständig und allerorten mit den Auswirkungen des täglichen Raubbaus an der Natur konfrontiert (Ozonalarm, Smog, Ozonloch, Lärm, Waldsterben, Aussterben von Tier- und Pflanzenarten ...). Weitere Folgen sind u.a. die Zunahme von Atemwegserkrankungen, Allergien, Herzkreislaufkrankheiten und Störungen des Bewegungsapparates. All diese Erscheinungen können zu großen Teilen direkt oder indirekt als Folgen der herrschenden Verkehrspolitik gebranntmarkt werden.
Marktwirtschaft erzwingt Mobilität
Da die „freie Marktwirtschaft“ von ihren Bürgern Flexibilität, unterschiedlich hohe Mieten und (folglich) Mobilität verlangt, sind diese gezwungen zu „pendeln“ (siehe Schaubild). Ob und wie sie zu ihrer Arbeitsstelle kommen, und was es sie kostet an Geld und Gesundheit, ist „Privatsache“ des Einzelnen. Und wenn’s kein öffentliches Verkehrsmittel gibt, hat er auch die Freiheit, das private zu benutzen!
Ein weiteres Beispiel ist die Warenversorgung, die seit Jahren, sowohl in der BRD als auch in der Schweiz, zunehmend von der Schiene auf die Straße verlagert wurde. Mittlerweile gibt es bestimmte Versorgungslinien für den Bahnfrachtverkehr schon gar nicht mehr. Der Güterfernverkehr rollt über die Autobahnen Europas „fern-schnellgut“, ohne Rücksicht auf Mensch, Tier und Pflanze.
Fragt man nun bei den entscheidenden Politikern nach, warum das alles so ist wie es ist, bekommt man nur eine einzige Antwort: Alles andere wäre viel zu teuer, wäre sozusagen unbezahlbar und würde von der Bevölkerung auch gar nicht gewünscht. Daß das nicht stimmt und auf längere Sicht sogar das Gegenteil der Fall ist, zeigen Untersuchungen der GRÜNEN, die schon vor Jahren veröffentlicht wurden. Im Zusammenhang mit der Einrichtung der S-Bahnlinie Weinfelden-Konstanz-Engen, womit „eine neue, modellhafte, grenzüberschreitende Kooperation im Schienenbereich Wirklichkeit werde“ (H. Emmerich, Deutsche Bundesbahn AG), äußerten zwei Verkehrsexperten im „Wochenblatt“ ihre Meinung zu dem Thema. Da sie zu bemerkenswerten Schlüssen kommen, sollen diese hier noch einmal zusammengefaßt werden. Zumal z.B. in Konstanz demnächst eine Arbeitsgruppe mit der Problematik ÖPNV und Tarifverbund beschäftigt ist (siehe Kommunale Berichte 23).
Attraktiver Nahverkehr nützt auch Wirtschaft
Am 6.7.94 konnte man die klare Position des schweizerischen Stadtplaners und Verkehrsingenieurs Peter Wieland, die er auf einer Veranstaltung der IHK Hochrhein-Bodensee und des Landratsamtes Konstanz vertreten hatte nachlesen. Hier in Kurzform die wichtigsten Aspekte: Wenn der ÖPNV attraktiv und kundenfreundlich gestaltet wird, kann er sehr wohl auch der Wirtschaft nützen. Er schafft sichere Arbeitsplätze für Fahrer, Wartung, Verwaltung und Verkauf. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen die Beschäftigten sicherer, pünktlicher und ausgeruhter zur Arbeit und nach Haus. Weniger Kosten für Betriebsparkplätze (je nach Art: 4000 bis 50000 DM pro Parkplatz). Bessere Ausnutzung der Verkehrsmittel steigert die Einnahmen. Tarifverbund ist notwendig für das Umsteigen auf Bus und Bahn, d.h. eine Fahrkarte für die gesamte Fahrt. Attraktive Fahrpläne und mehr Haltestellen bringen mehr Kunden. Erst wenn derartig benutzerfreundliche Verbindungen geschaffen sind, kann man dazu übergehen, gewisse Erschwernisse für Autofahrer einzuführen.
Am 13.7., ebenfalls im „Wochenblatt“, ein ganzseitiger Artikel, in dem der Tübinger Nahverkehrsexperte Ulrich Grosse das „Seehas“-Konzept lobt, es aber nur als einen Anfang bezeichnet. Weitere Punkte seines Vorstellungskatalogs: Ohne Subventionierung durch die öffentliche Hand geht nichts, aber wo sich Interessen kreuzen ist auch Geld da. So zahlt z.B. ein Kunde in der Schweiz 78 Franken für seine Monatskarte, welche mit 25 Franken bezuschußt wird. Damit ist dann aber auch die Kommune das Autoproblem los. Deshalb kann der Bedarf auch nur vor Ort geregelt werden. Die Zuschüsse für die erforderlichen Verkehrsmittel sollen vom Land und über die Kreisumlage aufgebracht werden. Im kommenden Nahverkehrsgesetz werde geklärt, daß die Landkreise allein die Träger des ÖPNV seien, sie müssen sebst einen Nahverkehrsplan aufstellen. Der Landkreis ist eine Solidargemeinschaft, er bekommt die Zuschüsse vom Land, muß sie weiterleiten und evtl, auch dafür sorgen, daß kleinere Gemeinden nicht für ihren Nahverkehr bluten müssen.
Der Linienverkehr soll sowohl die Schüler als auch die Berufspendler bedienen und ebenfalls die Bedürfnisse des Freizeitverkehrs berücksichtigen, dann seien auch alle Busse bis in die Nacht hinein voll, wie es in Tübingen der Fall ist. Überhaupt soll man nicht immer nur über das Geld reden, sondern auf die Grundmotivation zurückkommen: Stadtlinienverkehr nicht zum Geldverdienen einrichten, sondern zum Zwecke der Mobilität.
Für die privaten Busfirmen ist es nicht von Interesse, wenn wenig rentable Strecken nicht befahren werden, für die Kunden jedoch sind Verfügbarkeit und Schnelligkeit die wichtigsten Benutzungsgründe. Deshalb ist es vernünftig, je nach Bedarf, auch kleinere Fahrzeuge einzusetzen, um auch wenig benützte Strecken noch spät zu bedienen. Auch beleuchtete und überdachte Haltestellen mit gut lesbaren Fahrplänen sind wichtig, wenn man Kunden zufriedenstellen will. Vor allem aber gilt eines: Wenn der Mensch mit Bus und Schiene schneller ist als mit dem Auto, dann steigt er gern um!
Die Ablösesummen von Parkplätzen sollten zur Förderung des öffentlichen Nahverkehrs benutzt werden dürfen, meint Grosse, aber das erlaube die Gesetzgebung heute noch nicht. Aber die Probleme mit fehlenden Parkplätzen und zunehmenden Staus seien ja heute schon unübersehbar, und wenn cs echt keinen Platz mehr für das Auto gäbe, wäre der Nahverkehr unendlich attraktiv. Da die Geldmenge im Topf der Gemeinde-Verkehrs-Finanzierung per Gesetz verdoppelt wurde, ermuntert Grosse alle Städte und Gemeinden, das Problem ÖPNV sofort anzupacken. Das Nahverkehrsgesetz soll bis Ende des Jahres auf dem Tisch liegen, und die Gemeinden, die es geschafft haben einen Verkehrsverbund mit Bus und Bahn zu regeln, bekommen die Zuschüsse des Landes.
Parkhaus statt S-Bahn
Soweit, so gut. Leider sind Politiker, wenn's ums Ganze geht, meist ungeheuer kurzsichtig. So hat z.B. der Gailinger CDU-Bürgermeister dafür die Weichen gestellt, daß im Ort ein Parkhaus gebaut werden kann zum veranschlagten Preis von 1,2 Millionen DM. Dagegen ist dann schon ein bitterer Witz, im „Südkurier“ zu lesen, daß der Antrag der Gemeinde Engen, die SBahn eine Stunde länger fahren zu lassen abgelehnt wurde, weil sie sonst 163000 Mark im Jahr (!) mehr kosten würde.
Vielleicht sollte man Leute wie Landrat Maus erstens zwingen, alle wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema ÖPNV gewissenhaft zu beachten; zweitens sollte er gern mal alle seine Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigen müssen und drittens sei ihm und seinen Kollegen noch einmal in Erinnerung gebracht, daß der Sinn und Zweck öffentlicher Verkehrsmittel der Transport der (Fahrgeld und Steuer und Abgaben zahlenden) Fahrgäste ist und nicht die profitliche Ausnutzung derselben! Ein attraktiver ÖPNV nutzt allen und trägt sich wahrscheinlich sogar selbst, wenn er erst einmal den Ansprüchen gerecht wird.
— (tia)